Sexueller Missbrauch durch katholische Geistliche

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Presseerklärung
KFN-Betroffenenbefragungen zu sexuellem Missbrauch
durch katholische Geistliche abgeschlossen

Nach der von der deutschen Bischofskonferenz erfolgten Kündigung des Forschungsprojekts „Der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ im Januar 2013 hat das KFN die Befragung von Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche eigeninitiativ fortgeführt. Auf verschiedene Aufrufe über die Medien und die Homepage des Instituts zur Teilnahme an der Forschung meldeten sich zwischen März und Oktober 2013 mehr als einhundert Betroffene. Darüber hinaus konnten einige Betroffene bereits im Herbst 2011 und im Frühjahr 2012 zur Teilnahme an der qualitativen Interviewstudie gewonnen werden. Dank ihrer Bereitschaft, von ihren Missbrauchserfahrungen zu
berichten, war es den Forscherinnen und Forschern am KFN möglich, erstmals für Deutschland Informationen über Hintergründe, Charakteristika und Folgen sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche aufzuarbeiten und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Forschung konzentrierte sich zum einen auf qualitative Tiefeninterviews mit Betroffenen, die zum Ziel hatten, vertiefende Erkenntnisse über Besonderheiten von Missbrauchserfahrungen in katholischen Kontexten und deren Bewältigung zu erarbeiten. Zum anderen wurde eine Fragebogenuntersuchung durchgeführt, um die Entstehung und den Verlauf des Missbrauchsgeschehens aus Sicht der Betroffenen nachzuvollziehen. Zudem sollte geklärt werden, welche Folgen die Taten bei den Betroffenen ausgelöst haben und wie sich die katholische Kirche ihnen gegenüber verhalten hat.

Die Ergebnisse beider Befragungen erscheinen nun in einem Sammelband mit dem Titel „Sexueller Missbrauch Minderjähriger durch katholische Geistliche in Deutschland“ (Hrsg.: Sandra Fernau und Deborah F. Hellmann) beim Nomos-Verlag. Die entscheidenden Erkenntnisse aus beiden Betroffenenbefragungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Der sexuelle Missbrauch durch Priester fand oft in Heimen oder Internaten statt. Dort hatten die Betroffenen besonders wenige Möglichkeiten, sich dem Zugriff der Täter zu entziehen und waren den Missbrauchshandlungen besonders häufig ausgesetzt.
  2. Vielfach haben die geistlichen Täter bei der Annäherung an die Betroffenen und bei der Tatbegehung ihre religiöse Machtposition ausgenutzt.
  3. Viele Personen im direkten Umfeld der Betroffenen haben von dem Missbrauch gewusst oder ihn zumindest erahnt. Die besondere soziale Stellung der geistlichen Täter hat mit dazu beigetragen, dass viele Betroffene sich nie oder erst sehr spät offenbart haben.
  4. Die im kirchlichen Rahmen erlittenen Missbrauchserfahrungen sind für einen Großteil der Betroffenen auch noch nach Jahrzehnten mit starken psychischen Beeinträchtigungen verbunden.
  5. Der Stellenwert des katholischen Glaubens im Leben der Betroffenen ist nach der Tat als ambivalent einzustufen: Einerseits bestehen Distanzierungsbemühungen von der Kirche als Institution, andererseits lassen sich oftmals Verankerungen in katholischen Glaubenszusammenhängen feststellen. Tendenziell erschwert die katholisch geprägte Religiosität der Betroffenen Prozesse der Aufarbeitung und Bewältigung des sexuellen Missbrauchs.
  6. Auch das Urteil der Betroffenen über die Unterstützung durch die katholische Kirche fällt ambivalent aus. Generell wird eine offene Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit den Missbrauchstaten vermisst.
  7. Der sexuelle Missbrauch durch katholische Geistliche ist vor allem im institutionellen Kontext ein rückläufiges Phänomen.
  8. Eine gewaltfreie, liebevolle elterliche Erziehung kann vor sexuellem Missbrauch schützen. Sie kann Betroffene zudem befähigen, sich hilfesuchend zu offenbaren.

Das letzte Kapitel des Sammelbandes mit einer ausführlichen Darstellung der zentralen Erkenntnisse steht auf der Homepage des KFN zum Download bereit.

Dipl.-Soz. Sandra Fernau
Tel.: 0511-3483628
E-Mail: Sandra.Fernau@kfn.de

Dr. Deborah F. Hellmann, Dipl.-Psych.
Tel.: 0511-3483630
E-Mail: Deborah.Hellmann@kfn.de

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