Medikamente 3: Moralisch nicht zu rechtfertigen

“Das ist moralisch nicht zu rechtfertigen”

Sylvia Wagner sitzt an ihrem Schreibtisch und recherchiert. © NDR Fotograf: Constantin Gill

Sylvia Wagner hat im Rahmen ihrer Recherchen unzählige historische Fachzeitschriften ausgewertet.

In deutschen Kinderheimen hat es in den 50er bis 70er-Jahren mindestens 50 Medikamenten-Versuchsreihen gegeben. Dabei ging es vor allem um Impfstoffe und Psychopharmaka. Entsprechende Ergebnisse ihrer Forschung hat die Pharmazeutin Sylvia Wagner veröffentlicht. Sie stieß bei bei ihren Recherchen auch auf zwei Testreihen im Landeskrankenhaus Schleswig. Im Interview mit NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin erläutert Wagner ihre Ergebnisse – und wie sie diese rechtlich und moralisch bewertet.

Frau Wagner, wie sind Sie auf dieses schwierige Thema aufmerksam geworden?

Sylvia Wagner: Mir haben ehemalige Heimkinder in Gesprächen mehrfach berichtet, dass sie in Heimen sediert wurden und Medikamente bekamen – und zwar ohne, dass sie sich krank gefühlt hätten. Da bin ich als Pharmazeutin hellhörig geworden und habe angefangen zu recherchieren. Ich habe systematisch die wichtigsten Fachzeitschriften durchforstet und bin tatsächlich auf Studien gestoßen, in denen ganz offen drin stand, dass diese Versuche an Heimkindern durchgeführt worden sind. Mich hat total überrascht, dass das so offen publiziert wurde und sich anscheinend niemand beschwert oder aufgeregt hat.

Welche Schilderungen der ehemaligen Heimkinder konnten Sie bestätigen?

Wagner: Ich habe bisher circa 50 Arzneimittelstudien gefunden, die an Heimkindern durchgeführt worden sind. Die meisten Studien, die ich gefunden habe, betreffen Säuglinge in Säuglingsheimen. Das waren Impfstoffstudien, vorwiegend ging es um Impfstoffe gegen Kinderlähmung, aber auch gegen Pocken. Bei einer Studie sind auch Knochenmarkspunktionen durchgeführt worden, bei einer anderen Studie auch Lumbalpunktionen. Da fand ich Aussagen der ehemaligen Heimkinder bestätigt, die genau so etwas geschildert hatten.

Welche Rolle spielen Psychopharmaka?

Wagner: Es sind auch mit Psychopharmaka Studien durchgeführt worden. Hauptsächlich mit Neuroleptika, die wurden auch breit in den Heimen zur Sedierung eingesetzt.

War das üblich, die Kinder in Heimen zu sedieren?

Wagner: Das war leider in vielen Heimen Alltag und zum Teil ging das über Jahre. Gerade für Kinder und Jugendliche, die ja in der Entwicklungsphase sind, ist das sehr schwerwiegend. Denn sie brauchen gewisse Reize aus der Umwelt, damit sich das Gehirn überhaupt entsprechend entwickeln kann. Durch diese lange Sedierung werden sie von diesen Reizen abgetrennt und das Gehirn kann sich gar nicht dementsprechend entwickeln. Das heißt, sie haben auch langfristig gesehen Schäden durch diese Medikamentierung.

Wenn wir auf die Medikamente in Schleswig blicken: Kann es nicht auch sein, dass die Kinder die Medikamente vielleicht aus medizinischer Sicht gebraucht haben?

Wagner: Aus beiden Studien in Schleswig geht nicht hervor, dass die Medikamente zu therapeutischen Zwecken gegeben wurden. Sondern es ist ganz klar erkennbar, dass das Versuche waren. In beiden Fällen ist klar festgehalten: Es gab eine Gruppe, der wir das Präparat gegeben haben – und dann haben wir zum Vergleich eine Gruppe gehabt, der wir das nicht gegeben haben. Das sind ganz klare Versuchsbedingungen. Es wurden EEG-Untersuchungen gemacht und Blutbildkontrollen, die Leberwerte wurden untersucht, Harnwerte bestimmt. Das sind ganz klar keine therapeutischen Maßnahmen, sondern Versuchsbedingungen.

Gibt es Hinweise darauf, dass Eltern oder gesetzliche Vertreter die Teilnahme der Kinder genehmigt haben?

Wagner: Ich habe bei diesen Fällen in Schleswig keinen Hinweis auf Einwilligungen gefunden.

Wie bewerten Sie das?

Wagner: Wenn es keine Einwilligung gegeben haben sollte, sind solche Studien auch damals rechtlich nicht in Ordnung gewesen.

Ein Wirkstoff, der in Schleswig getestet wurde, ist Haloperidol. In der entsprechenden Studie geht es auch darum, “exzessive Masturbation” einzuschränken. Wie passt das zusammen?

Wagner: Haloperidol ist ein Neuroleptikum. Neuroleptika sind Mittel gegen Psychosen, Schizophrenie zum Beispiel. Das taucht bei Kindern aber nur ganz selten auf. Und hier sind mehr als 60 Kinder getestet worden – da hatten sicher nicht mehr als 60 Kinder eine Psychose. Das heißt: Das Mittel konnte therapeutisch gar nicht für diese Indikation gedacht sein. Es ging um ganz andere Sachen: Neuroleptika wirken auch sedierend. Man hat mutmaßlich vor allem die sedierende Wirkung untersucht. Ich denke, durch die Sedierung wird automatisch auch die Tendenz zur Masturbation verringert. Aber es waren auch vierjährige Mädchen Teil der Studie – und das finde ich dann schon eigenartig.

Teil dieser Studie waren Kinder, die – Zitat – “verschieden ausgeprägte Zustände des Schwachsinns aufweisen…” Wie muss man sich das vorstellen?

Wagner: Damals kamen Kinder zum Beispiel auch aufgrund eines sogenannten “moralischen Schwachsinns” in ein Heim. Das war gar nicht so klar definiert. Solche Diagnosen wurden schnell gestellt und das reichte dann, um die Kinder in eine Psychiatrie oder auch eine Behinderteneinrichtung einzuweisen.

Bei der anderen Versuchsreihe in Schleswig ging es um Encephabol. In den Aufzeichnungen dazu ist die Rede davon, man wolle “Nebenwirkungen und Grenzen der Medikation kennen lernen”. Wie bewerten Sie so einen Satz?

Wagner: Dass man das Mittel getestet hat, um die Nebenwirkungen oder Grenzen der Medikation auszutesten, zeigt eindeutig, dass es hier nicht um therapeutische Ziele ging, sondern dass das ganz klar ein wissenschaftlicher Versuch war. Wenn überhaupt Versuche an Kindern durchgeführt werden durften, dann nur zu therapeutischen Zwecken. Aber nicht so ein rein wissenschaftlicher Versuch.

Es ging um 300 Kinder beim Encephabol…

Wagner: Auch diese Menge legt nahe, dass das Präparat nicht zu therapeutischen Zwecken gegeben wurde, sondern eigentlich flächendeckend. Bei der anderen Studie mit Haloperidol ist zum Beispiel bei zwei Kindern, die gar keine Epilepsie hatten, ein großer epileptischer Anfall ausgelöst worden. Daraufhin wurde bei diesen Kindern diese Studie abgebrochen. Das heißt, es hat auch schwere Zwischenfälle gegeben.

Wie bewerten Sie die Geschehnisse zusammenfassend moralisch?

Wagner: Abgesehen davon, dass es rechtlich wohl schon nicht korrekt war, war es moralisch erst recht nicht in Ordnung. Ganz allgemein gesagt: Wenn man tatsächlich an Kindern und Jugendlichen Versuche macht – ohne eine Einwilligung der Eltern oder der gesetzlichen Vertreter und ohne einen direkten Nutzen für die Kinder – dann ist das moralisch nicht zu rechtfertigen und entspricht einer Menschenrechtsverletzung.

Das Interview führte Constantin Gill, NDR 1 Welle Nord.

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