08.09.2015: Demo in Hannover

Wir wollen, was uns zusteht: Eine angemessene Entschädigung!

Friedliche Demo ehemaliger Heimkinder vor dem evangelischen Landeskirchenamt in Hannover, Rote Reihe 6, 10:00 Uhr bis ca. 14:00 Uhr.

Wir hoffen auf rege Beteiligung und schön große, ausdrucksstarke mitgebrachte Transparente!

karte rothe reihe

Noch Fragen? Bitte melden bei
Walter Hans, Tel.: 04102-31547

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„Soviel du brauchst“ – Misshandelte Heimkinder brauchen wenig

Helmut Jacob: „Soviel du brauchst“. Diese Formulierung in Anlehnung an den Bibelvers aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 16, 18 (1) war das Motto des Kirchentags 2013 in Hamburg. Phoenix-TV zur Thematik: „So viel du brauchst – dahinter steht die Frage: Was brauchen wir eigentlich, um gut zu leben? Wir als Gemeinschaft, aber auch jeder Einzelne? Haben wir noch Wünsche? Ist mehr besser? Wann sind wir zufrieden? Und wie viel ist genug? …“ (2)

Krückenschläge-auf-Kinderhänden

Krückenschläge auf Kinderfinger – Gewalt in Heimen und Klassenzimmern

Es gibt eine große Gruppe von Menschen in unserem Land, die braucht nicht viel. Ihr genügt etwa 300 Euro Rente bis zum Lebensende oder etwa 50.000 bar ausgezahlt. Damit ist diese Gruppe schon zufrieden und dafür hat sie bereits sehr viele Vorleistungen erbracht. Es sind die ehemaligen Heimkinder, die in den Nachkriegsjahrzehnten zusammengetreten, vergewaltigt, in Angst und Schrecken versetzt, gesundheitlich ruiniert wurden. An einige wenige von ihnen möchte ich noch einmal erinnern, um klar zu machen, dass ihre Ansprüche eigentlich ungerechtfertigt bescheiden sind.

Da ist das kleine Mädchen, das nachts aus dem Schlafsaal gezerrt wurde, die Treppen hinunter in den Heimgarten. Dort drückte ihr die Nonne eine Schaufel in die Hand und herrschte sie an: Du gräbst jetzt Dein eigenes Grab; und dann legst Du Dich rein und ich schaufele Dich zu.

Da ist der junge Ministrant, dem der Priester in der Sakristei in die Hose grif fund ihn gegen seinen Willen (sonst hätte der Ministrant nicht Jahrzehnte später darüber geschrieben) solange bearbeitete, bis der Priester seine Hand von dem Ergebnis seiner Schweinerei besudelte. Mangels Waschbecken in der Sakristei wischte er sich diese besudelte Hand an seinem Priestergewand (3) ab und gab im anschließenden Gottesdienst der Gemeinde die Kommunion.

Da ist die Lehrerin, die mit ihren Pranken wenigstens zwei, drei behinderten Kindern die Trommelfelle zertrümmerte und mit diesem Gewaltakt Schwerhörige hinterließ.

Da sind kleine, sechs- bis siebenjährige Schulkinder, denen die zarten Finger mit schwerem Gehstock grün und blau geschlagen wurden, wenn sie etwas Schmutz unter den Fingernägeln hatten.

Da ist der Arzt, der wenigstens vier, fünf behinderte Kinder orthopädisch so falsch behandelte, dass sie seit 50 Jahren bis heute unter Schmerzen ihre Tage fristen.

Da ist der Junge, der von einem Priester mehrmals vergewaltigt und dem Jahrzehnte danach ein Schweigegeld bezahlt wurde (4).

Da sind Jungen, die im Moor Torf stechen mussten, bis zu 12 Stunden täglich, im Winter ohne kälteschützende Bekleidung, die dafür nichts bekamen außer billigen Anstaltsfraß und den Schäferhund auf die Fersen gehetzt, wenn sie nicht dem „Hausvater“ gehorchten.

Da sind die kleinen Kinder, die schon mit sieben, acht Jahren, manche nur wenig älter, Pflegearbeiten leisten mussten, um den kirchlich geführten Betrieb überhaupt aufrecht erhalten und damit den Ruhm der Kirchen mehren zu können.

Da sind junge Männer und Frauen, die mit Strafe und Belohnung dazu dressiert wurden, ihre Mitleidenden zu kontrollieren und sie bei angeblichem Ungehorsam zusammenzuschlagen, und somit mit weniger nötigem Aufsichts- und Hilfspersonal die Kosten des Heimes zu drücken.

Da sind die Kinder, die wegen dieser jahrelangen Zwangsarbeit keine ausreichende Schulausbildung erfahren, keine vernünftige Lehre absolvieren konnten und schon darum im Leben nichts oder nur Tagelöhnergelder verdienten, die sie nun, im Alter, zum Sozialhilfeempfänger werden lassen.

Da sind die Jungen in einer Eliteschule, denen der Pater unter die Bettdecke griff, oder sie in sein Zimmer einlud oder sie an pädophile Freunde verschacherte.

Da ist das Kind, das von einem Priester misshandelt wurde. Das Keuchen und Stöhnen des Priesters dabei soll allerdings nicht im Rahmen der sexuellen Vergewaltigung des Kindes hörbar gewesen sein, sondern Folge der Anstrengung bei der Züchtigung des Kindes.

Da sind die Heimkinder, denen vorgelogen wurde, sie hätten keine Eltern mehr, die seien gestorben und denen mit dieser Lüge und der Einbehaltung der Korrespondenz die Verbindung zum Elternhaus gekappt wurde.

Da sind die Kinder und jungen Menschen, die stundenlang, tagelang in die „Klabause“ gesperrt wurden oder in andere Räume in Kellern oder auf Dachböden oder sogar in die Leichenhallen zu den verstorbenen Nonnen. Kinder, die vor Angst sprachlos oder zu Stotterern wurden.

Ich könnte fortfahren, Seite um Seite, von brutalen psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen berichten, – aber soviel Gewalt komprimiert zusammenzufassen, tut selbst dem Unterzeichner weh und meine Schreiberin neben mir damit zu belasten, wäre verantwortungslos. Sie sind nachzulesen in Büchern, im Internet (die Eingabe „Gewalt+Heimkinder“ ergibt bereits 86.000 Ergebnisse) und auf Homepageseiten einer Gruppe behinderter Heimopfer der Orthopädischen Anstalten Volmarstein, heute Evangelische Stiftung. Auf den Seiten „Blick über den Tellerrand“ ist ein kleiner Auszug dieser Verbrechen dokumentiert (5-11).

Eins mussten all die gequälten Kinder und jungen Menschen erneut erfahren: erneute psychische Gewalt im Rahmen der Aufarbeitung dieses schwarzen Kapitels der Bundesregierung in den Nachkriegsjahrzehnten. Die Manipulationen am „Runden Tisch Heimerziehung“, die Lügereien und Abwertungen der Verbrechen – auch unter Bezug auf die Bibel – seitens der Tätervertreter, die Unterschlagung von Beweismitteln in Heimen und Behörden, und nicht zuletzt das verlogene Entschuldigungsgestammel der damals Verantwortlichen oder ihrer Rechtsnachfolger, dem keine echte Wiedergutmachung folgte, – das alles empfinden heute viele Opfer dieser Zeit als weitere Gewalt.

300 Euro oder 54.000 Euro bar, mehr wollen die meisten Geschändeten und Gequälten nicht. Und das brauchen sie. Zum Beispiel zum Bestechen des Pflegepersonals, damit sie nicht erneut – und sei es durch Entzug der Zuwendung – in Alten- und Pflegeheimen gequält werden. Das brauchen sie, um endlich mal den Blick über den Horizont wagen zu können, einen Urlaub zu erleben, irgendwo in fremden Ländern, von denen sie schon als Kind viel hörten. Das brauchen sie, um sich Hilfsmittel kaufen zu können, die ihre körperliche Leiden mildern, aber von den Krankenkassen nicht bezahlt werden.

„Soviel du brauchst“ – Soviel brauchen sie! Und wenigstens soviel steht ihnen zu. Mich wundert es allerdings nicht, dass das Leid der ehemaligen Heimkinder auf dem nunmehr vergangenen Kirchentag keine Rolle mehr spielte. Dieses Kapitel hat, in diesem Fall die evangelische Kirche, mit einem frechen Grinsen abgehakt.

(1) http://www.bibleserver.com/text/LUT/2.Mose16 (2)http://www.phoenix.de/content/phoenix/tv_programm/wie_viel_ist_genug_/684980
(3) http://www.kathpedia.com/index.php?title=Priesterkleidung
(4) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43510763.html
(5) http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand/blick_uber_den_tellerrand.html
(6) http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand_2_/blick_uber_den_tellerrand_2_.html
(7) http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand_3_-_/blick_uber_den_tellerrand_3_-_.html
(8) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_4/blick_uber_den_tellerrand_4.html
(9) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_5/blick_uber_den_tellerrand_5.html
(10) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_6/blick_uber_den_tellerrand_6.html
(11) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_7/blick_uber_den_tellerrand_7.html

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“Soviel du brauchst”…

Es ist schon etwas verwunderlich, dass der Evangelische Kirchentag Hamburg so vielen PolitikernInnen eine zusätzliche Wahlplattform bietet. Auf Phoenix habe ich mir auch heute Frau Merkel und Herrn Lammert angehört. Herauszuhören war, dsas man für globale Probleme Verständnis zu haben hat und Politik nie die Aufgabe einer Wahrheitsfindung, sondern nur die Aufgabe einer demokratischen Mehrheitsfindung habe.

Applaus

Dem könnte man zustimmen, wenn denn vor Ort, oder nationa,l die Menschen sozial in der Lage wären, global zu denken und zu handeln. Für mich war herauszuhören, das man “weniger braucht”, wenn der Einzelne seine Ansprüche herunterschraubt, weniger essen und die Heizung abstellen würde, Miet- und Strompreiserhöhungen in Kauf nähme, auf kulturelle Veranstaltungen (wie Kirchentage) und am besten ganz auf Wohlstand (-sdenken) verzichtete.

Das darf ja eh nur ganz privilegierten Persönlichkeiten vorbehalten bleiben, z.B. ein 2. Konto, wo auch immer, während Sozialhilfeempfänger froh sein können, wenn sie überhaupt ein Konto eröffnen dürfen.

Warum kommen nicht die Menschen zu Wort auf dem Kirchentag, welche redlich ihre Steuern zahlen, am Existenzminimum leben, sich vom Jobcenter schikanieren lassen müssen? Und warum nicht die Menschen reden lassen, die von Kirche und Staat genauestens vorgeschrieben bekommen, was zum Leben benötigt wird. Wo also ist das “SOVIEL IHR BRAUCHT”?

Wieviel brauchen die Missbrauchsopfer und ehemaligen Heimkinder, um nur einigermassen eine annehmbare Lebensqualität wieder zu erhalten, die ihnen ja in der Kindheit genommen wurde?

Wieviel Demütigungen müssen diese Opfer noch hinnehmen, um in den “Genuss” von ausreichender Entschädigung zu gelangen? Inwieweit werden Kirchen und Stiftungen in Regress genommen, wie in Irland oder den USA?

Zynisch könnte dieses Kirchentagsmotto auch damals in den 50er, 60er, den 70er und 80er Jahren – und eigentlich bis heute – so gedeutet werden: “Priester, Diakone, Brüder, Schwestern. nehmt “soviel wie ihr braucht”, die Heime und Einrichtungen sind voll genug, um eure aller Bedürfnisse zu befriedigen”.

Was? Soviel brauchst du?

Was? Soviel brauchst du?

Stattdessen vom Kirchentag nur der (in)direkt wohlwollend gemeinte Ratschlag: “Schnallt den Gürtel enger, dann braucht ihr nicht soviel, wie ihr eigentlich zurecht brauchen würdet”.

Da war Gott ja beim Auszug aus Ägypten mit seinem Volk humaner, als das es heute seine geweihten Stellvertreter auf Erden sind. Amen.

(U. Werner)

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Prof. Kappeler: Billiglösung

Prof. Kappeler: (…) Zwar steht in den Präambeln des Abschlussberichtes „Unrecht und Leid ist geschehen“, dass es anerkannt wird, es wird bedauert, aber der Kern dieses Unrechtes, die Zwangsarbeit der Jugendlichen und die verbotene Kinderarbeit, Arbeit der Kinder bis zum vierzehnten Lebensjahr – und die damit verbundene Vorenthaltung jeglicher Bildungschancen – wurde nicht anerkannt, ausdrücklich nicht anerkannt.

Und das war die Hauptforderung der Ehemaligen Heimkinder. Und wenn diese Hauptforderung anerkannt worden wäre, dann hätte auch eine ganz andere Entschädigung erfolgen müssen, nämlich wirklich eine Entschädigung, die zumindest den Versuch unternommen hätte, die vorenthaltenen Lebenschancen auf einem niedrigen Level aber immerhin für das Alter jetzt noch beträchtlich zu bedenken.”

Interviewer: Aber ist im Hinblick auf dieses bekanntgewordene Unrecht in einem Rechtsstaat – was ja fast wie ein Widerspruch in sich klingt – ist dieser Rechtsstaat, ist die Bundesrepublik, dieser Herausforderung die Schäden die da entstanden sind wenigstens tendenziell wiedergutzumachen annähernd gerecht geworden?

Prof. Kappeler: Nein. – Nein. Es ist, das muss man leider sagen, wirklich die Billiglösung dabei herausgekommen. Das Allergeringste was ihnen, als das einmal in Gang gekommen war, zugestanden werden musste und keinen Euro mehr!

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Hier die Niederschrift des gesamten Interviews, übertragen von Martin MITCHELL
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Interviewer: Was kritisieren Sie denn noch? – Es ist doch: Das Unrecht ist anerkannt und es gibt Geld.
Prof. Kappeler: Ja.
Interviewer: Was noch, was fehlt?
Prof. Kappeler: Das Unrecht was anerkannt wird wird nicht in dem Sinne anerkannt wie die Vertreter der Ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch das gefordert haben. Zwar steht in den Präambeln des Abschlussberichtes „Unrecht und Leid is geschehen“, dass es anerkannt wird, es wird bedauert, aber der Kern dieses Unrechtes, die Zwangsarbeit der Jugendlichen und die verbotene Kinderarbeit, Arbeit der Kinder bis zum vierzehnten Lebensjahr – und die damit verbundene Vorenthaltung jeglicher Bildungschancen – wurde nicht anerkannt, ausdrücklich nicht anerkannt. Und das war die Hauptforderung der Ehemaligen Heimkinder. Und wenn diese Hauptforderung anerkannt worden wäre dann hätte auch eine ganz andere Entschädigung erfolgen müssen, nämlich wirklich eine Entschädigung die zumindest den Versuch unternommen hätte die vorenthaltenen Lebenschancen auf einem niedrigen Level aber immerhin für das Alter jetzt noch beträchtlich zu bedenken.
Die mutmaßlichen Täter kann man nicht befragen. Die betroffenen Ehemaligen Heimkinder können keine materiellen Beweise führen. Es gibt ja auch so gut wie in keinem Fall noch Akten. So: „Rein formal-juristisch ist da eigentlich gar nichts zu wollen und in so fern kann es auch keine pauschale Entschädigungsregelung geben. Das was wir machen ist ja eigentlich ja schon ein großes symbolisches Zeichen. Verpflichtet sind wir dazu formal-juristisch überhaupt nicht.“
Prof. Kappeler: Ja.
Interviewer: Was haben Sie dazu zu sagen?
Prof. Kappeler: Diese formal-juristische Argumentation die ist ja der Versuch der politischen Verantwortung zu entgehen. Wenn man sich auf die Verjährungsfristen zurückzieht, auf die Weigerung der Täterorganisationen – sage ich jetzt absichtlich zugespitzt – auf die Verjährungseinrede zu verzichten, wenn Ehemalige Heimkinder heute noch ihre Schäden geltend machen wollen auf dem juristischen Wege, wenn die Beweislage so verstanden wird dass die ehemaligen Heimkinder im Einzelfall teilweise mit Uhrzeit und Stunde der Gewalttaten die sie erfahren haben, belegen sollen was ihnen geschehen ist, dann sind das alles formal-jurische Argumente, die einen Abwehrcharakter haben.
In Wirklichkeit wäre es um eine politische Entscheidung gegangen und so war das Ganze ja auch angedacht. Gefordert waren eine politische Anerkennung dieses Unrechts und dann auch eine politisch gewollte Wiedergutmachung, so weit das überhaupt geht.
In einer der Sitzungen im Bundestag des Petitionsausschusses waren Experten aus dem Bundesarbeitsministerium geladen, die wurden von den Abgeordneten zur Frage des Charakters der in den Heimen geleisteten Arbeit befragt, und dann haben diese Herren aus dem Bundesarbeitsgericht (sic, MM) gesagt, die Arbeit die die Kinder und Jugendlichen in den Heimen leisten mussten, war Zwangsarbeit.
Wenn sie das anerkennen, sie als Abgeordnete, dass das Zwangsarbeit ist, dann müssen sie das als politische Entscheidung sehen und auf politischem Wege dafür sorgen; dass kann nicht über die Rentenkasse gehen und auf die allgemeine Bevölkerung übertragen werden, dass diese Menschen Wiedergutmachung erfahren.
Das haben die Experten aus dem Bundesarbeitsministerium den Abgeordneten des Bundestages gesagt, die haben gesagt „das ist Zwangsarbeit“.
Und wenn sie die Wiedergutmachung wollen, dann müssen sie als Volksvertreter den politischen Mut haben das entsprechend zu entscheiden.
Interviewer: Das Ganze erinnert ja an die Feststellung „Einmal Opfer immer Opfer“. Gilt das auch für die ehemaligen Heimkinder im Hinblick auf das, was beim Runden Tisch rausgekommen ist?
Prof. Kappeler: Ja. Also sehr, sehr viele ehemalige Heimkinder haben das als eine zweite Viktimisierung erlebt. Was dort geschehen ist: sie waren ständig der Übermacht, der Gewalt der Experten und der Interessenvertreter unterlegen.
Sehr, sehr viele ehemalige Heimkinder in der Bundesrepublik haben sich überhaupt nicht bis jetzt geoutet, oder weigern sich auch, bezogen auf diese eingeschränkten Entschädigungsmöglichkeiten – oder sagen wir mal „Entschädigungsmöglichkeiten“, falscher Begriff – das was sie da bekommen können, das in Anspruch zu nehmen, weil sie nicht wieder in dieser Rolle des Opfers, das jetzt als Bittsteller wieder auftreten muss, um minimale Gratifikationen zu bekommen (kommen wollen).
Die Gesellschaft hat da nach wie vor eine ungeheure Bringschuld diesen Menschen gegenüber.
Interviewer: Aber ist im Hinblick auf dieses bekanntgewordene Unrecht in einem Rechtsstaat – was ja fast wie ein Widerspruch in sich klingt – ist dieser Rechtsstaat, ist die Bundesrepublik, dieser Herausforderung die Schäden die da entstanden sind wenigstens tendenziell wiedergutzumachen annähernd gerecht geworden?
Prof. Kappeler: Nein. – Nein. Es ist, das muss man leider sagen, wirklich die Billiglösung dabei herausgekommen. Das Allergeringste was ihnen als das einmal in Gang gekommen war zugestanden werden musste und keinen Euro mehr.
Interviewer: Warum ist im Abschlussbericht nicht davon die Rede dass es ein Unrechtssystem gewesen ist mit Zwangsarbeit und allem Drum und Dran und Rechtlosigkeit? Warum ist das da nicht rein geschrieben worden? Wer wollte das nicht?
Prof. Kappeler: Also, wenn wir jetzt die Politiker am Runden Tisch nehmen, auch schon im Petitionsausschuss, auch schon im Bundestag, dann wäre dieses Eingeständnis eine Erschütterung ihres Selbstverständnisses bezogen auf die Geschichte und den Charakter der Bundesrepublik Deutschland gewesen. Mitten im Kern des eigenen Gesellschaftssystems geschieht solches Unrecht in unvorstellbarem Ausmass und sämtliche – verfassungsrechtlich, staatsrechtlich, verwaltungsrechtlich – vorhandenen Kontrollsysteme versagen; nicht zufällig!
Ich hab analysiert wie das alles zusammenhängt, warum die Vormundschaftsgerichte zusammen mit den Jugendämtern, zusamen mit den Verwaltungsgerichten, mit der Psychiatrie, ein gesamtes System so funktioniert hat.
Nach ’45 gab es an diesem Punkt, in diesen totalen Institutionen – die waren völlig abgeschottet von der Öffentlichkeit! – keine Zäsur. Mit denselben Personen und denselben Methoden ist das weiter gelaufen bis weit in die siebziger Jahre.
Und sich das einzugestehen, sich dieses existenzielle Versagen deutlich zu machen – und dieses Eingeständnis wäre eine Leistung gewesen für die Entwicklung der politischen Kultur in der Bundesrepublik für die Zukunft – , deswegen habe ich immer gesagt, es geht auch darum dass wir diese Schuld annehmen, die wir selber genuin zu verantworten haben um zu verhindern dass sowas jemals wieder passiert. – Das ist nicht irgend eine, sondern es ist eine zentrale Schuld des Systems in der Bundesrepublik.
Und die Ehemaligen Heimkinder haben diesen Punkt unmissverständlich immer wieder in die Debatten am Runden Tisch eingebracht und da sind sie auf eine Mauer der Ablehnung gestoßen.
Und, kann man natürlich noch hinzufügen, bei den Kirchenvertretern, die ja 70% der gesamten Heimerziehung zu verantworten hatten, kommen ja noch mal andere Dimensionen von Schuld und Sühne dazu.
Interviewer: Ein Unrechtssystem im neuen freiheitlich-demokratischen Westdeutschland. Der Rechtsstaat versagt. Die Profiteure des Unrechts wurden nie zur Verantwortung gezogen.
Ehemaliges Heimkind Dietmar Krone: Was mich am meisten darüber ärgert, dass die Firmen für die wir arbeiten mussten, sich schön da rausgehalten haben; die mussten ja so gut wie garnichts in den Topf einzahlen, nich. Letztendlich bleibt’s am Steuerzahler hängen.
Interviewer: Der Runde Tisch Jahrzehnte später begnügt sich mit einer Billiglösung, gesteht keine jüngste deutsche Schuld ein.
Prof. Kappeler: Einsicht in die eigene Schuld – da liegt das Versagen und damit, das will ich mal deutlich sagen, ist auch wieder neue Schuld entstanden.

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Österreich: Kirche verlor in Streit um Opfer-Datenauskunft

Nun ist es amtlich:
jene Kommission, stets auf die eigene Unabhängigkeit gepocht hat und kirchliche Missbrauchsverbrechen aufklären sollte, ist in Wahrheit ein Teil der Erzdiözese Wien und somit in keiner Weise ‚unabhängig’. In einem aktuellen Bescheid der Datenschutzkommission der Republik Österreich, der nach der Anfrage eines Missbrauchsopfers erfolgte, heißt es:
1. Die sogenannte “Unabhängige Opferschutzkommission” ist organisatorischer Teil der
Erzdiözese Wien und muss deswegen selbst keine Datenschutzgesetze einhalten

2. Die österreichische Bischofskonferenz unterliegt ebenso wie alle anderen Organisationen dem Datenschutzrecht und muss per Bescheid, entgegen ihrer bisherigen Weigerung, allen Betroffenen Auskunft über Art und Inhalt der gespeicherten Daten erteilen.

ARGE Daten: Grundrechte von Opfern massiv verletzt
Die Klasnic-Kommission hatte bisher die Aushändigung von Daten an Missbrauchsopfer u.a. mit dem Argument der kirchenrechtlichen “geistlichen Verschwiegenheitspflicht” verweigert.

Opfer-Plattform und Rechtsanwalt fordern nun die Löschung der Opfer-Daten.

Die Pfoten immer schön gefaltet lassen!

“Der Bescheid der Datenschutzkommission offenbart schwere Mängel in der Umsetzung des Datenschutzgesetzes durch die katholische Kirche “, kritisiert Hans Zeger, Obmann der ARGE Daten. „Mit der Konstruktion einer ‘innerkirchlichen Datenschutzkommission’ wurde versucht, Grundrechte von Betroffenen unzulässig zu beschränken. Im Ergebnis werden kirchliche Missbrauchsopfer zum zweiten Mal Opfer der Kirche. Auch im Bereich Grundrechte und Achtung der Privatsphäre besteht für die Kirche höchster Erneuerungsbedarf.”
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Oder auch hier:
Mann hatte sich an Opferschutzanwaltschaft gewandt und wurde von kirchlicher Datenschutz-Einrichtung kontaktiert

Wien – Ein Missbrauchsopfer hat nun von der Datenschutzkommission der Republik in einem Verfahren gegen die römisch-katholische Kirche recht bekommen. Der Mann, der von der Opferschutzanwaltschaft entschädigt worden war, hatte Auskunft über seine gespeicherten Daten verlangt und wurde daraufhin von der kirchlichen Datenschutzkommission kontaktiert. Diese verweigerte allerdings die Auskunft und verwies wiederum zurück an Opferschutzanwaltschaft.

Der Beschwerdeführer hatte ein “Datenleck” vermutet, da er sich an die Opferschutzanwaltschaft sowie an die kirchliche Stiftung Opferschutz (die für die Entschädigungen aufkommt) gewandt hatte, die Antwort jedoch von der kirchlichen Datenschutzkommission kam. Dort hatte man festgehalten, dass man lediglich die Existenz von “Datenarten” beauskunfte und über keine Inhalte verfüge.
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Arbeiten für Gottes Lohn

Mo, 28.01.13 | 22:45 Uhr| ARD

Die Story im Ersten: Arbeiten für Gottes Lohn
Wie die Kirche ihre Sonderrechte ausnutzt

Über Gerechtigkeit und Nächstenliebe reden die Kirchen gern und viel. Doch viele ihrer Mitarbeiter vermissen genau diese Tugenden, wenn es um die Bedingungen an ihren Arbeitsplätzen geht. Immer wieder kämpfen sie gegen Lohndumping und Leiharbeit in ihren kirchlichen Einrichtungen. Rund 1,3 Millionen Menschen sind bei den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden Caritas und Diakonie beschäftigt. Damit sind die Kirchen nach dem Öffentlichen Dienst der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland.

Mitarbeiter der Kirchen verleihen “schwarzes Schaf” an kirchliche Einrichtung in Bremen.
Die Dokumentation “Arbeiten für Gottes Lohn” schildert, wie sich viele Beschäftigte gegen ihren Arbeitgeber Kirche wehren, wie sie sich organisieren und für gerechtere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen engagieren. Ein Streikrecht haben sie nicht, denn die Kirchen genießen in diesen arbeitsrechtlichen Konflikten ein “Selbstbestimmungsrecht”, das das Grundgesetz jeder Religionsgesellschaft garantiert.

Mitarbeiter der Kirchen und verdi protestieren für bessere Arbeitsbedingungen.

Die Autorin Gita Datta hat quer durch die Republik mit den Menschen gesprochen, die im “Namen des Herrn” jeden Tag erleben, wie dieses “Selbstbestimmungsrecht” ausgenutzt wird. Und wie wenig das mit den ansonsten immer wieder gepredigten Tugenden der Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu tun hat.

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