Heimkinderkonferenz am 14.06.2014 in Münster/Westf.

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Die zeithistorische Aufarbeitung von staatlichen Verbrechen verläuft wellenförmig in mehreren Phasen mit initial langer Latenz des Beschweigens, dann wird es in kürzer werdenden Abständen Thema in der Öffentlichkeit. So setzt sich letztlich eine historische Aufarbeitung und auch partielle Entschädigung der Opfer durch. Beispiele: Genozid an den Hereros, NS-Zwangsarbeit, NS- Zwangssterilisation, Verbrechen der Wehrmacht, aktuell die Entschädigung ehemaliger Ghetto- Bwohner (Ghetto-Rentengesetz ZRBG). Immer ist es das Zusammenwirken von Opferverbänden, basispolitischen Kräften, engagierten Politikern, Historikern, sowie Medien und öffentlicher Meinung, das den Prozess vorantreibt.

Das Schweigen zum Thema „Ehemalige Heimkinder“ wurde erstmals in der Heimkinderbewegung Ende der 60er Jahre gebrochen, damals mit schnellen Erfolgen im Rahmen der Aufbruchstimmung der 68er Bewegung.

2007 gab es zwei Anhörungen vor dem Petitionsausschuss des Bundestages, die Reihe der Veröffentlichungen in Presse und Fernsehen reißt seitdem nicht ab. Ob es die Vorgänge um das Landesfürsorgeheim in Glückstadt in Schleswig-Holstein sind (lokale Presse und Die Zeit) oder die Zwangsarbeit für große Firmen wie MIELE und HELLA in Ostwestfalen (Report Mainz) oder aktuell die Fernsehberichte zum St. Johannis-Stift in Niedermarsberg, es spricht wenig dafür, dass sich die angestoßenen Auseinandersetzungen von selbst erledigen. Wie schon vorher in solchen Geschichts-Aufarbeitungs-Debatten: Sie lassen sich nicht durch Schlussstrich-Rhetorik beenden und das Verdrängte kehrt immer wieder.

Die Archive der großen Heime und Fürsorgeerziehungsbehörden jener Jahre sind voll von noch nicht gesichteten Dokumenten. Die Initiative der historischen Aufarbeitung ist nicht einzelnen Institutionen und Behörden im Sinne einer eigenen tendenziösen „Geschichtsaufarbeitung“ zu überlassen. Es gilt jetzt, die Einzelbefunde zusammenzuführen, um einschätzen zu können, wie viel „System“ hinter den Einzelgeschichten und Einzelfällen erkennbar werden kann. Noch ist es Zeit, die „Ehemaligen“ jener Jahre auf allen Seiten selbst zu Wort kommen zu lassen, ehemalige Heimkinder ebenso wie Erzieherinnen und Erzieher, die die zuständigen Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter der Landesjugendämter und kommunalen Jugendämter und ihre Verantwortlichen damals in Leitungspositionen sowie Verbandsvertreter.

Das Ergebnis der zwei Anhörungen im Petitionsausschuss des Bundestages war der Runde Tisch Heimerziehung (RTH), bezogen auf 700.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche, die im Rahmen der Fürsorgeerziehung (FE) und Freiwilligen Erziehungshilfe (FEH) in Heimen untergebracht waren. Säuglinge, Kleinkinder, Kinder und Jugendliche in Behinderteneinrichtungen, die ebenfalls betroffen waren, wurden nicht berücksichtigt.
Für letztgenannte Betroffenengruppe gilt eine Besonderheit, die ein weiteres erschreckendes Licht auf die frühe Bundesrepublik wirft: Eingangsvoraussetzung für die Einweisung in eine Behinderteneinrichtung ist eine psychiatrische Diagnose z.B. Geisteskrankheit, Schwachsinn, Epilepsie). Vielfach waren es Kinder- und Jugendpsychiater, die in der NS-Zeit an Kinder- Euthanasieprogrammen direkt oder indirekt (z.B. als Gutachter an Erbgesundheitsgerichten) mitgewirkt hatten, in der Besatzungszeit zu langen Freiheitsstrafen verurteilt wurden, dann entnazifiziert wurden und wieder in leitende Position kamen, die Kinder und Jugendliche, die in FE oder FEH waren, als Schwachsinnig diagnostizierten und so die bedingt durch die Kindereuthanasie leerstehenden großen Behinderteneinrichtungen „auffüllten“. Es waren Tausende.
Diese ehemaligen Heimkinder fordern jetzt zunehmend Gehör in der Öffentlichkeit und fordert eineangemessene Entschädigung für ihr lebenslanges Leid.

In der Konferenz, durchgeführt von der Fraktion Die Linke im LWL und dem Verein ehemaliger Heimkinder e.V. (VEH e.V.) am 14. Juni in Münster, wird das zentrale Thema sein, mit welchen konzertierten politischen Aktivitäten die jetzt, insbesondere über die nicht abreißende Medienaktivitäten, hergestellte Öffentlichkeit genutzt werden kann, einen Schritt in diesem historischen Prozess weiter zu kommen.

Konferenzziel ist: In einer konzertierten Aktion zwischen VEH e.V., Medien und der Partei Die Linke, unterstützt von im Thema spezialisierten Juristen, in der aktuellen Forschung aktiven Historikern und die Öffentlichkeit herstellenden Medienvertretern sollen folgende Forderungen formuliert werden und in ein politisches Programm mit konkreten Schritten zur Realisierung umgesetzt werden:

  1. Anhörung im Bundestag
  2. Erneuter Runder Tisch Heimerziehung, jetzt mit Beteiligung aller Betroffener
  3. Rente analog dem Ghetto-Gesetz (ZRBG)
  4. Beteiligung der Industrie an dem aufzulegenden Fonds

Tagungsverlauf
10:30 Uhr Einlass und Kaffeetrinken
11:00 Uhr Eröffnung und Begrüßung
11:15 Uhr Geschlossene Unterbringung – Kontinuität eines Unrechtsystems (Dr. Burkhard Wiebel)
11:45 Uhr Die Haasenburg – Wenn nichts geschieht (Torsten Krause, MDL Brandenburg, Fraktion DIE LINKE)
12:15 Uhr Der Bundestag und die ehemaligen Heimkinder (Heidrun Dittrich, eh. MDB Fraktion DIE LINKE im Bundestag)
12:30 Uhr Mittagspause

13: 15 Uhr Ehemalige Heimkinder – mit und ohne Behinderung – berichten über Zwangsarbeit in konkreten Firmen
14:15 Uhr Juristische Möglichkeiten zur Durchsetzung einer Entschädigung (Michael Witti)
14:45 Uhr Kaffeepause
15:15 Uhr Forderungskatalog des VEH e.V.
15:30 Uhr Podiumsdiskussion: Vorstand VEH e.V., Torsten Krause, Björn Ludes, Michael Witti, Heidrun Dittrich, Burkhard Wiebel (Moderation)
17:30 Uhr Zusammenfassung, Aktivitäten
18:00 Uhr Schlusswort

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und hoffen auf eine interessante und zielgerichtete Konferenz!

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