Texte des VEH e.V. in Münster

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Anlässlich eines historischen Treffens zwischen der Fraktion DIE LINKE im LWL und dem VEH e.V. in Münster haben VertreterInnen des Vereins ehemaliger Heimkinder folgende Texte vorgetragen:

1. Wie war das damals? – Alles nur Einzelfälle oder ein Unrechtssystem?

2. “Nie wieder”

3. Die bisherige Arbeit der Anlaufstellen beim LWL und LVR – eine Bilanz

4. Die Forderungen des VEH e.V.

1. Wie war das damals? – Alles nur Einzelfälle oder ein Unrechtssystem?

Dieser eindringliche Text wurde – mit einigen Änderungen übernommen von Helmut Jacob, Überlebender westdeutscher Kinderheimhöllen und Blogger mit einem lesenswerten Blog, auf dem auch die Originalversion dieses Textes zu finden ist. Auch das Bild der Kinderhände, zerschlagen vom Krückstock, findet sich auf diesem Blog. (http://www.readers-edition.de/2013/05/07/soviel-du-brauchst-misshandelte-heimkinder-brauchen-wenig/)

In Deutschland waren zwischen 1945 und 1975 ca. 800.000 bis 1.000.000 Kinder gezwungen, in Heimen zu leben:

In Säuglingsheimen, Kinderheimen, Waisenhäusern, Jugendheimen, Heimen für Schwererziehbare, in Heimen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, in Psychiatrien.

Diese Heime waren zum größten Teil in Händen der katholischen und der evangelischen Kirchen und deren Organisationen Caritas und Diakonie und der verschiedensten Ordensgemeinschaften. Sie waren aber auch in staatlicher Hand, in der Hand der Arbeiterwohlfahrt, des Deutschen Roten Kreuzes, des LWL und des LVR. Außerdem gab es Heime in privater Hand.

Es gab große Heime mit Hunderten von Kindern und es gab kleine Privatheime mit vielleicht zehn Kindern.

Eines hatten die allermeisten dieser Heime gemeinsam: Es ging den Kindern grottenschlecht dort. Das kann ich aus meiner Erfahrung der wohl tausend und mehr Stunden Telefongespräche mit Überlebenden deutscher Kinderheimhöllen sagen. Lassen Sie mich einige – sehr reale – Beispiele nennen:

Das kleine Mädchen, das nachts aus dem Schlafsaal gezerrt wurde, die Treppen hinunter in den Heimgarten. Dort drückte ihr die Nonne eine Schaufel in die Hand und herrschte sie an: Du gräbst jetzt Dein Grab, dann legst Du Dich rein und ich schaufele Dich zu.

Der junge Ministrant, dem der Priester in der Sakristei in die Hose griff und den Jungen solange „bearbeitete“, bis des Priesters Hand von dem Ergebnis seiner Schweinerei besudelt war.

Das behinderte Kind, dessen Trommelfell von den Pranken einer Lehrerin zertrümmert wurde sodass es für den Rest seines Lebens zusätzlich schwerhörig war.

Das sechs- bis siebenjährige Schulkind, dessen zarte Finger mit einem schwerem Gehstock grün und blau geschlagen wurden, weil es etwas Schmutz unter den Fingernägeln hatte.

Krückenschläge-auf-Kinderhänden

Der Junge, der von einem Priester wieder und wieder vergewaltigt wurde.

Das Mädchen, von einem brutalen Gynäkologen defloriert, befingert, missbraucht.

Der Junge, der bis zu 12 Stunden täglich Torf stechen musste und nichts dafür bekam außer billigem Anstaltsfraß.

Das kleine Mädchen, das schon mit sieben, acht Jahren Pflegearbeiten leisten musste, um den kirchlich geführten Betrieb aufrecht zu erhalten und damit den Ruhm der Kirchen zu mehren.

Der kleine Junge, von einem Arzt orthopädisch so falsch behandelt, dass er seither unter ständigen Schmerzen leidet.

Das Kind, das wegen jahrelangen Zwangsarbeit keine ausreichende Schulausbildung erfuhr, keine vernünftige Lehre absolvieren konnte und schon darum im Leben kaum etwas verdiente und das nun, im Alter, von Transfergeldern leben muss.

Der Junge, der nach einer Prügelorgie in einer Pfütze des eigenen Blutes stand – die prügelnde Nonne wollte Blut sehen!

Das Kind, dem vorgelogen wurde, seine Eltern seien gestorben und dem mit dieser Lüge und der Einbehaltung der Korrespondenz die Verbindung zum Elternhaus gekappt wurde.

Das kleine Mädchen, das keinen Eintopf mochte und dennoch zum Essen gezwungen wurde – solange, bis sie alles erbrach. Und dann das Erbrochene aufessen musste. Hatten mehrere Kinder an einem Tisch erbrochen, konnte es durchaus auch das Erbrochene des Nebenkindes sein, das da in den kleinen Mund gezwungen wurde.

Kinder und jungen Menschen, die stunden- und tagelang in „Besinnungs- oder Strafzimmer“ gesperrt wurden, in Kohlenkeller, auf Dachböden, in Schweineställe oder einfach in den Schnee gestellt. Oder sie wurden sogar in Leichenhallen zu verstorbenen Nonnen gesperrt. Kinder, die vor Angst sprachlos oder zu Stotterern wurden.

All die Kinder, die wegen Bettnässens den schrecklichsten Torturen unterworfen waren – angefangen von der Bloßstellung vor den Mitleidenden über das Prügeln mit dem nassen Laken bis hin zu „Behandlung“ mit Elektroschocks.

Die jungen Männer und Frauen, die mit Strafe und Belohnung dazu dressiert wurden, ihre Mitleidenden zu kontrollieren und sie bei angeblichem Ungehorsam zusammenzuschlagen, und somit weniger Aufsichts- und Hilfspersonal nötig machten.

Nicht zuletzt die Jungen in den Eliteschulen, denen der Pater unter die Bettdecke griff, sie in sein Zimmer holte oder sie gleich an pädophile Freunde verschacherte.

Geprügelt wurde mit allem, was zur Hand war: Faust, flacher Hand, Besenstiel, Handfeger, Dach- und Zaunlatte, Rohrstock, Peitsche, Gürtel, Schlüsselbund, nassen Bettlaken.

Es wurde eiskalt abgeduscht, in nasse Laken gewickelt, in der Wanne untergetaucht, nachts im Flur stehen gelassen, verbal erniedrigt, die Eltern verhöhnt, von den Geschwistern getrennt.

Es gab gebrochene Arme, Hände, Schulterblätter, Rippen, Becken, Nasenbeine, Wangenknochen, Finger und Füße, aufgerissene und aufgeplatzte Haut an allen Körperteilen, Afterfissuren und weg gebrannte Hoden.

Selbstverständlich wurde die Post zensiert oder gleich ganz unterschlagen, die eigene Kleidung beschlagnahmt, Geschenke nicht ausgehändigt oder wieder einkassiert.

Glauben Sie mir, wir könnten diese Liste noch lange weiterführen. Und keiner – nicht einer! – dieser Fälle stellt einen Einzelfall dar. Vielmehr waren die vielfältigen Misshandlungen, Demütigungen, Vergewaltigungen ebenso Teil einer tiefschwarzen Pädagogik wie die schwere Arbeit, zu denen die Kinder und Jugendlichen gezwungen wurden und für die sie selbstverständlich keinen Lohn erhielten.

Darüber hinaus dürften diese Grausamkeiten sich verselbstständigt haben, dienten nicht mehr einer – wie auch immer gearteten – „Erziehung“. Nicht einmal mehr der Brechung der Kinder, ihrer Persönlichkeiten, sondern wurden als Machtmittel eingesetzt: Erzieher, Nonnen, Brüder, Diakonissen setzten diese Methoden ein, um ihre Position in der Hierarchie zu festigen, um die Leiter der Macht nach oben zu erklimmen. Und sie taten dies auf dem Rücken der ihnen anvertrauten Kinder, ohne sich im geringsten darum zu scheren, wie viele ihrer „Schützlinge“ dabei auf der Strecke blieben.

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Kindesmissbrauch

2. “Nie wieder”

Dieser bemerkenswerte Text wurde uns von Lutz Adler überlassen, Überlebender ostdeutscher Kinderheime/Spezialheime

Was wird aus Kindern, die verbogen, belogen, missbraucht, geprügelt werden? Denen man Bildung vorenthält und die durch Zwangsarbeit oder den Zwang zur Arbeit ausgebeutet werden?

Was wird aus Kindern die ohne Urteile und Prüfung eingesperrt und Drill ausgesetzt werden?

Was wird aus Kindern die dies ertragen müssen – ohne die Möglichkeit, sich zu wehren oder Schutz zu finden?

Ich kann das sicher nicht allgemein beurteilen, aber aus mir ist ein Mann von 58 Jahren geworden

Seit mehr als 40 Jahren vermeide ich viele Alltäglichkeiten, ohne dass es jemand sehen kann.

Ich übe mich in Unauffälligkeit.

Ich vermeide geschlossene Räume von denen ich die Türen nicht sehen kann, denn ich könnte eingesperrt werden!

Ich fahre nicht einmal mit der Bahn, denn es ist ein abgeschlossener Raum, den ich nicht einfach so verlassen kann – das geht nur, wenn der Zug hält.

Ich könnte ein Konzert besuchen, kann ich aber nicht, denn mir jagen viele Menschen, die gemeinsam an Veranstaltungen teilnehmen, Angst und Panik ein. Ich kann nicht entkommen wenn ich möchte.

klaustrophobie

Ich könnte mit Freunden gemeinsam essen gehen, das normalste von der Welt. Kann ich aber nicht, es ist eine Tortur für mich, warten zu müssen bis alle ihr Essen haben, meines könnte mir gestohlen werden und ich werde zappelig und unsicher, also vermeide ich es gleich ganz.

Ich bin misstrauisch und argwöhnisch und beleuchte alles und Jeden, der sich mir nähert.

Ja, ich zerstöre unbewusst vielleicht konstruktive Synergien.

Das sind ein paar wenige der Auffälligkeiten, die ich an mir selbst bemerke. Sicher gibt es aber noch so einige Dinge, von denen ich weder weiß noch sie bemerke.

Es ist für mich zur Gewohnheit geworden so zu sein, so zu handeln und so zu leben.

Aber – wie viel Leben ist das eigentlich?

Wenig genug und sehr, sehr anstrengend. Das weiß ich von mir.

Was hat die Gesellschaft versäumt und was hätte ich ohne diese Einschränkungen, die ich selbst indessen als Behinderung empfinde, erreichen können?

Eine Million behinderte Menschen, die ähnliche oder gleiche Einschränkungen haben und wir reden über Inklusion? Wir reden über Menschenwürde und Menschenrechte und über die Bereicherung von Gesellschaften durch kritische Bürger, die Ihre Rechte auf der Straße einfordern?

Wir belehren andere, Demonstrationen als Bürgerbeteiligung wahr zu nehmen und nicht als Bedrohung zu empfinden. Natürlich tun wir das, oder mindestens unsere Vertreter auf Zeit.

Richtig und gut, aber sollten wir nicht zuerst dafür Sorge tragen, dass wir den heute Betroffenen von Heimerziehung – in welcher Form auch immer – die Würde zurück geben und Ihnen einen finanziell gesicherten Lebensabend trotz dieser Behinderungen – oder gerade wegen ihnen – ermöglichen?

Wir haben in diesem Land einiges wieder gut zu machen, eine gute Form wären angemessene Renten und Entschädigungen für erlittenes Unrecht und Ausbeutung.

  • Sollten wir nicht endlich damit aufhören, diese Opfer zu produzieren?
  • Sollten wir nicht endlich solche Formen des Umganges mit Kindern beenden?
  • Sollten wir nicht endlich alles in unserer Macht stehende unternehmen, die Täter solcher „Erziehungspraktiken“ zu verurteilen?
  • Sollten wir nicht endlich unserer Kinder mit Rechten ausstatten, die diese auch einfordern können, weil sie diese verstehen?
  • Sollten wir uns nicht endlich fragen, wie viel Schaden wir durch das Nichtstun anrichten?

Ich denke, wir müssen!

Wir müssen das einfordern. Ganz besonders und sehr aktuell in Brandenburg.

Es ist so eine Sache mit dem „nie wieder“ in unserem Land… Wäre es jetzt nicht an der Zeit, damit endlich anzufangen?

Ich dachte, hoffte und glaubte letztendlich auch, dass wir etwas gelernt hätten. So als Land, als Gesellschaft, als sogenannte „Volk“.

Offenbar haben wir das nicht. Oder wollen wir vielleicht nicht? Es wirkt auf mich, als wollten wir nicht. Als litten wir alle unter Amnesie und offenbar haben wir sie gern, unsere Amnesie. Sonst müssten wir uns ja täglich mit Fragen auseinandersetzen, auf die es Antworten gibt.

Ich habe keine Amnesie und bemerke das sich vieles wiederholt. Zum Beispiel die Art und Weise, wie ich in einem Spezialheim der DDR erzogen wurde. Diese Methoden wiederholen sich nun in einem privatisierten geschossenen Kinderheim in Deutschland.

Und das, nachdem wir geschädigten Heimkinder von damals bis heute nicht entschädigt wurden für diese Misshandlungen. Nun geschehen diese Misshandlungen wieder. Was haben wir also tatsächlich gelernt als Gesellschaft?

Nach zwei großen Kriegen haben wir uns die Beteuerung „Nie wieder“ auf die Fahnen geschrieben.

Nach der Aufdeckung von Ausbeutung, Misshandlung, Folter in deutschen Heimen riefen wir: „Nie wieder!“

Nach der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen an katholischen Internaten und der Odenwaldschule riefen wir wieder: „Nie wieder!“

Und nun? Heißt unser „Nie wieder“ die Duldung der Erziehungsmethoden in einer GmbH in Brandenburg?

Nein, kein bedauerlicher Einzelfall, sondern die konsequente Fortsetzung und Folge der Nicht-Bewältigung, der Nicht-Aufarbeitung , Nicht-Verhinderung, und der nicht angemessenen Entschädigung der Opfer solchen Tuns.

Es ist leicht einfach nicht, „Nie wieder“ zu sagen.

Wir müssen diese Geschichten gemeinsam aufarbeiten und bewältigen. Wir können nur verhindern, was wir verstanden und beendet haben.

Wie groß soll der angerichtete Schaden an den Kinderseelen noch werden?

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3. Die bisherige Arbeit der Anlaufstellen beim LWL und LVR – eine Bilanz

Bilanz durch persönliche Berichte über Schwierigkeiten und Probleme bei der Erlangung von Leistungen durch den Hilfefonds.

Der Schritt, zu einer Anlauf- und Beratungsstelle zu gehen, ist für viele Überlebende ein wirklich großer, manchmal schier unüberwindlicher. Zu schwer wiegen die Erfahrungen mit Ämtern und Behörden.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Stellen oftmals in Jugendämtern, Sozialämtern, Versorgungsämtern untergebracht sind – also genau die Ämter, mit denen die Menschen auf anderer Ebene Auseinandersetzungen führen.

(Sie verlangen die Herausgabe von Akten, sie verklagen die Ämter auf Schadensersatz, sie beziehen Transferleistungen…)

Ist der erste Schritt dennoch getan, so sind weitere Hürden eingebaut:

  • In manchen Orten müssen die Ehemaligen bis zu sechs Monate – oder länger – auf den ersten Gesprächstermin warten.
  • Es ist kaum möglich, eine einheitliche Information rauszugeben. Jedes Bundesland operiert anders. Man agiert so, wie man es für richtig befindet.
  • Die „Vereinbarungen“ sind ellenlange Fragebögen, die recht furchteinflößend daherkommen.
  • Der Sachbearbeiter/die Sachbearbeiterin auf der Anlauf- und Beratungsstelle mag zwar freundlich, nett und einfühlsam sein (so die mehrheitlich Meinung), aber natürlich sind sie es, die am Computer sitzen und den Bogen ausfüllen, zum Durchlesen und zur Unterschrift vorlegen und dann fortschicken. Sie selber entscheiden bekanntermaßen nichts.
  • Es kommt immer wieder vor, dass ein ausgefüllter Bogen „abhanden“ kommt und erst auf mehrfache Nachfrage wieder auftaucht. Für die Betroffenen ist das wirklich schlimm, wiederholt sich doch für sie eine lebenslang eingebrannte Erfahrung: Ich bin es nicht wert, dass man sich um mich kümmert und mich korrekt behandelt.

Dennoch ist es in der Regel so, dass die Zahlungen der Rentenersatzleistungen relativ zügig vonstatten gehen.

Aber – was heißt das denn – Rentenersatzleistungen – und wer bekommt sie überhaupt?

Rentenersatzleistungen sollen – wie der Name sagt, ein (bescheidener) Ersatz sein für die Renten, die den Heimkindern fehlen. Gezahlt wird per Überweisung. Und zwar 300 Euro pro angefangenem Monat der im Heim gearbeitet wurde. Das ergibt, wenn jemand viele Jahre geknechtet hat, ein erkleckliches Sümmchen. Denkt man.

Aber – Bezahlt wird ein Ersatz für die Sozialleistungen, die nicht abgeführt wurden. Und warum nicht der Lohn, der unterschlagen wurde?

Ganz abgesehen davon, dass kein Mensch sich zuständig dafür fühlt, dass ehemalige Heimkinder kaum je eine vernünftige Schulbildung bekamen – geschweige denn eine Berufsausbildung. Und das bedeutet natürlich eine lebenslange Mindereinnahme, die erheblich sein dürft.

Ganz abgesehen von dem weiteren Fakt: Natürlich wird kein Schaden ersetzt, kein Schmerz bezahlt. Weder für die körperlichen, seelischen und sexuellen Grausamkeiten, die die Kinder und Jugendlichen in den Heimen erleiden mussten, noch für die Trennungen von ihren Familien.

Hinzu kommt noch, dass diese Gelder nur für die Zeit, die man ab dem 14. Lebensjahr im Heim arbeiten musste gezahlt werden.

Zwar mussten auch sehr viel jüngere Kinder arbeiten, schwer arbeiten. Vor der Schule, nach der Schule, während der Schulzeit. Aber Geld bekamen sie dafür nicht. Damals nicht. Und heute sollen sie wieder leer ausgehen. Denn da Kinderarbeit illegal war und ist, dafür also keine Rentenzahlungen geleistet werden, können – so die Logik – auch keine Rentenersatzleistungen bezogen werden.

Als letztes noch das Zeitfenster: 1949 bis 1975. Also – wer in einem Heim vor 1949 zur Arbeit gezwungen wurde, geht genauso leer aus, wie die, die nach 1975 noch Zwangsarbeit leisten mussten. Denn die Theorie besagt, dass nach 1975 alles anders war…

Die zweite Möglichkeit, Leistungen von dem Hilfefonds zu erlangen, sind die sogenannten Sachleistungen.

Diese werden von den Überlebenden zwar akzeptiert aber gleichzeitig gehasst. Denn hier läuft alles auf eine weitere Stigmatisierung hinaus:

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  1. Die Sachleistungen müssen nicht nur beantragt, sondern auch begründet werden. Also: warum muss meine Wohnung renoviert werden, warum brauche ich ein Auto etc. Die Begründung wird später einer „Schlüssigkeitsprüfung“ unterzogen.
  2. Im Falle, dass das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafzwa) den Antrag für „schlüssig“ befunden hat, muss ein Kostenvoranschlag vorgelegt werden und je nach Laune des Sachbearbeiters oder nach Bundesland oder, oder, oder wird das Geld auf ein angegebenes Konto überwiesen oder direkt an den Verkäufer/bzw. den Dienstleister.
  3. Wird das Geld überwiesen, so muss natürlich der Kauf selbstverständlich mit einer Rechnung belegt werden.

Dieses Vorgehen wird von den Ehemaligen durchweg als diskriminierend und stigmatisierend empfunden. Warum, fragen sie, wird das Geld (bis zu 10.000 Euro) nicht auf das Konto überwiesen und man kann damit machen, was man will?

Tatsächlich ist die Begründung, dass ehemalige Heimkinder oftmals Schwierigkeiten im Umgang mit Geld hätten oder auch Alkoholprobleme. Diese Begründung ist eine Unverschämtheit und wurde vor etlichen Jahren für EmpfängerInnen von Sozialleistungen abgeschafft…

Tatsächlich kommt es hin und wieder zu schier unglaublichen Situationen:

  • Da wird einem Ehemaligen gesagt, er könne das Gekaufte doch später wieder verkaufen – z.B. bei eBay. Oder
  • eine Frau berichtet, dass sie sich just einen Gebrauchtwagen gekauft habe für 8.000 Euro und an der Anlauf- und Beratungsstelle fragte, ob die Raten übernommen werden könnten. Ginge nicht, wurde ihr beschieden. Einem Kauf mit vorheriger Kostenanfrage stünde nichts im Wege, aber im Nachhinein… Die Frau, nicht dumm, ging zum Händler, verkaufte ihm das Auto auf dem Papier wieder, und ließ es sich dann von dem Fonds finanzieren. Was für ein dämlicher Aufwand! Und natürlich geht so etwas nur, wenn man den Händler kennt und ihm vertraut – denn selbstverständlich muss man seine Geschichte erzählen.
  • Ein Mann ringt sich nach vielen Bedenken durch, einen Antrag auf Sachleistungen zu stellen und es wird ihm beschieden, er könne sich die lang ersehnte Violine kaufen und möge schlicht die Rechnung später einreichen, um das Geld ausgezahlt zu bekommen. D.h. Er wurde aufgefordert, in Vorleistung zu gehen.
    Nach Einreichung der bezahlten Rechnung bekommt er die Nachricht, dass man leider keine Violine (und schon gar nicht eine bereits gekaufte) bezahlen könne.
    Dass nach fast zwei Monaten des Bangens dann doch das Geld überwiesen wurde ändert nichts an der Unglaublichkeit des Verfahrens.
  • Ein Ehemaliger wird monatelang in Unsicherheit gelassen, ob er überhaupt etwas bekomme. Auf seine Nachfragen hin wird ausweichend geantwortet. Bis er eines Tages – nach etwa 6 Monaten – die Nachricht bekommt, dass sein Antrag wohl irgendwie liegen geblieben sei und es täte dem Mitarbeiter leid. Nun solle er ihn noch einmal zugeschickt bekommen um ihn noch einmal auszufüllen und zu unterschreiben (es stellte sich heraus, dass die Anlaufstelle ein altes, inzwischen ungültiges Formular benutzt hatte). Als er dann persönlich bei der Anlaufstelle vorbeibringt, um sicher zu gehen, dass es auch wirklich ankommt, wird er von einer Mitarbeiterin angefahren, dass andere viel schlechter dran seien und er solle sich nicht so haben. 

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4. Die Forderungen des VEH e.V. zur Entschädigung der ehemaligen Heimkinder

  1. Der VEH e.V. fordert
    1. dass der Fonds Heimkinder bis zum Jahr 2016 weiter existieren muss und
    2. dass die Gelder entweder aufgebraucht oder aufgestockt werden müssen.
  2. Der VEH e.V. fordert
    1. dass die 10 prozentige Entnahme aus dem Fonds Heimkinder um die bundesweiten Anlaufstellen zu finanzieren, rückgängig gemacht werden muss oder
    2. dass der Fonds Heimkinder um diese zweckentfremdete Summe aufgestockt werden muss.
  3. Der VEH e.V. fordert
    dass die Zahlungen aus dem Fonds vererbbar werden.
  4. Der VEH e.V. fordert
    1. die Aufklärung über die Handhabung von Psychopharmaka in den damaligen Kinder- und Jugendheimen!
    2. die Aufklärung medizinischer Eingriffe, um zum Beispiel das nächtliche Bettnässen zu unterbinden!
  5. Der VEH e.V. fordert
    dass die damaligen Zwangsarbeitsfirmen und die involvierten landwirtschaftlichen Betriebe, die Arbeitsaufträge vergaben bzw. Kinder und Jugendliche “ausliehen” ihre Mitverantwortung öffentlich machen und für Aufklärung sorgen.
  6. Der VEH e.V. fordert
    die Aufklärung aller Unfälle/Todesfälle/Suizide/Suizidversuche von Kindern und Jugendlichen in den Heimen!
  7. Der VEH e.V. fordert
    1. dass alle Kinder und Jugendliche, die in Heimen für Behinderte leben mussten, selbstverständlich in alle Überlegungen für Entschädigungen einbezogen werden
    2. dass alle Kinder und Jugendliche, die in psychiatrischen Anstalten leiden mussten, ebenso selbstverständlich einbezogen werden
    3. dass die Altersgrenze für die Anerkennung der Zwangsarbeit und damit die Auszahlung der Rentenersatzleistungen auf 7 Jahre herabgesetzt wird.
  8. Der VEH e.V. fordert
    dass Kinder und Jugendliche, die in ostdeutschen Heimen eingesperrt waren, den westdeutschen ehemaligen Heimkindern zumindest gleichgestellt sind, bzw. dass ihre Leiden nach dem SED–Unrechts Bereinigungsgesetz entschädigt werden.

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