„Soviel du brauchst“ – Misshandelte Heimkinder brauchen wenig

Helmut Jacob: „Soviel du brauchst“. Diese Formulierung in Anlehnung an den Bibelvers aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 16, 18 (1) war das Motto des Kirchentags 2013 in Hamburg. Phoenix-TV zur Thematik: „So viel du brauchst – dahinter steht die Frage: Was brauchen wir eigentlich, um gut zu leben? Wir als Gemeinschaft, aber auch jeder Einzelne? Haben wir noch Wünsche? Ist mehr besser? Wann sind wir zufrieden? Und wie viel ist genug? …“ (2)

Krückenschläge-auf-Kinderhänden

Krückenschläge auf Kinderfinger – Gewalt in Heimen und Klassenzimmern

Es gibt eine große Gruppe von Menschen in unserem Land, die braucht nicht viel. Ihr genügt etwa 300 Euro Rente bis zum Lebensende oder etwa 50.000 bar ausgezahlt. Damit ist diese Gruppe schon zufrieden und dafür hat sie bereits sehr viele Vorleistungen erbracht. Es sind die ehemaligen Heimkinder, die in den Nachkriegsjahrzehnten zusammengetreten, vergewaltigt, in Angst und Schrecken versetzt, gesundheitlich ruiniert wurden. An einige wenige von ihnen möchte ich noch einmal erinnern, um klar zu machen, dass ihre Ansprüche eigentlich ungerechtfertigt bescheiden sind.

Da ist das kleine Mädchen, das nachts aus dem Schlafsaal gezerrt wurde, die Treppen hinunter in den Heimgarten. Dort drückte ihr die Nonne eine Schaufel in die Hand und herrschte sie an: Du gräbst jetzt Dein eigenes Grab; und dann legst Du Dich rein und ich schaufele Dich zu.

Da ist der junge Ministrant, dem der Priester in der Sakristei in die Hose grif fund ihn gegen seinen Willen (sonst hätte der Ministrant nicht Jahrzehnte später darüber geschrieben) solange bearbeitete, bis der Priester seine Hand von dem Ergebnis seiner Schweinerei besudelte. Mangels Waschbecken in der Sakristei wischte er sich diese besudelte Hand an seinem Priestergewand (3) ab und gab im anschließenden Gottesdienst der Gemeinde die Kommunion.

Da ist die Lehrerin, die mit ihren Pranken wenigstens zwei, drei behinderten Kindern die Trommelfelle zertrümmerte und mit diesem Gewaltakt Schwerhörige hinterließ.

Da sind kleine, sechs- bis siebenjährige Schulkinder, denen die zarten Finger mit schwerem Gehstock grün und blau geschlagen wurden, wenn sie etwas Schmutz unter den Fingernägeln hatten.

Da ist der Arzt, der wenigstens vier, fünf behinderte Kinder orthopädisch so falsch behandelte, dass sie seit 50 Jahren bis heute unter Schmerzen ihre Tage fristen.

Da ist der Junge, der von einem Priester mehrmals vergewaltigt und dem Jahrzehnte danach ein Schweigegeld bezahlt wurde (4).

Da sind Jungen, die im Moor Torf stechen mussten, bis zu 12 Stunden täglich, im Winter ohne kälteschützende Bekleidung, die dafür nichts bekamen außer billigen Anstaltsfraß und den Schäferhund auf die Fersen gehetzt, wenn sie nicht dem „Hausvater“ gehorchten.

Da sind die kleinen Kinder, die schon mit sieben, acht Jahren, manche nur wenig älter, Pflegearbeiten leisten mussten, um den kirchlich geführten Betrieb überhaupt aufrecht erhalten und damit den Ruhm der Kirchen mehren zu können.

Da sind junge Männer und Frauen, die mit Strafe und Belohnung dazu dressiert wurden, ihre Mitleidenden zu kontrollieren und sie bei angeblichem Ungehorsam zusammenzuschlagen, und somit mit weniger nötigem Aufsichts- und Hilfspersonal die Kosten des Heimes zu drücken.

Da sind die Kinder, die wegen dieser jahrelangen Zwangsarbeit keine ausreichende Schulausbildung erfahren, keine vernünftige Lehre absolvieren konnten und schon darum im Leben nichts oder nur Tagelöhnergelder verdienten, die sie nun, im Alter, zum Sozialhilfeempfänger werden lassen.

Da sind die Jungen in einer Eliteschule, denen der Pater unter die Bettdecke griff, oder sie in sein Zimmer einlud oder sie an pädophile Freunde verschacherte.

Da ist das Kind, das von einem Priester misshandelt wurde. Das Keuchen und Stöhnen des Priesters dabei soll allerdings nicht im Rahmen der sexuellen Vergewaltigung des Kindes hörbar gewesen sein, sondern Folge der Anstrengung bei der Züchtigung des Kindes.

Da sind die Heimkinder, denen vorgelogen wurde, sie hätten keine Eltern mehr, die seien gestorben und denen mit dieser Lüge und der Einbehaltung der Korrespondenz die Verbindung zum Elternhaus gekappt wurde.

Da sind die Kinder und jungen Menschen, die stundenlang, tagelang in die „Klabause“ gesperrt wurden oder in andere Räume in Kellern oder auf Dachböden oder sogar in die Leichenhallen zu den verstorbenen Nonnen. Kinder, die vor Angst sprachlos oder zu Stotterern wurden.

Ich könnte fortfahren, Seite um Seite, von brutalen psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen berichten, – aber soviel Gewalt komprimiert zusammenzufassen, tut selbst dem Unterzeichner weh und meine Schreiberin neben mir damit zu belasten, wäre verantwortungslos. Sie sind nachzulesen in Büchern, im Internet (die Eingabe „Gewalt+Heimkinder“ ergibt bereits 86.000 Ergebnisse) und auf Homepageseiten einer Gruppe behinderter Heimopfer der Orthopädischen Anstalten Volmarstein, heute Evangelische Stiftung. Auf den Seiten „Blick über den Tellerrand“ ist ein kleiner Auszug dieser Verbrechen dokumentiert (5-11).

Eins mussten all die gequälten Kinder und jungen Menschen erneut erfahren: erneute psychische Gewalt im Rahmen der Aufarbeitung dieses schwarzen Kapitels der Bundesregierung in den Nachkriegsjahrzehnten. Die Manipulationen am „Runden Tisch Heimerziehung“, die Lügereien und Abwertungen der Verbrechen – auch unter Bezug auf die Bibel – seitens der Tätervertreter, die Unterschlagung von Beweismitteln in Heimen und Behörden, und nicht zuletzt das verlogene Entschuldigungsgestammel der damals Verantwortlichen oder ihrer Rechtsnachfolger, dem keine echte Wiedergutmachung folgte, – das alles empfinden heute viele Opfer dieser Zeit als weitere Gewalt.

300 Euro oder 54.000 Euro bar, mehr wollen die meisten Geschändeten und Gequälten nicht. Und das brauchen sie. Zum Beispiel zum Bestechen des Pflegepersonals, damit sie nicht erneut – und sei es durch Entzug der Zuwendung – in Alten- und Pflegeheimen gequält werden. Das brauchen sie, um endlich mal den Blick über den Horizont wagen zu können, einen Urlaub zu erleben, irgendwo in fremden Ländern, von denen sie schon als Kind viel hörten. Das brauchen sie, um sich Hilfsmittel kaufen zu können, die ihre körperliche Leiden mildern, aber von den Krankenkassen nicht bezahlt werden.

„Soviel du brauchst“ – Soviel brauchen sie! Und wenigstens soviel steht ihnen zu. Mich wundert es allerdings nicht, dass das Leid der ehemaligen Heimkinder auf dem nunmehr vergangenen Kirchentag keine Rolle mehr spielte. Dieses Kapitel hat, in diesem Fall die evangelische Kirche, mit einem frechen Grinsen abgehakt.

(1) http://www.bibleserver.com/text/LUT/2.Mose16 (2)http://www.phoenix.de/content/phoenix/tv_programm/wie_viel_ist_genug_/684980
(3) http://www.kathpedia.com/index.php?title=Priesterkleidung
(4) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43510763.html
(5) http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand/blick_uber_den_tellerrand.html
(6) http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand_2_/blick_uber_den_tellerrand_2_.html
(7) http://gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand_3_-_/blick_uber_den_tellerrand_3_-_.html
(8) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_4/blick_uber_den_tellerrand_4.html
(9) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_5/blick_uber_den_tellerrand_5.html
(10) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_6/blick_uber_den_tellerrand_6.html
(11) http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_7/blick_uber_den_tellerrand_7.html

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“Soviel du brauchst”…

Es ist schon etwas verwunderlich, dass der Evangelische Kirchentag Hamburg so vielen PolitikernInnen eine zusätzliche Wahlplattform bietet. Auf Phoenix habe ich mir auch heute Frau Merkel und Herrn Lammert angehört. Herauszuhören war, dsas man für globale Probleme Verständnis zu haben hat und Politik nie die Aufgabe einer Wahrheitsfindung, sondern nur die Aufgabe einer demokratischen Mehrheitsfindung habe.

Applaus

Dem könnte man zustimmen, wenn denn vor Ort, oder nationa,l die Menschen sozial in der Lage wären, global zu denken und zu handeln. Für mich war herauszuhören, das man “weniger braucht”, wenn der Einzelne seine Ansprüche herunterschraubt, weniger essen und die Heizung abstellen würde, Miet- und Strompreiserhöhungen in Kauf nähme, auf kulturelle Veranstaltungen (wie Kirchentage) und am besten ganz auf Wohlstand (-sdenken) verzichtete.

Das darf ja eh nur ganz privilegierten Persönlichkeiten vorbehalten bleiben, z.B. ein 2. Konto, wo auch immer, während Sozialhilfeempfänger froh sein können, wenn sie überhaupt ein Konto eröffnen dürfen.

Warum kommen nicht die Menschen zu Wort auf dem Kirchentag, welche redlich ihre Steuern zahlen, am Existenzminimum leben, sich vom Jobcenter schikanieren lassen müssen? Und warum nicht die Menschen reden lassen, die von Kirche und Staat genauestens vorgeschrieben bekommen, was zum Leben benötigt wird. Wo also ist das “SOVIEL IHR BRAUCHT”?

Wieviel brauchen die Missbrauchsopfer und ehemaligen Heimkinder, um nur einigermassen eine annehmbare Lebensqualität wieder zu erhalten, die ihnen ja in der Kindheit genommen wurde?

Wieviel Demütigungen müssen diese Opfer noch hinnehmen, um in den “Genuss” von ausreichender Entschädigung zu gelangen? Inwieweit werden Kirchen und Stiftungen in Regress genommen, wie in Irland oder den USA?

Zynisch könnte dieses Kirchentagsmotto auch damals in den 50er, 60er, den 70er und 80er Jahren – und eigentlich bis heute – so gedeutet werden: “Priester, Diakone, Brüder, Schwestern. nehmt “soviel wie ihr braucht”, die Heime und Einrichtungen sind voll genug, um eure aller Bedürfnisse zu befriedigen”.

Was? Soviel brauchst du?

Was? Soviel brauchst du?

Stattdessen vom Kirchentag nur der (in)direkt wohlwollend gemeinte Ratschlag: “Schnallt den Gürtel enger, dann braucht ihr nicht soviel, wie ihr eigentlich zurecht brauchen würdet”.

Da war Gott ja beim Auszug aus Ägypten mit seinem Volk humaner, als das es heute seine geweihten Stellvertreter auf Erden sind. Amen.

(U. Werner)

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