Ehemalige Heimkinder gesucht

Für ein Gespräch/Interview über Medikamentenversuche an Heimkindern in den 1950er bis 1970er Jahren

Wer wird gesucht?
Ehemalige Heimkinder, die in den 1950er bis 1970er Jahren Medikamentenversuchen bzw. Medikamentenmissbrauch ausgesetzt waren. (Betroffene, die damals in eine Psychiatrie oder in einer Einrichtung für Menschen mit einer Behinderung untergebracht waren, sollen im Rahmen dieser Studie nicht befragt werden)

Wann?
Zwischen August und September 2019

Wofür?
Für ein Gespräch über das persönliche Erleben des Medikamentenmissbrauchs. Im Fokus dabei sollen die psychische Verarbeitung dieser Erlebnisse und die Hindernisse in der Verarbeitung stehen.

Warum?
Um einen Beitrag in der Aufarbeitung der Geschehnisse zu leisten sowie zu reflektieren wie der (gesellschaftliche) Umgang mit Traumata nachdem sie geschehen sind aussehen sollte, möchte ich diese Studie durchführen und dafür mit ihnen ein Gespräch führen.

Zu meiner Person:
Mein Name ist Jakob Schlottner. Ich bin 24 Jahre alt und studiere Psychologie im Master an der Universität zu Lübeck. Ich setzte mich schon länger mit traumatischen Erlebnissen in der Generation meiner Großeltern (Flucht aus Ostpreußen) und wie sich diese Erlebnisse auch noch heute auswirken, auseinander. Vor dem Hintergrund dieses schon bestehenden Interesses und der seit kurzem beginnenden Aufarbeitung der Medikamentenversuche in Heimen in den 1950er bis 1970er, hat sich nun dieses Thema für meine Masterarbeit entwickelt.

Ich bin interessiert an einem von Ihnen aktiv mitgestalteten Gespräch, um ihre Erfahrungen für meine Masterarbeit aber auch für einen kleinen Beitrag zur Aufarbeitung der Medikamentenversuche zu nutzten. Ihre Angaben werden vertraulich behandelt und persönliche Daten unkenntlich gemacht.

Für Ihre Mithilfe wäre ich Ihnen sehr dankbar!

Wie?
Bei Interesse melden Sie sich bei mir und wir vereinbare ein Treffen: Tel: 0160/99446951 Email: jakobschlottner@gmail.com



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Ex-Heimkinder fordern 500 Euro Opferrente

Domradio.de,
19.06.2019

Der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) fordert eine monatliche Opferrente von 500 Euro, die nicht auf andere Sozialleistungen angerechnet wird. Sie habe die Befürchtung, Politik, Kirchen und Gesellschaft wollten einen Schlussstrich unter dieses düstere Kapitel der Geschichte ziehen, sagte VEH-Sprecherin Doris Petras der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Daher habe der Verein am selben Tag einen Offenen Brief an die katholische Deutsche Bischofskonferenz veröffentlicht, dem weitere Briefe und Aktionen folgen sollen – als nächstes an die evangelische Kirche, aber danach auch an Jugendämter, Ärzteverbände, die Pharmaindustrie und andere mehr.

In dem Offenen Brief wirft der Verein der katholischen Kirche vor, immer noch zu wenig zu tun, um den ehemaligen Heimkindern zu helfen, trotz aller Traumata aus der Zeit im Heim ein einigermaßen normales Leben führen zu können. “Diese Chance hatten die meisten bisher noch nie in ihrem Leben”, sagte Petras der KNA: “Viele haben einfach keine Kraft mehr, sind vereinsamt und konnten nie richtig arbeiten und damit auch nie eine vernünftige Rente erwirtschaften.”

Zu dem Offenen Brief wolle sich die Bischofskonferenz “wie grundsätzlich zu allen Offenen Briefen” nicht äußern, hieß es auf Anfrage. In einem früheren Brief an den VEH, der der KNA vorliegt, hatte der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, unter anderem zugesagt, sich gemeinsam mit der evangelischen Kirche für eine Reform des Opferentschädigungsgesetzes OEG und weitere “betroffenenfreundliche Regelungen” im Entschädigungsrecht einzusetzen. Außerdem hatte er auf die Beteiligung der Kirchen am “Fonds Heimerziehung” und an der “Stiftung Anerkennung und Hilfe” hingewiesen. (dpa, 19.6.2019)

Quelle

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Wir fordern eine Opferrente!

Der Verein und weitere Selbsthilfegruppen haben einen Brief an sämtliche katholische Bischöfe versandt, dazu ein gesondertes Schreiben an die deutsche Bischofskonferenz.

Die Antworten waren beschämend: Es erreichten uns lediglich vier (!) Schreiben von insgesamt 28 Bischöfen (vielmehr deren Büros). Von der Bischofskonferenz war die Antwort gleich ganz Schweigen!

Wir haben also nach reiflicher Überlegung beschlossen, mit diesem Schreiben an die Öffentlichkeit zu gehen, denn wir denken doch, dass wir und unser Anliegen zumindest eine Antwort wert sind!

Hier der Brief im Wortlaut

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Schulterschluss der Opfervertretungen

Pressemitteilung, 15.05.2019

Opfergleichstellung und Opferentschädigung statt Entschuldigungen

Zeit, über das Leid zu sprechen hieß eine Veranstaltung der “Stiftung Anerkennung und Hilfe” am 13. Mai 2019 im Museum für Kommunikation in Berlin.

Wir, die Opfer  und Opfervertretungen aus Säuglingsheimen, Kinderheimen, Erziehungsheimen, Psychiatrien, “Behinderten”einrichtungen und Internaten haben die medienwirksamen, jedoch nicht ehrlichen Lippenbekenntnisse von Politik und Kirchen satt!

Wir sind des Redens müde, der Erklärungen überdrüssig, sind die nicht ernst gemeinten Entschuldigungen leid!

Wir brauchen keine weiteren fadenscheinigen Veranstaltungen mehr, die folgenlos bleiben.

Veranstaltungen, auf denen das Verhalten von Politikern und Vertretern der Kirchen nicht zu Ihren “Entschuldigungen” passen. Brauchen keine Worthülsen, keine Aufarbeitungen, in Auftrag gegeben von Täterorganisationen, keine Bitten um Vergebung, die nur denen helfen, die sich an uns millionenfach schuldig gemacht haben.

Wir fordern den Staat auf 

● eine Enquete-Kommission im deutschen Bundestag einzurichten 

● fordern  Staat und Länder, Kirchen, Ärztekammern und Pharma-Industrie auf uns endlich das zu geben, was wir benötigen: 

– Respekt für unser erlittenes Leid

– ein menschliches Leben

– die Möglichkeit unser restliches Leben in Würde zu leben.

Wir werden uns von Ihnen nicht mehr vereinzeln lassen, wir sind keine Opfer zweiten und dritten Grades, keine ehemaligen Heimkinder UND Behinderte UND Psychiatrisierte UND ehemalige InternatsschülerInnen – wir alle gemeinsam sind Überlebende deutscher Erziehung – in Heimen, Internaten und Psychiatrien. Wir sind die Opfer eines Staatsversagens auf allen Ebenen in der Nachkriegszeit bis Ende der 1970er Jahre.

Wir alle gemeinsam sind

• Überlebende von Medikamentenmissbräuchen und Arzneimittelversuchen.

• Überlebende falscher und gefälschter Diagnosen, die uns zu “Schwachsinnigen”, “Lernunfähigen”, “Verwahrlosten” machten.

• Überlebende sexueller, psychischer, physischer Gewalt ausgeübt durch die Hände unserer “ErzieherInnen”: Nonnen und Mönche, Lehrer und Lehrerinnen, Diakone und Diakonissen, Pastoren, Patern, Brüdern.

• Überlebende verschiedener Heimformen, die jedoch eines gemeinsam hatten: eine beispiellose unmenschliche Brutalität uns, den Schutzbefohlenen gegenüber.

Diese Brutalität hat unser Leben, unsere Beziehungen, unsere Erwerbsarbeit, unsere Gesundheit angegriffen oder ganz zerstört und ist immer präsent. Nicht zuletzt in unseren Rentenzahlungen.

Heute leiden wir nicht nur an wieder kehrenden Alpträumen und Flash-backs, sondern auch an Altersarmut mit all ihren Erscheinungen wie schlechter medizinischer Versorgung und Vereinsamung.

Eine Veranstaltung wie “Zeit über das Leid zu sprechen” löst in uns nur noch einen Aufschrei aus:

Stellen Sie sich Ihrer Verantwortung! Kommen Sie Ihrer Pflicht nach, uns zu entschädigen und anzuerkennen! Übergeben Sie Ihr Wissen um die nicht verjährten Verbrechen der Staatsanwaltschaft! Gründen Sie eine staatliche Kommission zur Aufarbeitung Ihrer nicht verjährten kriminellen Taten.

Und: bitten Sie uns niemals wieder um Vergebung, wenn Ihr Verhalten Ihre Worte Lügen strafen! Denn nichts kann auf diese Weise vergeben werden! Vergessen wird es nie!

Schulterschluss der Opfervertretungen von Opfern staatlicher und kirchlicher Einrichtungen!


Wir, die Vertretungen der Opfer aus staatlichen und kirchlichen Einrichtungen, haben uns heute, trotz Ihres Versuches uns politisch zu trennen, vereint! 

Wir sprechen uns dagegen aus, dass Sie Opfer gegenüber Opfern diskriminieren! Wir fordern eine Gleichbehandlung aller Opfer durch die Täterorganisationen!

Mit dem heutigen Tage endet die, durch die Täterorganisationen erzwungene Trennung der Opfer!

Wir ALLE sind Opfer EIN und DESSELBEN STAATSVERSAGENS, verursacht durch die GLEICHEN TÄTERORGANISATIONEN von 1949 bis 1975 (West) und bis 1990 (Ost).

Kontakte:

Manuela Nicklas-Beck
Vertreterin der Betroffenen im regionalen
Fachbeirat der Stiftung Anerkennung und Hilfe Schleswig-Holstein
Email: manuela.ajours@googlemail.com
Tel. mobil: 0176 97604127

Doris Petras
Sprecherin des Verein ehemaliger Heimkinder e.V.
Email: D.Petras@veh-ev.eu
Tel. mobil: 0157 30182930

Uwe Werner
1.Vorsitzender 1. Community – Ehemalige Heimkinder NRW e.V.
Email: 1.community-mg@web.de
Tel. mobil: 0152 23627521

Helfried Gareis
Sprecher für die Selbsthilfegruppen Frankfurt / Hannover
Email: heinz-norbert-schaefer@web.de
Tel. mobil: 0151 70822308

#AlmosenNeinDanke



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Die Tabletten-Kinder

Autor: Reiner Burger

Medikamente wurden noch bis in die siebziger Jahre an Heimkindern und „milieugeschädigten“ Jugendlichen getestet. Ohne Rücksicht auf die Nebenwirkungen.

[ Artikel mit vier Fotos — eins davon mit der Beschriftung: Die tägliche „Dröhnung“: Heimarzt Waldemar Strehl auf einem Bild von 1959 – Foto Franz Sales Hausʹ Wilhelm Strickum]

Tabletten, Tabletten, Tabletten. „Wir bekamen immer für irgend etwas Medikamente.“, erinnert sich Anton Turinsky. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder kam er 1955 ins Franz Sale Haus in Essen, ein katholisches Heim für behinderte und auffällige Kinder. Ihre Mutter hatte psychische Probleme, ihr Vater fühlte sich mit den zappeligen Zwillingen überfordert. Es hieß, wir hätten erblich bedingt eine Belastung, wurden von Heim zu Heim im Rheinland herumgereicht. Damals hatte man ganz schnell den Stempel ,Schwachsinnʻ.“ Gerade fünfeinhalb waren die beiden, als sie schließlich das Sales-Haus aufnahm. „Manche besonders unruhigen Kinder bekamen morgens, mittags, abends Pillen. Sie wussten schon, wenn sie sich in Reih und Glied aufzustellen hatten“, erzählt Turinsky. „Die Schwestern kamen mit einem Serviertablett, auf dem die Medikamente lagen. Dann wurde noch in den Mund geschaut, ob man die Pille wirklich geschluckt hatte. Tabletten gehörten für uns Heimkinder zum Alltag.“ 

Anton Turinsky war erschüttert, als er vor wenigen Wochen eine Liste des damaligen Heimarztes Waldemar Strehl zu Gesicht bekam. Unter dem Datum 28. Januar 1958 führte der Mediziner detailliert Protokoll über den experimentell-hochdosierten Einsatz des kurz davor vom Pharmahersteller Merck auf dem Markt eingeführten Neuroleptikums Decentan an 29 Bewohnern des Heimes, die meisten von ihnen im Alter von fünf bis dreizehn Jahren. Die Nebenwirkungen waren dramatisch. Bei mehreren Probanden vermerkte Dr. Strehl Blick-, Starr und Schreikrämpfe. „Zunge war wie gelähmt“, heißt es bei einem Jungen, bei einem anderen: „Nach erneuter Behandl. mit 8 mg (4 Tabl.) Schrei- und Blickkrämpfe, Torsionsspasmen, Meningismus“. Neben dem Namen des damals acht Jahre alten Anton Turinsky finden sich ähnliche schockierende Einträge. 

Die Pharmazeutin Silvia Wagner stieß bei ihren Recherchen auf die Strehl-Liste. Wagner schreibt derzeit ihre Doktorarbeit über Arzneimittelstudien an Heimkindern. Sie wertete zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren aus und recherchierte im Bundesarchiv oder bei Pahrmaunternehmen wie Schering und den ehemaligen Behringwerken. „Besonders offen und hilfreich war man bei Merck in Darmstadt“, sagt Wagner. „Während andere Unternehmen ihre Unterlagen teilweise schon vernichtet haben, ist bei Merck alles vorbildlich abgelegt, deshalb konnte ich auch die Liste von Dr. Strehl finden.“ 

Vor kurzem veröffentlichte Wagner eine Vorstudie mit ihren bisher wichtigsten Ergebnissen über dieses, wie sie formuliert, „unterdrückte und verdrängte Kapitel der Heimgeschichte. Wagner fand Belege für etwa fünfzig Versuchsreihen mit Kindern in Heimen in ganz Deutschland zwischen 1957 und 1972. In keinem einzigen Fall stieß sie auf Hinweise, dass die Betroffenen oder ihre Eltern vorab um ihre Einwilligung gefragt worden wären. Nach ihren Recherchen ist die Pharmazeutin überzeugt, dass seinerzeit viele neue Medikamente auch an Heimkindern getestet wurden. „Diese Funktionalisierung von Kindern und Jugendlichen zu Versuchpersonen stellt eine Form von Gewaltanwendung dar, die jene Gewalt ergänzte und unterstützte, die sie in ihren Heimen ohnehin schon erfuhren“, sagte Wagner. „Sie wurden unter Missachtung ihrer Bedürfnisse und Rechte zu bloßen Forschungsobjekten degradiert. 

Zumindest in einem, schon 2011 von Bochumer Historiker Uwe Kaminsky entdeckten Fall geschah das sogar mit Billigung der Behörden: 1966 fand im Heim Neu-Düsselthal in Düsseldorf eine Psychopharmaka-Versuchsreihe mit „schwererziehbaren“ Kindern statt. Verabreicht wurde ihnen das Neuroleptikum Truxal der Troponwerke. Die zuständigen Landesbehörden hatten zunächst Bedenken: Sie bezweifelten, dass die gewonnenen Ergebnisse für die Heimarbeit relevant seien, und fürchteten den „Widerstand der Eltern der in einer besonderen Testreihe einbezogenen Kinder“. Schließlich einigten sich die Behörden einfach mit dem für den Test verantwortlichen Mediziner von der Rheinischen Landesklinik Düsseldorf darauf, dass es sich bei dem Vorhaben nicht um einen Test „im Sinne eines experimentellen Medikamentenversuchs“ handele. Eine Einwilligung hielt das Landesjugendamt nun nicht mehr für nötig. Schließlich habe das Amt als „Träger von Erziehungsrechten und -pflichten“ an Stelle der Eltern die „bestmögliche Hilfe“ zu gewährleisten. 

Noch Anfang der siebziger Jahre fand unter ebendiesen Vorzeichen in der Rheinischen Landesklinik für Jugendpsychiatrie Viersen-Süchteln eine Studie mit dem Neuroleptikum Dipiperon statt, das das Pharmaunternehmen Janssen zur Verfügung gestellt hatte. Bei den Probanden handelte es sich überwiegend um „milieugeschädigte Kinder, die aus sehr ungünstigen sozialen Verhältnissen“ stammten. Sie waren zwischen zwölf und vierzehn Jahre alt. Die Ärzte nahmen „hirnorganische Störungen und milieureaktive Störungen“ an, wie es in Unterlagen von damals heißt. 

Im Landeskrankenhaus in Schleswig wurde ebenso wie in den Bodelschwinghschen Anstalten Bethel (Bielefeld) vor Markteinführung das Medikament Encephabol anfang der sechziger Jahre auch an Epilepsie-Patienten im Kindesalter gestestet. Die Mediziner setzten damals große Hoffnungen in neue Medikamente, beschränkten sich die Behandlungsmöglichkeiten von Epilepsien doch lange im Wesentlichen auf Brompräparate. Erst später wurden Fortschritte mit anderen Arzneimitteln erzielt. Über „38 ausgiebig geprüfte Fälle“, in denen er das Mittel mit Testbezeichnung B6/II eingesetzt hatte, berichtete der in Bethel zuständige Arzt an Hersteller Merck. Nach Durchsicht eigener Akten geht Bethel davon aus, dass keine rechtskräftige Einwilligung der gesetzlichen Vertreter der Kinder vorlag. „Wenn dem tatsächlich so ist, hat es sich bei den Versuchen schon damals um Grundrechtsverstöße gehandelt“, sagt Günther Wienberg vom Vorstand der Bodelschwinghschen Stiftungen. Bethel werde das Thema „Medikamentenvergabe, Medikamentenversuche und Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie“ umfassend aufarbeiten. 

Sabine Bernschneider-Reif hat sich ein Aktenkonvolut auf ihrem antiken Arbeitstisch parat gelegt. Bernschneider-Reif ist Leiterin der Abteilung Corporate History von Merck. Das älteste chemisch-pharmazeutische Unternehmen in der Welt ist sehr geschichtsbewusst. Zur Abteilung Unternehmensgeschichte zählen ein Museum, eine historische Bibliothek und eben ein großes Archiv, das Medizin- und Wissenschaftshistoriker aus dem In- und Ausland schätzen. „Wir unterstützen selbstverständlich auch die Aus- und Aufarbeitung des Heimkinder-Themas“, sagt Bernschneider-Reif. Sie nimmt die Liste des Essener Heimarztes Dr. Strehl aus dem Konvolut. Die Pharmazeutin und Historikerin schüttelt den Kopf, als sie die Ergebnisse der Anwendungen des Essener Heimarztes noch einmal liest. Vieles bleibt auch für Bernscheider-Reif ein Rätsel. Nach welchen Kriterien wählte der Mediziner seine Probanden aus? War die hohe Dosierung Willkür? Welche Beziehung bestand überhaupt zwischen Merck und dem Mediziner? „Grundsätzlich ist es wichtig das gesamte Thema im Kontext des historischen Erfahrungsraums zu sehen“, sagt Bernscheider-Reif. 

Tatsächlich ist aus heutiger Sicht undenkbar, was damals Rechtslage und gängige Praxis war. Es gab seinerzeit noch kein Zulassungsverfahren für Medikamente. Wie bei der pharmakologischen Prüfung gab es in den fünfziger Jahren auch für klinische Studien keine verbindlichen Regelwerke, vielmehr lagen Umfang und Ausgestaltung des Verfahrens praktisch im Ermessen von Ärzten und pharmazeutischer Industrie. Selbst nach Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes im Jahr 1961 gab es kein vorgeschriebenes Zulassungsverfahren. Das änderte sich erst 1976. Bis dahin handelte es sich bei den „Prüfberichten“ von Kliniken und niedergelassenen Ärzten oft um unsystematische Rückmeldungen mit Allgemeinformeln und nicht selten einfach nur um wohlfeile Unbedenklichkeitbescheinigungen. Hatte ein Unternehmen alle notwendigen Unterlagen eingereicht, war das Bundesgesundheitsamt verpflichtet, ein neues Medikament zu registrieren, auch wenn es nicht wirksam oder gar gesundheitlich bedenklich war. 

Die Mediziner hatten für sich in Anspruch genommen, selbst festlegen und steuern zu können, welche Arzneimittel von Nutzen sind und welche nicht, schreibt der Historiker Niklas Lenhard-Schramm in seinem im Sommer [2016] vorgelegten Standardwerk über den Contergan-Skandal. Im Fall Contergan hatte das zur Folge, dass sich kaum ein Mediziner an die Behörden wandte, als erste gravierende Nebenwirkungen bekannt geworden waren. Lenhard-Schramm bezeichnete das als Genehmigungspraxis „im Sinne eines Laissez-faire“. 

Wie ungeordnet das Überprüfungsprozedere für neue Medikamente ablief, lässt sich bei Decentan exemplarisch nachzeichnen. Unter der Bezeichnung „T57“ wurde die Arznei in verschiedenen Kliniken getestet – darunter auch die Kinderstation der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren im bayrischen Allgäu oder das Hapheta-Heim im nordhessischen Treysa. Mit Blick auf die Markteinführung am 1. Dezember 1957 wandten sich Vertreter der „Wissenschaftlichen Abteilung“ von Merck an weitere Krankenhäuser, Universitätskliniken und niedergelassene Ärzte. Noch in einem „Sammelbericht Berlin“ von Ende Januar 1958, heißt es trotz der „insgesamt zahlreichen Fälle an vielen Prüfstellen“ ergebe sich, „wie zu erwarten war, kein einheitliches Bild über Indikationen, Dosierungen, Wirksamkeit, Nebenerscheinungen“. In jenen Tagen besuchte auch ein Merck-Vertreter Dr. Strehl im Essener Franz Sales Haus, nahm vermutlich die Liste entgegen und ließ sich „die für uns sehr deprimierenden Ergebnisse“ ausführlich darlegen. Er habe nicht verschwiegen, dass er die von Strehl gewählte Dosierung „für viel zu hoch“ halte, heist es im Besuchsprotokoll des Merck-Vertreters. Strehl sei „offenbar an medikamentösen Nebenwirkungen bei seinen Zöglingen“, bei denen es sich zumeist um Patienten mit „erethischem Schwachsinn“, also Unruhezustände handelte, „einiges gewöhnt“. Für die Einführung in der Heimpraxis halte Strehl Decentan für nicht geeignet, heißt es in dem Protokoll. Trotzdem setzte der Mediziner den Einsatz dann in geringerer Dosierung fort. Im März 1958 berichtete ein Merck-Vertreter dann über „gute Erfolge“ an seine Zentrale in Darmstadt. Strehl arbeite nun mit Vier-Milligramm-Tabletten in der Dosierung 3- 5-mal täglich und habe die Acht-Milligramm-Tabletten abgesetzt. „Die Schwestern des Hauses fordern laufend die 4-mg-Dragees nach, da sie somit endlich Ruhe auf den Stationen haben und die Kinder auch tadellos schulfähig gehalten werden.“ 

Ein Merck-Sprecher legt wert auf die Feststellung, das sein Unternehmen seinerzeit nicht rechtswidrig gehandelt habe. „Daher stellt sich die Frage nach Wiedergutmachung nicht. Sollten sich Dritte nicht entsprechend der Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich. 

Das Franz Sales Haus in Essen ist viel mehr als ein Haus – es ist eine kleine Stadt für Menschen mit geistigen, psychischen und mehrfachen Behinderungen. In der katholischen Einrichtung gibt es einen Biobauernhof und das moderne Hotel „Franz“, in dem Bewohner mitarbeiten und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben genießen. Über die Grenzen Essens hinaus als besonders gelungenes Beispiel für Inklusion gilt der Sportsverein „DJK Franz Sales Haus“ in dem Menschen mit und ohne Behinderung Sport treiben. Als vorbildlich gilt das Haus auch im Umgang mit seiner eigenen Geschichte. Als vor einigen Jahren erstmals über die skandalöse Pädagogik in vielen Heimen in der Nachkriegszeit, die Misshandlungen und den sexuellen Missbrauch von Heimkindern berichteten, zählte das Sales-Haus zu den ersten Einrichtungen, die unabhängige Forscher mit einer Aufarbeitung beauftragten. 2012 legte der Historiker Bernhard Frings von der Ruhr Universität Bochum seine Studie vor. Hinweise auf einen Medikamententest fand der Forscher im Heimarchiv damals nicht. 

Umso mehr wurde Heimdirektor Günther Oelscher nun von den neuen Rechercheergebnissen überrascht. „Wir werden auch diese Frage von unabhängigen Wissenschaftlern aufklären und einordnen lassen und unsere Aufarbeitung vervollständigen“, verspricht Oelscher. Im Dezember will das Kuratorium des Hauses einen entsprechenden Beschluss fassen. Wie die Bodelschwinghschen Stiftungen in Bethel will auch das Sales-Haus an einem Forschungsprojekt der nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) teilnehmen. 

Steffens hat die Verantwortlichen aller nordrhein-westfälischen Einrichtungen, in denen es nach bisherigem Kenntnisstand zu Medikamententests an Heimkindern gekommen ist, am 25. November [ in ihr Ministerium zu einem Treffen eingeladen. „Klar ist, dass die eigentliche Aufarbeitung und Dokumentation durch unabhängige Personen erfolgen muss“, sagt Steffens. Nur zu erforschen, was genau damals in den verschiedenen Heimen geschah, reiche aber nicht aus. „Um die Dimension der Geschehnisse mehr als ein halbes Jahrhundert später angemessen bewerten zu können, brauchen wir eine fundierte zeitgeschichtliche Einordnung.“ Den Auftrag für eine Studie zum historischen Kontext und zur rechtlichen Aufarbeitung will das Land vergeben. Das Projekt werde „aber leider Zeit in Anspruch nehmen“. 

Dabei gibt es schon ein ganze Reihe von Grundlagenstudien, die man nur systematisch auswerten muss. Zum rechtlichen Rahmen findet sich viel in der – von Steffens selbst in Auftrag gegeben – Contergan Studie. In einer umfangreichen LVR Studie über die Nachkriegsgeschichte der öffentlichen Heimerziehung im Rheinland schilderte der Historiker Kaminsky vor fünf Jahren, wie es in der Nachkriegszeit allmählich in Mode kam, „schwererziehbare“ Kinder mit Medikamenten zu sedieren: Zum einen ging es darum, bei den Kindern „die pädagogischen Angriffsflächen zu verbreiten“, wie 1967 der Düsseldorfer Landesobermedizinalrat formulierte. Die neuen Mittel galten in der Heimerziehung als Fortschritt. Zum anderen führten die Überbelegung vieler Heime und die unzureichende pädagogische Ausbildung vieler Erzieher zu permanenter Überforderung. Viele Erzieher wussten sich nicht anders als mit körperlicher Gewalt zu helfen. 

„Die Medikamentengabe fanden viele als ,Modernisierung des Erzieherhandelnsʻ weil körperliche Disziplinierungsmaßnahmen bei erziehungsschwierigen Kindern entfallen konnten“, sagt Kaminsky. Er spricht von einer „Medizinierung der Pädagogik“. Die Dokumentenfunde von Silvia Wagner machten deutlich, wie regelmäßig Heimkinder Opfer von Versuchsreihen werden konnten. 

Im Franz Sales Haus herrschte seinerzeit schon deshalb eine „ärztlich-medizinische“ Dominanz, wie Frings in seiner Studie über das Essener Heim schreibt, weil es neben Dr. Strehl keinen Heilpädagogen oder Psychologen gab. Er entschied mit seinen Gutachten weitgehend allein über die Lebenswege der Kinder. Häufig riet er, trotz eigentlich positiver Entwicklung, zum Verbleib der Kinder und Jugendlichen im Heim. Die meisten waren wie Anton Turinsky und sein Zwillingsbruder von einem Amtsarzt oder einer Landesklinik mit der Diagnose „Schwachsinn“, „moralischer Schwachsinn“ oder „erethischer Schwachsinn“, die aus der Zeit des Nationalsozialismus übernommen wurden, nach Essen geschickt worden. Und viele Eltern nahmen das Etikett „Schwachsinn“ in Kauf, weil sie hofften, dass ihr „Sorgenkind“ im Sales-Haus die beste Förderung bekommt. 

Bis zu seinem Wechsel an eine andere Einrichtung im Frühjahr 1969 konnte Strehl im Sales-Haus, schalten und walten, wie er wollte. Sogar zur Bestrafung setzte er laut Friggs Medikamente ein: Immer wieder sollen Zöglingen sogenannte „Betonspritzen“ oder „Kotzspritzen“ verabreicht worden sein, die zu heftigen Erbrechen oder verübergehender Bewegungsunfähigkeit führten. 

Strehl sei für die Schwestern wie ein Heiliger, ein Gott in Weiß gewesen, erinnert sich Anton Turinsky. „Wenn wir untersucht wurden, mussten wir immer in einer Reihe stehen mit nackten Oberkörpern. Die Nonnen ermahnten uns: Keine Widerworte, wenn der Doktor spricht.“ An den Test, auf den er mit zu heftigen Nebenwirkungen reagierte, kann sich Turinsky nicht erinnern, auch nicht an „medikamentöse“ Strafen. „Aber an die tägliche Dröhnung in meiner Kindheit kann ich mich gut erinnern. Zwei Stunden Mittagsschlaf mussten wir täglich machen, damit die Nonnen ihre Ruhe hatten, das ging nur mit Tabletten.“ 

Nein, eine Entschuldigung wegen der vielen Medikamente und wegen des Tests mit Decentan an ihm erwarte er nicht, sagt Turinsky. „Von den Verantwortlichen lebt ja niemand mehr.“ Was ihn vielmehr umtreibe, sei das Etikett „Schwachsinn“, dass man ihm damals aufdrückte. Turinsky zieht seinen Lebenslauf aus einer Dokumentenmappe hervor. Als er 1968 das Sales-Haus verließ, machte er eine Bäckerlehre. Später arbeitete er bei einem Konditor in Düsseldorf. Von einer Mehlstauballergie ließ er sich nicht unterkriegen, sondern schulte zum Feinmekaniker um. Bis zu seiner Rente war TurinskyVorarbeiter, Schichtleiter und Ausbilder in einem High-Tech-Unternehmen beschäftigt. „Ich habe so ziemlich alles gemacht, wofür man mich in meiner Kindheit und Jugend für zu doof gehalten hat.“

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Anerkennung und Hilfe?

Die Politik und die Vertreter der Kirchen haben zusammen ein Instrumentarium geschaffen, das sie ironischer Weise “Anerkennung und Hilfe” nennen. Diese Stiftung wurde unserer Meinung nach nur zu dem Zweck ins Leben gerufen, sich selber Absolution für die Verbrechen, die sie in der Vergangenheit mit zu verantworten haben, zu erteilen. Es wurden sogenannte Beiräte geschaffen, in die auch Opfer mit einbezogen wurden. Die Opfer, die mit am Tisch des sogenannten Beirates sitzen, haben kein Mitspracherecht und keine Möglichkeit, in der Zielsetzung der Stiftung “Anerkennung und Hilfe” etwas zu bewirken. Sie haben u. E. nur eine Alibifunktion, damit später behauptet werden kann, man habe Opfer mit einbezogen. Dabei muss zudem auch noch darauf hingewiesen werden, dass diese Personen in ihrer Persönlichkeit so stark geschädigt sind, dass man ihnen für die Bewältigung des alltäglichen Lebens einen Vormund zugeordnet hat. Ihnen sitzen in großer Mehrheit Menschen mit akademischer Ausbildung gegenüber, die ihnen rhetorisch und wissensmäßig weit überlegen sind. Die Beiräte haben offenbar die Funktion, bei Abschluss der sogenannten Abwicklung der Arbeit der “Stiftung Anerkennung und Hilfe”, deren korrekte Vorgehensweise zu bescheinigen, um der Öffentlichkeit zu suggerieren, es sei alles mit rechtsstaatlichen Mitteln geschehen und eine Aufarbeitung der Geschichte der Opfer und eine Wiedergutmachung sei vollzogen. Diese Vorgehensweise zeigt, wie perfide Politik und Täterorganisationen der Kirchen miteinander umgehen, wenn es darum geht, Verbrechen, die von ihren Vorgängern begangen wurden, zu vertuschen und Institutionsschutz zu betreiben. Damit werden dieselben Opfer unter Missbrauch staatlicher Rechtsmittel erneut zu Opfern gemacht.

Alle Politiker, die sich ab jetzt indirekt an der Stiftung “Anerkennung und Hilfe” beteiligen und ihr somit zu Legitimation verhelfen, machen sich mitschuldig, weil sie u. E. erneuten Betrug an den Opfern und Rechtsbeugung im Amt ermöglichen, indem die Stiftung alleine über sie bestimmt. Antragsteller, die sich an die Stiftung wenden, wird keine Beschwerde – oder Einspruchsmöglichkeit eingeräumt. Auch der Beirat hat ja, wie oben bereits gesagt, keine solche Möglichkeit, Rechtsmittel einzusetzen. Diese Tatsache ist ein Unding in einem demokratischen Rechtsstaat. Opfer werden ohne juristische Rechtsbegründung abgelehnt. Eine tatsächlich angemessene Schadenswiedergutmachung ist nicht vorgesehen. Schadenersatzleistungen soll es auch nicht geben. Die Stiftung “Anerkennung und Hilfe” verhindert somit geradezu eine wahre Aufarbeitung der Vergangenheit und Wiedergutmachung. Die Stiftung “Anerkennung und Hilfe” in der zur Zeit installierten Form gehört unserer Meinung nach sofort aufgelöst, da eine solch perfide Konstruktion in einem demokratischen Rechtsstaat nicht zugelassen werden darf

Die Möglichkeit, Opfer im Plenarsaal des Landtages in Kiel sprechen zu lassen, war angemessen. Die Anteilnahme und Betroffenheit aller dabei anwesenden Fraktionen war auch für uns sehr beeindruckend und führte immerhin dazu, dass der Sozialausschuss unsere Kritik aufgegriffen hat und beschloss, diese dem Landtag vorzutragen. Der Landtag wiederum beschloss, ebenfalls einstimmig, dieser Kritik Taten folgen zu lassen, deren Umsetzung wir hoffnungsvoll erwarten. Es ist besonders bemerkenswert, dass dort im Landtag anwesende Politiker die geschilderten Verbrechen als Menschenrechtsverletzungen definiert haben. Unverständlich ist für uns dabei, dass die Stiftung “Anerkennung und Hilfe” belobigt wurde, obwohl sie von 735 Opferanträgen 358 abgelehnt hat. Es wurde nicht hinterfragt auf welcher juristischen Grundlage diese Ablehnungen erteilt wurden. Die bewilligten Anträge wurden von der Stiftung als Entschädigung bezeichnet. Das ist nicht richtig. Bis heute hat es durch Kirche oder Pharmaindustrie u. E.. keine wirkliche Entschädigung gegeben. In welchem Verhältnis steht ein maximaler Geldbetrag von 9.000 € zum zerstörten Leben eines Menschen? Von Politik und Kirche wird die Stiftung offensichtlich als Problemlösung angesehen. Wir sehen die Stiftung als neue Täterorganisation, die sich, wie oben ausführlich begründet, indirekt gegen die Interessen von uns Opfern richtet und uns nicht wirklich unterstützt.

Dieses Schreiben richtet sich an alle Fraktionen der im Bundestag und in den Landtagen der Länder vertretenen Parteien.
Weiterhin geht es als offener Brief an die DPA.

(gez. Eckhard Kowalke)

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Das beste Rezept: Aus Fehlern lernen

Zwei Wissenschaftsjournalisten haben die größten deutschen Medizin-, Pflege- und Pharmazieskandale nach 1930 unter die Lupe genommen. Von Michael Gregory

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Das neue Jahr begann mit einer guten Nachricht für Patientinnen und Patienten in Deutschland. Seit 1. Januar 2019 gilt die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verordnete Personal-Untergrenze in besonders sensiblen Bereichen von Krankenhäusern: den Intensivstationen. Die vielerorts drohenden oder bereits bestehenden personellen Engpässe könnten so zumindest etwas vermieden werden. Dies ist ein gutes Signal an alle, die in körperlich und seelisch äußerst belastender Situation auf zuverlässige Hilfe angewiesen sind. Aber auch den Schwestern und Pflegern in den Kliniken verspricht die Neuregelung Verbesserungen. In einem oft von Überlastung geprägten Umfeld, dessen Arbeitsbedingungen manche als skandalös einschätzen, war es ein erforderlicher Schritt.

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Arzneimittel- und Menschenversuche an Heimkindern – die Veranstaltung II

Hier folgt nun der Vortrag von Prof. Dr. Jan Bruckermann auf obiger Veranstaltung in Berlin am 14.12.2018:

Arzneimittelstudien an Kindern in Heimen 1950-1975 Rechtsfragen für eine Schadensersatzleistung

Prof. Dr. jur. Jan-Friedrich Bruckermann

Professor für Sozial- und Gesundheitsrecht Fachhochschule für Oekonomie und Management (FOM) Köln

Teil A: Ausgangslage
– Tatsächliche und rechtliche Lage
– bisherige Lösungsansätze
Teil B: Lösungsüberlegungen für Hilfeleistungen
– Eigenstand und Eigenstandsschaden: Definition
– Rechtlicher Rahmen für medizinische Versuche
– Schadensersatzfragen

A Ausgangslage
Tatsächliche Ausgangslage und individuelle Folgen der Heimkinderunterbringung 1949- 1975

  • Gesetzlich zulässig war „Fürsorgeerziehung“ bei „drohender Verwahrlosung = Absinken des geistigen, sittlichen oder körperlichen Zustandes unter den Durchschnitt“ nicht wie jetzt erst bei „Kindswohlgefährdung“ nach § 42 SGB VIII: = Herausnahme des Kindes aus der Familie =700.000 – 800.000 Personen lebten in Heimen von 1949-1975

Symptom der Heimunterbringung in der Zeit von 1949-1975: Operationalisierung der „Grund- und Menschenrechte“ durch Institutionen Praktisch: Unterwerfung der Kinder / Jugendlichen in ablaufoptimierte „fabrikmäßig“ orientierte Tagespläne der Heime: Kostendruck! = Reduzierung der Wahrnehmung der Bewohner auf eine sich aus finanziellen Gründen und aus persl. Überforderung bzw. mangelnder Ausbildung (= Nur Pflege, keine Pädagogik) / Sicherstellung eines „reibungslosen Tagesablaufes“ begründende „Verwahrung“

Resultat: – Traumatisierungen / Sozialphobien / physiologische Folgen – Auftreten oft erst nach 40-50 Jahren bei den Opfern – Spezielle Ausprägungen der Schadenssymptomatiken

Vorläufige rechtliche Reaktionen darauf:

  • Diverse „Runde Tische“ bzw. jetzt ausgelaufende Stiftungen mit geringen Geldleistungen an Opfer – Medikamentenversuche blieben dabei kaum beachtet – Opferentschädigungsgesetz: für Opfer vor 1975 nur Härtefälle! (=auch keine „psychische Gewalt“ erfasst)

Feststellung: Keine ausreichende finanzielle Würdigung der Opfer erfolgt

!! Entgegen des öffentlichen Eindrucks ist nie eine Entschädigung erfolgt!!

B Wie kann den Opfern sinnvoll, d.h. effektiv geholfen werden?

Prämisse: Bedürfnis nach einem Schadenersatz oder Entschädigung besteht in immer stärkerer Form durch weiter fortschreitende Manifestation der individuellen Folgen

Zur Begründung einer jeglichen Kompensation werden rechtliche Überlegungen in den Raum gestellt: Heranziehung des Begriffs „Eigenstand“: Definition des „Straußes“ an sämtlichen individuellen Grundrechtswahrnehmungsfähigkeiten = persönliche Fähigkeit zur EFFEKTIVEN Grundrechtsausübung

Ziel staatlichen Handels gem. Art. 1 und Art. 6 GG: Befähigung des Menschen zur Praktizierung des Eigenstandes:

Würde des Menschen = Fähigkeit zur
1. eigenen Ausübung / Wahrnehmung und
2. Respektierung grundrechtlich gesicherter Handlungsmöglichkeiten

Behinderung / Verhinderung dieses Fähigkeitserwerbs:

EIGENSTANDSSCHADEN des Grundrechtsträgers

Arzneimittelversuche an Kindern sind als spezieller Teil der Misshandlungsproblematik in Heimen zu sehen

Die rechtlichen Überlegungen zum Eigenstandsschaden sind daher auf die Arzneimittelversuche im Heimsystem zu übertragen

Rechtlicher Rahmen für Medikamentenversuche:
Kaiserliche Anordnung vom 01.12.1900:
– Vollständiges Verbot der Versuche an Minderjährigen Forschungsrichtlinien des Reichsinnenministeriums 1931:
– Wirksame Einwilligung des Probanden muss vorliegen, (Nr. 12)
– Besonderer Schutz von Minderjährigen, insbes. in Notlagen
– Bei geringster Gefährdung von Minderjährigen ist Versuch abzubrechen bzw. verboten (Kenntnisvermittlung in der üblichen Ärzteausbildung)

Nürnberger Code von 1947 für Medikamentenversuche:
– Freiwilligkeit und ggfs. sofortiger Abbruch auf Wunsch
1964: Deklaration von Helsinki der Generalversammlung des Weltärztebundes:
Niemals Vorrang von Medikamentenversuchen vor Menschenwohl

Effektiv: von 1945 bis 1975 keine einheitlichen Vorgaben zu Medikamentenversuchen; allein „Leitlinien“ wurden herangezogen. Probandenschutz erst 1976 mit § 40 ArzneimittelG a.F. eingeführt

Rechtlicher Rahmen: Heimaufsicht
– Bis 1961 keine flächendeckende Heimaufsicht existent, nur allgemeine Pflicht zwischen Jugendamt und Heim zur Zusammenarbeit
– Kontrolle der Heime de jure dennoch möglich durch Begutachtung des Lebensumfeldes der Bewohner
– Ab 1961 dann Etablierung von Heimaufsicht durch Landesjugendämter: Staatlich effektive Kontrolle vorgesehen

Zwischenergebnis:
Trotz uneinheitlicher gesetzlicher Regelung in der Vergangenheit:

  1. Verbot von Medikamentenversuchen bei – fehlender Einwilligung: Sonst §§ 223 ff. StGB – möglichen Langzeitfolgen / akuter Gesundheitsgefahr – einfacherer Erprobung im Rahmen anderer Möglichkeiten, ggfs. Tierversuche 2.Staatlicherseits hätten Kontrollen der Heime mit Untersagung der Versuche erfolgen müssen
    Dennoch:
  • Medikamentenerprobungen an Heimkindern mit teilweisem Wissen der Behörden
  • Medikamenteneinsatz zur Ruhigstellung von Bewohnern in Heimen – Vollständige Kenntnis der Wirkungen und Nebenwirkungen durch das verantwortliche Einsatzpersonal
  • Leistung von Schadensersatzansprüchen? § 823 BGB iVm. § 253 BGB a.F: Ersatzanspruch in Geld

Problem: § 847 BGB a.F. und § 195 BGB a.F.:
3 Jahre ab Kenntnis, sonst 30 Jahre ab Schädigungshandlung als maximale Frist (nach neuem Recht gleiche Verjährungszeit)

VERJÄHRUNGSEINTRITT ALLER ANSPRÜCHE AUF SCHADENSERSATZ
Besonderheit des Eigenstandsschadens:

Manifestation regelmäßig nach Ablauf der Verjährung von Ansprüchen, oft nach mehr als 30 Jahren

= Zu spät ist effektive Kenntnisnahme von
1. Schädigung, Schädigungsumfang und
2. Ursachen möglich
= Kausalzusammenhänge sind nicht mehr zu beweisen

Daher:
= Planwidrige Regelungslücke im Recht der Schadensersatzansprüche

Schließung der Lücke des Eigenstandsschadensfalls durch

a) Verfassungskonforme Auslegung der Verjährungsvorschriften?
b) Gesetzliche Neuregelungen? = effektiver Rechtschutz. Art. 19 IV GG

Bleibt das Problem der Beweisführung: De facto nicht mehr möglich
Sinnvolle Lösungen?

Aufarbeitung und effektive Entschädigung durch
– gesetzliche Änderungen von geltendem Schadensersatzrecht mit Beweislastumkehr, Art. 19 IV GG
– staatlich oder trägerschaftlich organisierte Entschädigungskommissionen
– Orientierung am individuellen Befund und daraus erkennbaren Eigenstandsschaden, nicht: pauschale Einmalzahlungen
– Renten- und Behandlungsleistungen auf hohem Niveau

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Arzneimittel- und Menschenversuche an Heimkindern – die Veranstaltung I

Anstelle einer Vorbemerkung, Stimmen von TeilnehmerInnen des Podiums:

“Die obige Veranstaltung war einmalig! Dieser Tag in Berlin hat die Mühen gelohnt! Noch nie habe ich es zuvor erlebt, dass die Betroffenen tatsächlich gleichberechtigt mit Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten auf einer Veranstatlung vertreten waren. Allein dies erlebt zu haben, macht mich glücklich und gibt Kraft.” (S. Wagner)

“Euer (Dr. Burkhard Wiebel, Dr. Jan Bruckermann, Dr. Jürgen Eilert) Einsatz für die ehemaligen Heimkinder steht auf einem ganz anderen Blatt. Er ist – über den eigenen (wissenschaftlichen) Erkenntnisgewinn hinaus – uneigennützig und dennoch so voller Engagement. Es berührt mich zutiefst, dies zu verfolgen. In den nunmehr fast 10 Jahren meiner eigenen Arbeit im VEH ist mir so etwas noch nie – wirklich: NIE – passiert. Die uneingeschränkte Anerkennung des Leides, die Empathie, die Zugewandtheit, die wertvolle Unterstützung, die wir durch Euch erfahren.

Ich möchte mich hierfür auf das allerherzlichste bedanken! In meinem Namen, im Namen aller Überlebenden. Vielen Dank!”
(H. Dettinger)

“Danke für die gute Zusammenarbeit und hoffe wie alle in der Runde auf einen positiven Wiederhall über den Fraktionsrahmen hinaus in der Berliner Politik, oder um es mit Jürgens Worten zu sagen, es möge “den Heimkindern mindestens so viel finanzielle Aufmerksamkeit wie einem dysfunktionalen Berliner Großbauprojekt geschenkt werden.”  ;-)) Ich werde Ihnen weiter verbunden bleiben und freue mich auf Weiterungen.” (Jan Bruckermann)

Als erstes soll hier jetzt der Beitrag des VEH e.V. veröffentlicht werden. Als nächstes – und in einem gesonderten Post – der Vortrag von Prof. Dr. Jan Bruckermann. Weitere werden folgen.

Entstehung des Vereins

Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. wurde am 14. Oktober 2004 in Idstein am Taunus gegründet. Unmittelbarer Anstoß war der Film „Die unbarmherzigen Schwestern“. Der Film, der beim Filmfestival in Venedig den Goldenen Löwen erhielt, stieß bei der katholischen Kirche auf scharfe Ablehnung. Einen weiteren Anstoß (und damit Zulauf zum Verein) gab ein Spiegelartikel über die Zustände in Heimen von Peter Winsierski, der dem Film folgte und 2006 die Veröffentlichung des Buches „Schläge im Namen des Herrn“ desselben Autors.

Mit der Gründung wurden auch erste Aufgabenstellungen formuliert. Der Verein wollte

  • eine Kommunikations- und Aktionsplattform für Überlebende deutscher Heim-erziehung bieten
  • Hilfen bei der Suche von Akten sowie bei Behördenanfragen zu geben
  • Hilfe zur Selbsthilfe leisten
  • Ehemalige Heimkinder entstigmatisieren
  • Öffentlichkeitsarbeit zum Thema „Heimerziehung“ in allen Teilaspekten leisten
  • Er wollte sich darüber hinaus für einen unkomplizierten Zugang von psychischen Hilfen (Traumatherapien) einsetzen, so diese gewünscht waren
  • Und nicht zuletzt wollte der Verein sich für eine angemessene finanzielle Entschädigung einsetzen. Bei dem letzten Punkt – das sage ich ganz ehrlich – sind wir gescheitert. Gescheitert an der Härte von Politik und Kirchen.

Die Mitglieder

des VEH sind auch heute noch überwiegend ehemalige Heimkinder, die von 1945 bis in die späten 1970er Jahren in westdeutschen Heimen waren. Hinzu kommen einige Ehemalige aus DDR-Heimen.

Unsere Mitglieder sind – außer in der Bundesrepublik Deutschland – in den USA, in Australien, Frankreich, Spanien, Italien, Holland, Dänemark, in der Schweiz und in der Türkei beheimatet. Für eine nicht unerhebliche Zahl von ihnen galt nach der Entlassung aus dem Heim: Nichts wie raus aus der Bundesrepublik!

Im VEH e.V. vertreten sind Ehemalige aus Säuglingsheimen, Waisenhäusern, Klein-kinderheimen, Kinderheimen, Jugendheimen, Erziehungsheimen, Heimen der sogenannten Behindertenhilfe. Diese Heime waren zu ca. 80 % kirchlich – und zwar sowohl katholisch als auch evangelisch – organisiert, die restlichen 20 % waren staatlich, kommunal oder privat.

Ehemalige schilderten und schildern uns immer wieder anschaulich die Bestrafungen, die sie für die minimalsten Vergehen – oder auch ohne sie – erleiden mussten. So wurden Kinder

  • zur Strafe stundenlang in den Hof gestellt – gern im Winter im Schnee
  • mit Schlafentzug bestraft
  • mit Essensentzug bestraft
  • sie wurden gezwungen, ihr eigenes Erbrochenes zu essen
  • sie wurden mit Elektroschocks bestraft
  • Kinder wurden mit Isolation (Einzelhaft, von Stunden bis hin zu Tagen und Wochen) bestraft
  • und mit Sprechverboten belegt
  • sie wurden bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Knochenbrüche, Bänderrisse und tiefe Platzwunden bei Bestrafungen toleriert und nur wenig beachtet
  • gezwungen, mit Zahnbürsten ganze Flure und Toiletten zu scheuern
  • Kinder, die ins Bett nässten, wurden besonders perfide bestraft, indem man sie „ausstellte“ und dem Spott der anderen Kinder und der „Erzieher“ aussetzte
  • diejenigen, die über längeren Zeitraum ins Bett nässten, wurden mit Injektionsmitteln, Elektroschocks, Schlafentzug, oder in der Psychiatrie „behandelt“
  • Kinder wurden derartig geohrfeigt, dass sie quer durch den Raum flogen, und anschließend aus Ohren und Nase bluteten
  • und sie wurden mit allem Erreichbaren geprügelt: Suppenkellen, Handfegern, Rohrstöcken, nackten Händen, Gürteln, Besenstielen, Peitschen, Latten, Eisenstangen, Schuhen, Schlüsselbunden, Spaten und Ähnlichem.
  • Und immer wieder wurden sie mit Medikamenten ruhiggestellt.

Hinzu kam die sexuelle Gewalt, tatsächlich eines der ganz großen Probleme, welches die geschlossene Heimunterbringung mit sich bringt. Zur Genüge bekannt ist heute, dass traumatische Erfahrungen wie sexuelle Gewalt den Opfern seelische und körperliche Schäden zufügen, die zu lang anhaltenden psychischen Störungen führen. Diese reichen von der posttraumatischen Belastungsstörung über nicht organische Gedeihstörungen, Depressionen und Borderline Persönlichkeitsstörungen sowie dissoziativen Störungen bis hin zur multiplen Persönlichkeitsstörung. Und obwohl ich keine Expertin auf diesem Gebiet bin, kann ich Ihnen versichern, dass diese und weitere Störungen und Krankheiten in unseren Reihen vermehrt auftreten. Ebenso wie Analphabetismus, kriminelle Karrieren, Prostitution, gescheiterte Partnerschaften oder gleich die Unmöglichkeit, Partnerschaften einzugehen, gescheiterte Beziehungen zu Kindern und Eltern.

Kindern und Jugendlichen wurde der Schulunterricht vorenthalten, wenn es Arbeiten zu verrichten galt – oder es wurde gleich festgestellt, dass sie „bildungsunfähig“ seien und Schule kam gar nicht erst in Frage. Dasselbe galt für Berufsausbildungen. Wenn überhaupt kamen hier nur Handwerksberufe in Frage.

Die Konsequenzen die das auf das Leben, das Einkommen und letztlich auf die Rente hat, kann sich sicher jeder selbst ausrechnen.

Forderungen des Vereins:

  1. Der VEH e.V. fordert die längst überfällige Beachtung und Einbeziehung von Menschen, die in Säuglings- und Kleinkinderheimen die erste Zeit ihres Lebens verbringen mussten.
  2. Wir fordern die Gleichbehandlung von ehemaligen oder jetzigen Insassen von Psychiatrien und Heimen der sog. Behindertenhilfe. Es ist ein Skandal, dass dieser Personenkreis erst Jahre später beachtet wurde – noch skandalöser ist die Ungleichbehandlung.
  3. Wir fordern die Anerkennung von Zwangsarbeit, Freiheitsberaubung, Isolationsfolter in den Heimen als Menschenrechtsverletzungen.
  4. Wir fordern von allen involvierten Organisationen – d.h. Evangelische und katholische Kirche samt der ihnen zugeordneten Verbände wie Diakonie und Caritas und die verschiedenen Ordensgemeinschaften, von Staat und Kommunen, sich endlich ihrer Verantwortung zu stellen.
  5. Dasselbe gilt für die die Dachverbände der Industrie und der Bauern – sowohl Betriebe als auch Bauern haben sich an Heimkindern schadlos gehalten!
  6. Wir fordern die Pharma-Industrie und die Ärzteschaft auf, endlich die Verantwortung für Medikamenten- und Menschenversuche in den Heimen zu übernehmen.
  7. Wir fordern eine grundsätzliche, umfassende Aufarbeitung der Vorgänge in deutschen Heimen – und zwar nicht von den Täterorganisationen in Auftrag gegeben. Eine solche Aufarbeitung gehört in die Hände einer nationalen Kommission.
  8. Wir fordern – nach dem Beispiel Schweiz – die Aufhebung der Verjährungsfristen für sexuellen Kindesmissbrauch.
  9. Nicht zuletzt fordern wir für Ehemalige eine Opferrente von 500 Euro monatlich bzw. einer verhandelbaren Einmalzahlung. Und zwar ohne peinliche Befragungen und unter Umkehrung der Beweislast.




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Arzneimittel- und Menschenversuche an Heimkindern

Endlich Transparenz und Entschädigungen!

Öffentliches Fachgespräch, 14. Dezember 2018, 11:30 – 16:00, Deutscher Bundestag, Paul-Löbe-Haus, Raum E.300

Der Einsatz vonMedikamenten in den 1950 bis -70er Jahren in der Heimerziehung sowie Arzeimittelstudien in Heimen sind bislang nur wenig thematisiert worden. 

Erst durch die 2016 von der Pharmazeutin Sylvia Wagner veröffentlichte Studie “Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte. Arzeimittelstudien an Heimkindern” wurde bekannt, dass mindestens 50 Arzneimittelstudien an HeimbewohnerInnen durchgeführt wurden, zum Teil im Auftrag oder mit Wissen von Behörden.

Dabei wurden neben Impfstoffen und Psychopharmaka auch Medikamente zur Senkung der Libido getestet. Zusammen mit den eingeladenen Expert*innen und allen Teilnehmenden wollen wir das Thema stärker an die Öffentlichkeit bringen sowie weitere parlamentarische und außerparlamentarische Initiativen ausloten. Vor allem geht es darum, über das Ausmaß und die Folgen dieser Versuche Transparenz zu schaffen und die Möglichkeit zusätzlicher Entschädigungen für die Betroffenen und deren Hinterbliebener zu erörtern. Da Bundesbehörden in die grauenvollen Arzneimitteltests an Heimkindern ebenfalls verstrickt waren, sind Aufarbeitung und Entschädigung auch eine bundespolitische Aufgabe.

Mit

  • Susanne Ferschl,  MdB, Stellvertretende Fraktionsvorsitzende,  Leiterin des Arbeitskreises Gesundheit, Arbeit und Soziales
  • Sylvia Gabelmann, MdB, Sprecherin für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte
  • Norbert Müller, MdB, Sprecher für Kinder- und Jugendpolitik
  • Friedrich Straetmanns, MdB, Sprecher für Rechtspolitik
  • Prof. Dr. jur. Jan Bruckermann, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der  FOM-Hochschule in Köln
  • Heidi Dettinger, 1. Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V.
  • Prof. Dr. Jürgen Eilert, Professur für Theorien der Sozialen Arbeit an der  CVJM-Hochschule Kassel, Autor »Psychologie der  Menschenrechte – Menschenrechtsverletzungen in deutschen Heimsystem 1945 bis 1973«
  • Sylvia Wagner,  Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Pharmazeutin und Autorin der Untersuchung zu Arzneimittelstudien an Heimkindern
  • Dr. Burkhard Wiebel, Neurowissenschaftler, Forschung zu Heimkindern in der  Psychiatrie; Mitglied der Beschwerdekommission des  Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) Moderation

Moderation: Doris Petras,Sprecherin für den V.e.H. und Fraktionsgeschäftsführerin der Fraktion DIE LINKE. im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)


Aufgrund der Sicherheitsbestimmungen des Bundestages ist eine Anmeldung, sowie das Mitführen eines gültigen Personaldokuments mit Lichtbild unbedingt erforderlich. Eine Anmeldebestätigung erfolgt nicht.

 <https://www.linksfraktion.de/termine/detail/arzneimittel-und-menschenversuche-an-heimkindern-endlich-transparenz-und-entschaedigungen/> 
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