Warum landen “schwierige” Kinder im Ausland

„Der Fall ,Paul‘ aus Dorsten liegt mir quer im Magen“, so Annerose Bilzer, Bürgerfunkerin aus Herten. Sie ist einem brisanten Thema nachgegangen. Die Sendung war am Sonntag, 1. November, um 20 Uhr auf Radio Vest zu hören.

Hintergrund: Über Medienberichte in der ARD-Sendung „Monitor“ erfuhr sie erstmals, dass „schwierige Kinder” ins Ausland gebracht werden, zu sogenannten Individual-Maßnahmen. Sie wollte mehr darüber wissen, nicht nur über die Presse. Sie suchte und fand eine Betroffene: Jasmin R. aus dem Kreis Recklinghausen.

Jasmin war bereit, ihre Geschichte Annerose Bilzer in einem aufrüttelnden Radio-Interview zu erzählen. Ein halbes Jahr lang hatte Jasmin die Schule verweigert, landete im Drogenmilieu, drohte dort unter zugehen, nachdem ihre „kleine heile Kindwelt“ zusammenbrach. Weder schön noch hilfreich waren die Unterbringungen in den Einrichtungen, weder im Sauerland, noch in Bad Salzschlirf/Violeta GmbH/Fulda, in der Wohngruppe für Mädchen mit Borderline. Auch nicht die Unterbringung bei einem Maßnahmeträger, der auch unter einer GmbH in Gelsenkirchen firmierte. Das brachte lediglich einen weiteren schnellen Abbruch.

Therapie in Kirgisien
Sie landete zur Therapie in Kirgisien. „Ja, diese schulische Maßnahme hat sich dann als Auslandsprojekt entpuppt. Und da war ich erstmal sehr schockiert und baff gewesen. Also da hat`s in mir richtig gebrodelt. Dass ich so ins kalte Wasser geschubst wurde! Und dann hatte ich noch zwei Tage Zeit, Klamotten zu packen. Und da ging’s auch schon los.“
Trotzdem fand sie aus allem positiv heraus. Es war ein langer Weg, bis die junge Frau zu ihrem Hauptschulabschluss kam. Und es wird noch ein langer Weg werden, bis sie ihren gewünschten Realschulabschluss in Händen halten wird. Sie wurde zu einer Kämpfernatur – aus der Not geboren.

Parallelen zu Paul in Gelsenkirchen?
Annerose Bilzer fragt sich: Gab es in Jasmins jungem Leben Parallelen zum „Fall Paul” aus Gelsenkirchen, der mit 11 Jahren zu einer Individualmaßnahme nach Ungarn gebracht wurde, obwohl er nach der Grundschule die Empfehlung für das Gymnasium bekam? Was war mit dem Jungen geschehen, der scheinbar, trotz seelischer Not, gut lernen konnte?
Warum gab es keinen Plan B, weder für Jasmin noch für Paul? Mangelt es hier in Deutschland an Kompetenz in den Jugendämtern? Sind diese überfordert? Und wer sieht richtig hin, wenn ein Projekt im In- oder Ausland einmal angelaufen ist? Gibt es gezielte Kontrollen bei der dortigen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen? Gibt es einen Ombudsmann/-frau, an den/die sich die Kinder in Not wenden können, eine Adresse, die beim Jugendamt zu erfragen ist? Jasmin fühlte sich oft wie ein Pingpongball. Obwohl sie kein böser Mensch von Grund auf an war, bekam sie stets die falsche Hilfe, wurde hin- und hergeschoben, verzweifelte fast, bis sie nach Kirgisien/Zentralasien kam…

Hier das Interview:
Interview Annerose Bilzer

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