Medikamente 10: Heimkinder als Versuchskaninchen

Medikamententests

Heimkinder als Versuchskaninchen

Verfallenes Kinderheim im Zeitzer Forst

Verfallenes Kinderheim im Zeitzer Forst

Jüngst wurde bekannt, dass in der Zeit zwischen 1950 und 1970 mehr als 50 Medikamentenversuche an Kindern durchgeführt worden sind. Brisant daran ist, dass es sich dabei um Heimkinder handelte, von denen einige bis heute an den Nachwirkungen der Tests leiden.

Die Krefelder Pharmazeutin Sylvia Wagner hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit herausgefunden, dass “Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Kinder und Jugendliche in Heimen und Psychiatrien” zwischen 1950 und 1975 Opfer von Medikamententests wurden. Weder die Eltern noch andere Erziehungsberechtigte hätten dafür ihre Zustimmung gegeben. Das wurde anhand von Untersuchungen und Auswertungen von Artikeln in Fachzeitschriften deutlich. Ganz offen werde darin berichtet, welche Präparate den Kindern verabreicht worden sind sowie von den auftretenden Wirkungen. “Ein Unrechtsbewusstsein scheint es damals nicht gegeben zu haben”, sagt Sylvia Wagner lautWestdeutschem Rundfunk (WDR).

Wagner hält es für höchst unwahrscheinlich, dass all die Kinder, die Psychopharmaka und Neuroleptika (die normalerweise bei der Behandlung von schweren psychischen Störungen wie Wahnvorstellungen oder Schizophrenie) bekamen, unter so massiven Störungen gelitten haben, dass eine Gabe der Medikamente in der Menge notwendig gewesen sein könnte. Außerdem wurden den Kindern ungetestete Impfstoffe – etwa gegen Kinderlähmung – verabreicht.

“Wenn solche Mittel immer wieder über einen langen Zeitraum verabreicht werden, entstehen langfristige Schäden”, wird Sylvia Wagner zitiert. Entwicklungsstörungen, Hirnschäden und psychische Leiden sind nur einige mögliche Effekte. Auch deshalb leiden etliche der Betroffenen noch heute an den Nach- und Nebenwirkungen der gegebenen Medikamente. Viele gar, ohne die Ursache zu kennen: “Wahrscheinlich wissen viele der Opfer nicht einmal, dass sie in der Kindheit als Versuchssubjekte missbraucht wurden – weil sie sich nicht erinnern können oder ihnen gegenüber falsche Aussagen gemacht wurden.”

In einem WDR-Bericht heißt es, dass “mindestens 24 Kinder im Essener ‘Franz Sales Haus’ regelmäßig Medikamente gegen Psychosen und Schizophrenie [erhielten] – und zwar in überproportional hohen Dosierungen, die gegen eine therapeutische Anwendung und für Versuche an Kindern sprechen würden. Die nicht zugelassenen Präparate sollen Schreikrämpfe und Lähmungen ausgelöst haben.” Das “Franz Sales Haus” ist eine katholische Einrichtung der Behindertenhilfe in Essen.

Bekannt wurde ferner eine Versuchsreihe in der Jugendpsychiatrie Viersen-Süchteln. Dort wurde Kindern zwischen 12 und 13 Jahren das Neuroleptikum “Dipiperon” gegeben, “um erhöhte Aggressivität aufgrund von Hirnschädigungen zu behandeln.” In einem Waisenheim – vermutlich in Düsseldorf – wurde 1954 an mehr als 50 Kinder unter zwei Jahren ein Pockenimpfstoff getestet. “Im Anschluss führten Ärzte bei einigen der Kinder mehrfach schmerzhafte Knochenmarksuntersuchungen durch, um dabei festzustellen, dass das Knochenmark durch die Impfung geschädigt worden war.” Auftraggeber für den Test des Pockeimpfstoffes war seinerzeit das Bundesgesundheitsamt. Darüber hinaus gab es vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Wiederaufbau des Landes NRW “materielle Unterstützung”.

Opfervertreter fordern nun eine lückenlose und sorgfältige Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. “Ihnen stehen Entschuldigungen zu genauso wie eine genaue Aufklärung darüber, was damals geschehen ist” heißt es in dem Bericht des WDR.

Doch es darf nicht bei einer Entschuldigung bleiben. Betroffene müssen zudem das Recht auf eine Entschädigung erhalten.

(hpd, 21.11.2016)

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