Prof. Dr. Manfred Kappeler: Anvertraut und ausgeliefert

Vortrag im Rahmen der Ethik-Vorlesung an der Hochschule Esslingen (Fakultät Soziale Ar­beit) am 27.5.2014

Statt Hilfe und Unterstützung erfuhren sie Unrecht und Leid – Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung der Vierziger-Siebzigerjahre.

Zunächst eine Vorbemerkung zu den Grundlagen meines Vortrags:

  • Berufserfahrung als junger Sozialpädagoge in der Heimerziehung in den Jahren 1960 – 1968
  • Supervisor von pädagogischen Fachkräften in Heimen und sozialpädagogischen Wohngemeinschaften
  • Lehrtätigkeit in Ausbildungs- und Studiengängen (Fachschulen, Fachhochschulen, Universitäten)
  • Beteiligung an der Kritik der Heimerziehung Ende der Sechzigerjahre (Heimkam­pagne) und an der Entwicklung von Alternativen
  • Wissenschaftliche und publizistische Arbeiten zur Heimerziehung (1. Veröffentli­chung 1964 in der Fachzeitschrift „Unsere Jugend“ – jüngste Veröffentlichung in der Zeitschrift „Widersprüche“ im März 2014 und in der TAZ vom 3.3.2014)
  • Sachverständiger im Petitionsausschuss und im Familienausschuss des Bundestages
  • Mitglied im Fachbeirat des AFET (Bundesarbeitsgemeinschaft für erzieherische Hil­fen) 2004 – 2012
  • Mitglied im Fachbeirat der Berliner Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder (West und Ost)
  • Moderation der Berliner Gruppe ehemaliger Heimkinder bis Juli 2012
  • Unterstützung der Initiative ehemaliger Heimkinder für ihre Rehabilitation und Entschädigung seit 2005.

Mit der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 wurde auch die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe und Jugendpflege (AGJJ – heute AGJ) als Dachverband der Jugendhilfe gegründet. Gründungsmitglieder waren alle großen öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe. In der von Franz Josef Strauß, dem damaligen Leiter des Referats Jugend­hilfe im Bayrischen Innenministerium, unterschriebenen Gründungsurkunde heißt es: „Durch die Arbeitsgemeinschaft soll die Tätigkeit der Behörden, der Verbände und Verei­nigungen zusammengefasst und für die Jugendwohlfahrt fruchtbar gemacht werden. Es sollen damit alle Kräfte, die in echter Verantwortung dem Wohl und der Förderung unse­rer Jugend dienen, nach den Grundrechten, die im Grundgesetz der Bundesrepublik ver­ankert sind, sich in wirksamer Weise für dieses Ziel frei entfalten können“. Aber trotz der Bindung an das GG und obwohl der Schutz der Menschenwürde und der Persönlich­keitsrechte durch die Grundrechte in der Verfassung seit der Gründung der Bundesrepu­blik Deutschland ohne Einschränkungen auch für die Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder und Jugendlichen galt die in Heimen leben mussten. Für den Schutz diese Kinder und Ju­gendlichen, die die Fürsorge und Geborgenheit einer Familie entbehren mussten, hatte der Staat eine besondere Verpflichtung: das staatliche Wächteramt nach Art. 6 GG, des­sen Ausübung die wichtigste Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe hätte sein müssen. Dennoch wurden sie in den Heimen der Jugendhilfe (damals Jugendfürsorge) wie bis 1945 weiterhin zu Ausgelieferten, die keine Chance hatten, sich gegen die ihnen zuge­fügte Erniedrigung, Unterdrückung und Ausbeutung zu wehren. Es gab keine Instanz, kei­ne Person die ihnen zugehört oder gar geglaubt hätte.

Nicht erst aus dem historischen Abstand von heute aus gesehen ist klar, dass die Jugend­hilfe ihre Verpflichtung und Selbstverpflichtung auf die Grundrechte der Verfassung, auf Menschenwürde und Menschenrechte, wie sie in dem Gründungsdokument der AGJJ aus dem Jahr 1949 formuliert wurde, in der Alltagspraxis der Heimerziehung während der ersten drei Jahrzehnte der Bundesrepublik nicht eingelöst hat.

Die mit den zentralen Grundlagen eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates in krassem Widerspruch stehenden Zustände in der Heimerziehung waren der Fachöffent­lichkeit und der Kinder- und Jugendpolitik zu jedem Zeitpunkt der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte bekannt. Es gab auch zu jedem Zeitpunkt einzelne Einrichtungen und Modellprojekte, die zeigen konnten, dass eine die Würde und die Rechte von Kin­dern/Jugendlichen achtende, ihre individuelle Entwicklung fördernde Erziehungspraxis in Heimen möglich war. Aber die unselige „Tradition“ der Fürsorgeerziehung als Zwangs­erziehung, die durch die NS-Jugendfürsorge noch eine Zuspitzung erfahren hatte, welt­anschaulich-ideologische Barrieren und fehlender politischer Wille verhinderten über dreißig Jahre die flächendeckende Umsetzung von Alternativen und führten dazu, dass ca. 800 000 Mädchen und Jungen, ein erheblicher Teil von ihnen auch in Baden-Württem­berg, in Heimen leben mussten, die zum Typus der Totalen Institutionen (Goffman 1967) gehörten.

Erziehungsheime für Jugendliche
Lange bevor diese soziologische Kategorie für auf Zwang beruhende und ihre „Regeln“ mit Gewalt gegen die in ihr „untergebrachten“ Menschen durchsetzende Systeme entwi­ckelt wurde und zu einem festen Begriff in den Gesellschaftswissenschaften werden konnte, hatten Kritiker der Heimerziehung im Nachkriegsdeutschland genau beschrie­ben, was eine Totale Institution ist und was sie den ihr Ausgelieferten antut.

Elisabeth Bamberger, die in den ersten Jahren nach Krieg und Faschismus das Jugendamt in München leitete, forderte schon 1948 die Abschaffung der Fürsorgeerziehung und die Streichung des unbestimmten Rechtsbegriffs Verwahrlosung aus dem Jugendwohlfahrts­gesetz (JWG). Die Praxis der Fürsorgeerziehung hielt sie für pädagogisch kontraproduktiv und politisch mit einer demokratischen Gesellschaftsordnung nicht vereinbar. Sie kriti­sierte auch die bürokratische „seelenlose Aktenführung“ und Berichterstattung über Kin­der, Jugendliche und ihre Familien in Jugendämtern und Heimen.. In dem Standardwerk „Handbuch der Heimerziehung“ wurde 1955 der „Zwangscharakter“ der Fürsorgeerzie­hung scharf kritisiert: „Sie erfordert eine rationale Durchgestaltung der Erziehung. Die Methode herrscht. Die Ordnung des Zusammenlebens erstrebt die erhöhte Brauchbarkeit des Zöglings. Das Erzieher-Zöglings-Verhältnis ist autoritär. Lehrer, Meister und Erzieher fordern als Vertreter objektiver Ansprüche Gehorsam. Deshalb gilt die gehorsame Unter­ordnung unter den Anspruch der Ordnung als Erziehungserfolg. Die menschliche Zuord­nung dient den Ordnungs-, Lehr- und Arbeitsansprüchen. Unerbittlich hart werden Ord­nungs- und Arbeitsgewöhnung organisiert. Die Dressur überwiegt das Bedürfnis, Einsicht zu wecken. Die Entschlossenheit der Macht, die das Ordnungssystem schützt, lässt über­all den Strafcharakter noch durchschimmern. Die eindeutige Ausrichtung auf ein arbeits­hartes Leben macht die Anstalt klar, einfach und durchsichtig. Der Apparat garantiert die Ordnung, die Leitung ordnet die Arbeit an, überwacht sie und bricht den Widerstand mit Gewalt. Drill, blinder Gehorsam und die Entpersönlichung des Verkehrs werden auf die Spitze getrieben. Der Anstaltsapparat mit seinem pädagogisch unvorgebildeten Aufseher­stab bildet den äußeren Rahmen des versachlichten Lebens. Es wird unentwegt gearbei­tet, um die Kraft der anderen Triebe zu schwächen. Die Arbeit richtet sich gegen körper­liche Verweichlichung. Schwere körperliche Arbeit wird bevorzugt. Die Ausbildung in spezialisierter Arbeit von Lehr- und Anlernberufen wird als seltene Vergünstigung und als Arbeitsantrieb benutzt.“

Entgegen der Forderung der ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch Heimerziehung (RTH) wurde diese „Arbeit“ von der Mehrheit der Institutionenvertreter am RTH nicht als nach dem Grundgesetz verbotene Zwangsarbeit anerkannt, obwohl die im Abschlussbe­richt des Gremiums dargestellten Fakten und alle bekannten Forschungsergebnisse die Bewertung als Zwangsarbeit rechtfertigen würden.. Diese Nichtanerkennung ist einer der Gründe für die Verweigerung einer angemessenen finanziellen Entschädigung und eine der Hauptursachen für die große Unzufriedenheit vieler ehemaliger Heimkinder mit den „Empfehlungen“ des RTH, die auf der Basis des Bundestagsbeschlusses vom Juli 2011 ge­genwärtig durch den Fonds Heimerziehung und die Anlauf- und Beratungsstellen der Bundesländer umgesetzt werden.

Der Reformpädagoge und Mitbegründer der Gilde Soziale Arbeit Professor Hanns Eyferth charakterisierte schon 1950 die Verhältnisse in den Erziehungsheimen für Jugendliche folgendermaßen: „Sie richten sich auf eine Erziehung des durch Gehorsam erzwungenen vorschriftsmäßigen Verhaltens. Hier wirken sowohl ältere traditionelle Erziehungsauffas­sungen von der selbstverständlichen Gehorsamspflicht, wie konfessionelle Vorstellungen und schließlich militärische Vorbilder. Dabei haben wir aber nicht Aufseher, sondern Er­zieher vor uns“.

1970 veröffentlichte der in Sachen Erziehung renommierte Klett-Verlag (Stuttgart) eine empirische Studie zu drei Fürsorgeerziehungsheimen für männliche Jugendliche in Ba­den-Württemberg: einem staatlichen, einem katholischen und einem evangelischen. Die Befunde seiner Untersuchung, so der Autor Herrman Wenzel, seien lediglich eine Bestäti­gung seit langem bekannter Tatbestände. Je mehr Untersuchungen gleiche Missstände und Mängel aufzeigten, desto gültiger und dringender werde das Postulat, in der Erzie­hungshilfe neue Wege zu gehen. Der Misserfolg der Heimerziehung liege weitgehend im Versagen der Heime und Behörden begründet, das nicht mit fehlenden finanziellen Mit­teln in den öffentlichen Haushalten entschuldigt werden könne. Wenzel zitiert die schar­fe Kritik einer Delegation der britischen Regierung an der Praxis der Heimerziehung in Deutschland aus dem Jahre 1947 und vergleicht diese Kritik mit seinen Untersuchungser­gebnissen. Sein Resümee: „Inzwischen sind mehr als zwei Jahrzehnte verflossen; die Kritik der britischen Delegation hat aber nichts an ihrer Aktualität eingebüßt“.

1971 führte Professor Klaus Mollenhauer, einer der bedeutendsten Sozialpädagogen der „alten“ Bundesrepublik, eine empirische Untersuchung in sechs Erziehungsheimen durch. Ich zitiere das Ergebnis dieser Studie: „Eine Erziehung, die an den spezifischen Erzie­hungsbedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientiert wäre, konnte in keinem der untersuchten Heime beobachtet werden. Die ermittelten Zielvorstellungen und die be­obachteten ihnen zugeordneten Methoden sind zugeschnitten auf abstrakte Normen, Ein­stellungs- und Verhaltensmuster, ohne dass deren Gültigkeit problematisiert würde, we­der generell, noch in Bezug auf die Population auf die sie gemünzt sind.

In diesem institutionellen und personellen Organisationszusammenhang werden die Kin­der und Jugendlichen als Störfaktoren definiert. Wenn Anpassung an die Erfordernisse der Organisation somit de facto als der Erziehungszweck des Heimes ausgemacht werden kann, so entspricht dem, dass eine im eigentlichen Sinne pädagogische Konzeption ent­weder gar nicht oder nur in unzulänglichen Ansätzen vorhanden ist“.

Kinderheime
Die Situation in den Heimen für schulpflichtige Kinder beschreibt Prof. Hanns Eyferth 1950 in seinem Buch „Gefährdete Jugend“: In diesen Heimen müssen die Kinder die gan­ze Hausreinigung, die grobe Küchenarbeit, das Holzhauen, die Botengänge und den größ­ten Teil der Arbeit in den Gärten und in der heimeigenen Landwirtschaft bewältigen. Durch die Arbeit der Kinder wurden Personalkosten eingespart. Die Kinderarbeit beurteil­te Eyferth als eine Gefährdung ihrer schulischen Bildung. Sie ließ den Kindern auch keine Zeit für selbstbestimmtes Spielen, dessen große Bedeutung für die emotionale und intel­lektuelle Entwicklung von Kindern auch schon 1950 zu den gesicherten Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und der Erziehungswissenschaft gehörte.

Es kann heute nicht mehr bestritten werden, dass die Kinder mit der ihnen abgezwunge­nen Arbeit die Binnenstrukturen der Heime aufrechterhalten mussten, in die sie durch die Jugendämter eingewiesen wurden. Staatliche und kirchliche Träger der Jugendhilfe betrieben also in großem Umfang verbotene Kinderarbeit. Diese gesetzwidrige Ausbeu­tung der Kinder ist eine der Hauptursachen für die den Heimkindern vorenthaltene schu­lische und berufliche Bildung. Ein erheblicher Teil von ihnen wurde ohne Volksschul- bzw. Hauptschulabschluss aus der Heimerziehung entlassen. Nach einer Untersuchung des Heimreformers Martin Bonhoeffer besuchten 1973 nur 1% der in Heimen lebenden Kinder und Jugendlichen eine weiterführende Schule. Dass sehr viele ehemalige Heimkinder heute in Altersarmut leben müssen und auf Grundsicherung bzw. ALG II angewiesen sind, ist darauf zurückzuführen. Wie die Zwangsarbeit von Jugendlichen ist auch die verbote­ne Kinderarbeit einer der Gründe für die Forderung der ehemaligen Heimkinder am RTH nach einer finanziellen Entschädigung in Höhe von anrechnungsfreien 300 Euro mtl. ge­wesen, die bekanntlich von der Mehrheit der Institutionenvertreter am RTH (Bund, Län­der, Kirchen) abgelehnt wurde.

Die einzige finanzielle Leistung aus dem Fonds Heimerziehung mit Bezug auf die wäh­rend der Unterbringung in Heimen geleisteten Arbeit, ist die sog. Rentenersatz- bzw. Rentenausgleichszahlung in Höhe von 300 Euro für jeden Monat, für den vom Heimträger keine Beiträge an die Rentenversicherung abgeführt wurden. Das gilt aber nur für Ju­gendliche ab dem 14. Geburtstag, die nicht mehr dem Verbot der Kinderarbeit unter­lagen. Für die den Kindern abgezwungene Arbeit gibt es keinen Cent. Ein Beispiel: In ei­ner großen diakonischen Einrichtung mussten die Kinder ab dem 10. Lebensjahr, nach dem Besuch der Heimschule am Vormittag, nachmittags an jedem Werktag vier Stunden in der Landwirtschaft der Anstalt arbeiten. Die selbe Arbeit mussten sie auch nach dem 14. Geburtstag als Jugendliche verrichten. Ein mir bekannter Ehemaliger, der mit sieb­zehn aus dieser Anstalt entlassen wurde, kann für die drei Jahre, die er als Jugendlicher in diesem Heim zur Arbeit gezwungen wurde, Geld aus dem Fonds bekommen. Für die vier Jahre verbotener Kinderarbeit in diesem Heim bekommt er nichts. Ein anderer Ehe­maliger, der schon als Sechsjähriger in der heimeigenen Landwirtschaft eines kirchlichen Heimes arbeiten musste, dann als Vierzehnjähriger in eine Handwerkslehre „mit Kost und Logis“ entlassen wurde, bekommt für die acht Jahre verbotener Kinderarbeit keinen Cent aus dem Fonds. Obwohl er ein begabtes Kind war, durfte er nur die „Hilfsschule“ besuchen, aber auch nur dann, wenn es die jahreszeitlich schwankenden „Bedürfnisse“ der Landwirtschaft des Heimes zuließen.

Diese vollständige Nichtanerkennung der erzwungenen Kinderarbeit in den Heimen durch den RTH, den Bundestag und die Bund-Länder-Kirchen-Vereinbarung zur Errichtung des Fonds Heimerziehung hat neues schweres Unrecht gegenüber ehemaligen Heimkindern geschaffen, das eine Quelle großer Enttäuschung und Unzufriedenheit ist.

Die Entschädigungsfrage
In den 40er bis 70er Jahren haben Hunderttausende Kinder und Jugendliche durch die ih­nen in den Heimen der Jugendhilfe der damaligen Bundesrepublik abgezwungene Arbeit in der Haus- und Landwirtschaft der Heime selbst, in Eigenbetrieben der Heimträger und als an Fremdfirmen Ausgeliehene mehrstellige Milliardenbeträge erwirtschaftet. Mit die­sem Geld wurden Jahr für Jahr die Budgets der Jugendhilfe entlastet und damit zuletzt der Steuerzahler. Der RTH hätte diesen Sachverhalt mit einer wirtschaftswisssenschaftli­chen Expertise aufklären können und damit eine Grundlage für eine politisch zu vertre­tene und der Öffentlichkeit zu vermittelnde angemessene finanzielle Entschädigung ehe­maliger Heimkinder bekommen. Aber obwohl von den ehemaligen Heimkindern am RTH die Anerkennung der verbotenen Kinderarbeit und der Zwangsarbeit von Jugendlichen vom ersten bis zum letzten Tag der Arbeit des RTH eingefordert wurde, obwohl die wirt­schaftliche Bedeutung dieser Arbeit von ihnen immer wieder betont wurde und obwohl sie den direkten Zusammenhang zwischen der erzwungenen Arbeit und der ihnen vorent­haltenen Bildung immer wieder dargelegt haben, wurde diese Expertise von der Leitung des RTH nicht in Auftrag gegeben und dem Bundestag empfohlen, die diesbezüglichen Forderungen der ehemaligen Heimkinder zurückzuweisen. Der Versuch von mir und ande­ren Sachverständigen, in der die Plenumsentscheidung vorbereitenden Sitzung des Fami­lienausschusses diese folgenreiche Fehlentscheidung zu korrigieren, scheiterte an der Weigerung der Mehrheit der Abgeordneten des Bundestages, die „Empfehlungen“ des RTH noch einmal daraufhin zu überprüfen, ob sie, wie es den ehemaligen Heimkindern am Beginn dieses Prozesses in Aussicht gestellt worden ist, wirklich einen angemessenen Beitrag zu ihrer Rehabilitation und Entschädigung leisten und für den sozialen Frieden in dieser Gesellschaft förderlich sind.

Säuglings- und Kleinkinderheime
Obwohl für viele ehemalige Heimkinder ihre sog. Heimkarriere (ein schreckliches und zy­nisches Wort, weil mit Karriere eigentlich eine individuelle Erfolgsgeschichte gemeint ist) in den Säuglings- und Kleinkinderheimen begann, spielten diese Heime in der „Aufar­beitung“ am RTH und in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Das liegt unter ande­rem daran, dass die Erfahrungen der ersten drei bis vier Lebensjahre bei den meisten Menschen im Gedächtnis nicht gespeichert werden. In den autobiografischen Berichten ehemaliger Heimkinder die von Geburt an in Heimen leben mussten, finden sich daher kaum Hinweise auf die Praxis der Pflege und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern in diesen Heimen. Allerdings sind die Auswirkungen der sog. Massenpflege international schon seit den Dreißigerjahren und in der Bundesrepublik verstärkt in den Fünfzigerjah­ren umfassend erforscht worden und unter dem Stichwort Hospitalismusschäden nicht nur unter Fachleuten seither bekannt.

In der internationalen Fachliteratur werden seit langem die depravierenden Langzeitfol­gen der bis in die Siebzigerjahre üblichen Massenpflege in Säuglings-mund Kleinkinder­heimen genau beschrieben. Ihre Bedeutung für die Entstehung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) ist durch die Psychotraumatologie belegt. Die Forschungser­gebnisse zum Deprivationssyndrom zeigen, dass Heim- bzw. Klinikaufenthalte von Säug­lingen schon nach einer Dauer von wenigen Monaten schwere Traumatisierungen mit le­benslangen Folgen bewirken können.

Der AGJJ-Fachausschuss Erziehung im frühen Kindesalter befasste sich 1956 mit der Si­tuation von Säuglingen und Kleinkindern in Heimen. In seinem Bericht werden die Bedin­gungen der Massenpflege – „Der ganze Umfang des Mangels von dem das Heimkind be­troffen wird“ – detailliert beschrieben. Auch die Auswirkungen dieser Mangelsituation auf die kleinen Kinder werden klar und eindringlich dargestellt: „Kinder aus solchen Heimen bleiben in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung weit zurück, sodass sie nicht sel­ten wie Schwachsinnige wirken. (…) Nicht nur in der äußeren Entwicklung nimmt es (das kleine Kind, M.K.) Schaden, es entbehrt entscheidende, die Person des Menschen prägen­de Erfahrungen. Die Auswirkungen dieser menschlichen Verkümmerung, zum Beispiel Kontaktmangel, Misstrauen, vermindertes Selbstbewusstsein, Abwehrreaktion, reichen tief und weit in das spätere Leben hinein. Wir wissen heute, dass die Gesamthaltung zum Leben von diesen ersten Erfahrungen abhängt“. Der Ausschuss kam zu dem Fazit: „Aus solchen Erkenntnissen ergibt sich zwingend, dass das Problem der Heimerziehung der Säuglinge und kleinen Kinder neu gesehen werden muss und nach neuartigen, besse­ren Lösungen verlangt“. Der Ausschuss forderte die Ersetzung der Säuglings- und Klein­kinderheime durch Kleinstheime, Mutter-Kind-Einrichtungen, Ausbau des Pflegekinder­wesens, einen Personalschlüssel von zwei ausgebildeten Fachkräften für fünf Kinder und eine weitreichende Reform der Erzieherausbildung. Allen Mitgliedsverbänden der AGJJ, unter ihnen alle großen freien und öffentlichen Träger der Heimerziehung und der Bun­desregierung wurden die Ergebnisse der Arbeit dieses AGJJ-Auschusses zugeleitet. In den AGJJ-Akten findet sich keine einzige Reaktion der Heimträger und der zuständigen Minis­terien des Bundes der Länder und der Landesjugendämter auf diesen erschütternden Be­richt. Die Forderungen wurden insgesamt ignoriert. Auch vom Land Baden-Württemberg und den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden, die in staatlichem Aftrag mehr als 70% der Heime betrieben , kam keine Reaktion.

1958 veröffentlichte die Kinder- und Jugendpsychiaterin Annemarie Dührssen ihre aufse­henerregende empirische Studie Heimkinder und Pflegekinder in ihrer Entwicklung. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung bestätigten die Erkenntnisse des AGJJ-Ausschusses, waren allerdings bezogen auf die traumatisierenden Folgen der Massenpflege in den Säuglings- und Kleinkinderheimen noch genauer und weitreichender. Die Autorin kam zu folgendem Resümee: „Halten wir uns all die schlimmen Dinge vor Augen, dann wird uns deutlich, dass nur ein großzügig angelegtes Doppelprogramm wirklich Abhilfe schaffen kann, bei dem die Vermehrung des Personalbestandes unbedingt mit sorgfältiger fachlicher Ausbil­dung der notwendigen Hilfskräfte Hand in Hand geht. Dazu müssten umfangreiche wirt­schaftliche Mittel zur Verfügung gestellt werden, was aber nicht geschehen wird. (…) Womit wir unbedingt aufhören müssen, das ist die Beschwichtigung unseres Verantwor­tungsgefühls mit der Vorstellung, dass die Schäden, die bei der bisherigen Form entste­hen, nicht so schlimm seien, dass sie sich auswachsen oder dass sie letzten Endes konsti­tutionsbedingt seien.“ Dührssen kritisierte, dass sich die Verantwortlichen für die Misere der Säuglings- und Kleinkinderheime um ihr Versagen zu verschleiern „mit Hilfe von ne­belhaften Vorstellungen über wissenschaftliche Einsichten“ hinwegsetzten, „die mindes­tens seit einem halben Jahrhundert zum Kenntnisstand der Medizin, der Psychologie und der Reformpädagogik gehören“. Während meiner 1959 begonnenen sozialpädagogischen Ausbildung war dieses Buch für mich ein Schlüsseltext, der wesentlich zu meiner Sensibi­lisierung für die unhaltbaren Zustände in der Heimerziehung und zu meinem Entschluss, nach der Ausbildung selbst in die Heimerziehung zu gehen und an der Veränderung dieser Verhältnisse zu arbeiten, beigetragen hat. Leider traf die Voraussage von Annemarie Dührssen zu: die notwendigen Mittel wurden nicht zur Verfügung gestellt; die men­schenunwürdige und das zukünftige Leben von Säuglingen und kleinen Kindern zerstören­de Praxis der Massenpflege wurde, in vollem Bewusstsein der Folgen, nicht abgeschafft.

Auf dem zweiten Deutschen Jugendhilfetag im Jahr 1966 befasste sich eine Arbeitsgrup­pe unter der Leitung des Münchener Sozialpädagogen Andreas Mehringer mit dem „Erzie­hungsheim als Bildungsträger“. In ihrem Bericht beklagen die Mitglieder der AG, dass die Heimerziehung bezogen auf Säuglinge und kleine Kinder nach wie vor versage: „Der im­mer noch blühende Säuglingshospitalismus ist eine der stärksten Wurzeln für Erfolgslosig­keit im Bildungsbemühen der Heimerziehung“. Und es sollte noch einmal ein gutes Jahrzehnt dauern, bis Ende der Siebzigerjahre diese Heime endlich abgeschafft wurden.

Bei Tausenden Kindern wurden die durch die Heimerziehung hergestellten Hospitalismus­schäden umgemünzt in Scheindiagnosen von erblich bedingtem Schwachsinn, Lernbehin­derungen, Schwererziehbarkeit etc. Die Kinder wurden zwischen Heimen der Jugendhil­fe, der Psychiatrie und Einrichtungen für behinderte Kinder hin und her geschoben und viele von ihnen wurden als „bildungsunfähig“ etikettiert. Diese Stigmatisierung haftet ihnen ein ganzes Leben an. Diese „Zusammenarbeit“ zwischen Jugendhilfe und Psychia­trie und ihre schlimmen Folgen für die von ihr betroffenen Kinder und Jugendlichen, ein­schließlich des Schicksals der in Heimen der sog. Behindertenhilfe untergebrachten, wur­de vom RTH nicht aufgeklärt. Für die ehemaligen Heimkinder, die in Heimen der „Behin­dertenhilfe“ leben mussten sah sich das Gremium nicht zuständig und zum Verhältnis von Psychiatrie und Jugendhilfe hätten ihm, so heißt es im Abschlussbericht des RTH, keine Forschungsergebnisse zur Verfügung gestanden. Diese Praxis war aber allen Fach­kräften und Verantwortlichn der Kinder- und Jugendhilfe jener Jahre bekannt.

Die Wege ins Heim
Kinder und Jugendliche wurden nicht erst hinter den Türen der Heime zu entrechteten Opfern von demütigender Willkür und Gewalt. Solche Erfahrungen mussten sie schon während der ganzen Prozedur machen, an deren Ende die „Unterbringung“ stand. Darum ist die Frage, wie die Kinder und Jugendlichen in die Heime kamen, von ebenso großer Bedeutung wie die Frage nach den Lebensbedingungen und der Erziehungspraxis inden Heimen. Beides gehört zusammen, wenn es um eine realistische Beurteilung der Heimer­ziehung der Vierziger- bis Siebzigerjahre geht.

Auf mannigfachen Wegen wurde die Aufmerksamkeit des örtlichen Jugendamtes auf Fa­milien, Kinder und Jugendliche gerichtet. Die soziale Kontrolle bezogen auf die Einhal­tung der von der Mittelschicht geprägten normativen Erwartungen der Gesellschaft, war in der Bundesrepublik bis in die Siebzigerjahre in Abwehr der kulturellen Liberalisie­rungstendenzen in der Gesellschaft sehr dicht. Vor allem in ländlichem und kleinstädti­schem und stark religiös bestimmtem Milieu wie in Bayern, war diese moralisch engher­zige und bigotte Kontrolle unmittelbar wirksam. Nachbarn, LehrerInnen, Kirchengemein­den, Lehrherren gaben Hinweise oder es handelte sich um Kinder/Jugendliche aus im Gemeinwesen bekannten sogenannten Problemfamilien.

Eine immer von Heimerziehung bedrohte große Gruppe waren unehelich geborene Kin­der, die besonders in religiös bestimmten Milieus von vornherein als „Kinder der Sünde“ von „gefallenen Mädchen und Frauen“ diskriminiert wurden. Diese Kinder standen als „Amtsmündel“ von Geburt an unter der Aufsicht des Jugendamtes und des Vormund­schaftsgerichtes. Dieser Automatismus wurde erst um 1970 durch eine Verbesserung der Rechtsstellung der „unehelichen Mutter“ gemildert. Sehr viele dieser Kinder wurden un­mittelbar nach ihrer Geburt von ihren Müttern getrennt und in Säuglings- und Kleinkin­derheime gebracht, in denen ihr Anteil immer zwischen 70% bis 80% schwankte. In den Heimen für Schulkinder und Jugendliche stellten sie immer eine große Gruppe. Ihr Schicksal in den zu 70% von den Kirchen bzw. ihren Orden und Wohlfahrtsverbänden be­triebenen Heimen, in denen als ErzieherInnen Nonnen, Ordensbrüder, Diakonissen und Diakone arbeiteten, die zum großen Teil keine Fachausbildung hatten, war besonders be­drückend, da sie zusätzlich noch unter der nie endenden Diskriminierung als „Hurenkin­der“ und „Kinder der Sünde“ leiden mussten und ihre Mütter, von denen sie strikt fern­gehalten wurden, von den religiösen ErzieherInnen als „unkeusche Flittchen“ deren sün­diges Erbe sie in sich trügen, verteufelt wurden. Diese Kinder waren der Willkür der Jugendämter, die leider durch die Vormundschaftsgerichte nicht gestoppt und kontrol­liert wurden, schutzlos ausgeliefert und wurden in die Heime regelrecht „entsorgt“, wo sie ein besonderes Schattendasein führten. Sie hatten i.d.R. überhaupt keinen Anschluss an eine Herkunftsfamilie, wussten oft nichts über ihre Herkunft, und konnten sich auf Grund ihrer kompletten Heimsozialisation gegen die Willkür des Heimpersonals noch we­niger wehren als andere Kinder und Jugendliche. 1976 sorgte ein Untersuchungsbericht über „Vergessene Heimkinder“ für einen bundesweit diskutierten Skandal. Im Jugendamt einer norddeutschen Provinzstadt wurde bei einer Aktenrevision entdeckt, dass 131 Ju­gendliche bereits 10 bis 15 Jahre in Heimen lebten, ohne dass seit der Heimeinweisung jemals überprüft worden war, ob die Gründe für die damalige Entscheidung noch bestan­den. Bei einigen Jugendlichen fanden sich in den Akten keine Hinweise darauf, in wie vielen und welchen Heimen sie schon gewesen waren, bei anderen konnte nicht ermit­telt werden seit wann sie im Heim lebten und bei 39 Kindern fanden sich keine Angaben über die Gründe für die Heimunterbringung. Bei 81 Jugendlichen fanden sich keine Ent­wicklungsberichte. Von all diesen „Versäumnissen“ waren überproportional die Jugendli­chen betroffen, die als „Amtsmündel“ unter Amtsvormundschaft des Jugendamtes stan­den und für die die Vormundschaftsgerichte die letzte Verantwortung trugen. In der Fol­ge dieses Skandals wurden in weiteren Jugendämtern der Republik ebenfalls „Vergessene Heimkinder“ entdeckt, so dass diese Bezeichnung für einige Zeit zu einem in der Jugend­hilfe geläufigen Begriff wurde.

Das wichtigste juristische Instrument bei den Entscheidungen der Jugendämter und Vor­mundschaftsgerichte über Heimeinweisungen von Kindern und Jugendlichen, ja sogar von Säuglingen, war die Anwendung der unbestimmten Rechtsbegriffe Verwahrlosung und drohende Verwahrlosung, (und wenn es um die Anordnung von Fürsorgeerziehung /FE ging oft in Verbindung mit Gefahr im Verzuge), die in § 63 des Reichsjugendwohlfahrts­gesetzes (RJWG) bzw. ab 1962 in § 64 JWG geregelt waren. Elisabeth Bamberger hatte die Tilgung der Verwahrlosungsparagrafen aus dem RJWG gefordert, weil sie in der Praxis der Jugendämter und Gerichte völlig unkontrolliert mit den subjektiven Vorstellungen von Moral, Sitte und Anstand der ihn handhabenden Beamten und Richter aufgeladen wurden, die ihrerseits weitgehend vom „gesunden Volksempfinden“ und ihrer eigenen Mittelschichtsozialisation geprägt waren. In einer Veröffentlichung des Evangelischen Reichserziehungsverbandes (EREV) schrieb 1958 ein Psychologe: „Man versteht unter Verwahrlosung, ganz allgemein gesagt, eine Summe von Verhaltensweisen eines Men­schen, die aus dem Rahmen des sozial Üblichen herausfallen. Verwahrloste Kinder und Jugendliche zeigen in ihrem Verhalten auffällige Erscheinungen, die zwar in sich oft wi­dersprüchlich sein können und individuell unterschiedliche Stärkegrade haben können, die aber doch so viel Gemeinsames aufweisen, dass der Sammelbegriff ‚Verwahrlosung’ durchaus gerechtfertigt erscheint (…). So sind Verwahrloste zunächst einmal in jedem Fall unfähig, sich in die Gemeinschaft einzugliedern, sich den sozialen Ordnungen und Verbindlichkeiten zu fügen und verantwortlich zu handeln. Sie erscheinen ohne Pflicht­bewusstsein, sie sind egozentrisch und unberechenbar, launisch, undiszipliniert und Ge­mütsregungen sind, mindestens nach außen hin, selten ersichtlich. Ihr Mangel an Halt, an Willen, an Leistungsbereitschaft, an echter Kontaktfähigkeit kennzeichnet sie in ih­rem Verhalten zur Umwelt. Sie haben einen Hang zum Stehlen, Lügen, Betrügen und zu sexuellen Fehlhaltungen; ihre egoistische Anspruchshaltung treibt sie zu frechem, ro­hem, oft brutalem Benehmen. (…) Damit sie ihre materiellen Wünsche befriedigen kön­nen und weil sie sittlichen Forderungen gegenüber taub sind, verfallen sie leicht der Pro­stitution. Ihr Verhältnis zur Arbeit ist gekennzeichnet durch einen Mangel an Ausdauer. Sie bummeln, schwänzen die Schule, bleiben der Arbeit fern, wie es ihnen passt. Schon bei geringen Belastungen, Anforderungen oder Reibungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen kommt es zu Weglaufen und nächtlichem Herumstreunen. Sie weichen fort­während der Wirklichkeit aus, die sie als Last und Einengung empfinden“. Der Autor kon­frontiert in diesem „Fernschulungsbrief“ seine LeserInnen – ErzieherInnen in Heimen der Diakonie – um ihnen einen Spiegel vorzuhalten. Im „Banne moralpädagogischer Auffas­sungen“, schreibt er, beurteilen Erzieher das Verhalten ihrer Zöglinge von einem „mora­lisch-wertenden Standpunkt aus“ mit Vokabeln wie „faul, arbeitsscheu, verschlagen, die­bisch, lügnerisch, heimtückisch, mannstoll, sittlich verkommen, frech, unverschämt, schmutzig, gemeinschaftsstörend usw.“. Alle diese Vokabeln habe er „in zahlreichen Be­urteilungsberichten an die Behörden lesen“ können – ein ganzes Wörterbuch der diskri­minierenden, demütigenden und verächtlich machenden pädagogischen Sprache, die bis weit in die Siebzigerjahre hinein in Einrichtungen und Behörden der Jugendhilfe gespro­chen wurde. Sie kennzeichnete einen hermetischen Kreis von Ämtern, Gerichten, Trä­gern und Heimen , in den die Heimkinder unentrinnbar eingeschlossen waren. Diese Sprache der Verunglimpfung, gesprochen von Personen mit öffentlichem Ansehen „die es ja wissen mussten“, produzierte und verstetigte das öffentliche Bild vom „verwahrlosten und schwererziehbaren Heimkind“, das den solchermaßen Stigmatisierten ein Leben lang anhaftet und eine der Hauptursachen für das jahrzehntelange Schweigen der ehemaligen Heimkinder war, das mit ihrer 2003 begonnenen Initiative für ihre Rehablitierung und Entschädigung, die auch zu unserer heutigen Veranstaltung geführt hat, jetzt endlich ge­brochen wird.

Zu den „Wegen ins Heim“ wäre noch viel zu sagen. Besonders zu den oft brutalen und täuschenden Methoden der „Überführung“, „Überstellung“, „Zuführung“, „Aufgreifung und Rückführung“ (nach erfolglosen Fluchten) – aber dazu reicht die Zeit für diesen Vor­trag nicht. Ich habe in der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ) Nr.3/ 2011 ausführlich darüber berichtet. Heute will ich zu den „Wegen ins Heim“ Sonja Djurovic zitieren, die als ehemaliges Heimkind am RTH mitgearbeitet hat. Sie berichtet aus eigener Erfahrung: „1964, ich war gerade 14 Jahre, entschied ein Gericht in Bayern, dass ich in einem geschlossenen ‘Mädchenerziehungsheim’ untergebracht werden soll. Ich selbst war die Letzte, die darüber informiert wurde. Ich erfuhr erst avon, als ich von zu Hause abgeholt wurde. Es war eine schlimme Situation für mich (…). Ich wude mit der Heimeinweisung dafür bestraft, dass der Freund meiner Mutter mich täglich sexuell nö­tigte, zu vergewaltigen versuchte und mich immer wieder verprügelte (…). Wie in tau­senden von Akten von Heimindern der damaligen Zeit, stand auch in meiner Akte, dass eine ‘sittliche Verwahrlosung’ drohe und ich nicht anpassungsfähig sei (…). Diese Unge­rechtigkeit und große Missachtng der Wahrheit war sehr schmerzlich für mich. Sie betraf nicht nur die Ignoranz einem Kind gegenüber – es war so, als hätte ich keine Rechte, als sei ich wertlos. Ich fühlte mich hilflos, machtlos und allein gelassen (…). Eines morgens (…) kam eine Mitarbeiterin des für mich zuständigen Jugendamtes, um mich abzuholen. (…). Ich wurde abgeholt und wusste nicht einmal wohin die Reise ging. Ich musste auf dem Rücksitz eines Autos sitzen. Der Fahrer und die Jugendamtsmitarbeiterin saßen vor­ne im Wagen. Sie schwiegen. Es herrschte eine eisige Kälte. Keine meiner Fragen wurde beantwortet. Nach einer schier endlos langen Fahrt gelangten wir zum Ziel der Reise, ei­nem geschlossenen Mädchenheim. Ich wurde der Oberschwester des von Diakonissen ge­führten Heimes übergeben wie ein Paket. Ihr wurden meine Unterlagen ausgehändigt. Dann fiel die Türe hinter mir ins Schloss und ich war gefangen in einer ‘Erziehungsanstalt’“. (Djurovic, Sonja, Im Mädchenerziheungsheim – Erlebnisse, Erfahrun­gen und Folgen geschlossener Unterbringung, in: Sozial Exra 2/2014).

Schlussbemerkung
Für Alles was ich hier vorgetragen habe werden die Belege in den Archiven der Landesju­gendämter, des zuständigen Ministeriums, der Jugendämter, der kirchlichen Träger und im Staatsarchiv zu finden sein. Ganz bewusst habe ich nur „politisch unverdächtige“ Quellen zitiert und darauf verzichtet, aus den umfangreichen Materialien der von der Außerparlamentarischen Opposition der späten Sechzigerjahre getragenen Heimkampa­gne zu berichten, der nicht zuletzt das historische Verdienst zukommt, mit ihrer radika­len Kritik der Heimerziehung wichtige Anstöße zu ihrer Reform und zur Veränderung des Jugendhilferechts gegeben zu haben. Diese Reform war ein langer Weg. In dem schließ­lich 1990/91 in Kraft getretenen Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG / SGB VIII) wur­den der „Verwahrlosungsbegriff“, die „Fürsorgeerziehung“ und die „Geschlossene Unter­bringung“ ersatzlos gestrichen.. Allerdings sehe ich mit Trauer und mit Beklemmung, dass, während wir hier in der Hochschule Esslingen uns des Leids und des Unrechts ver­gewissern, dass den heute zwischen fünfzig und achtzig Jahre alten Frauen und Männern in ihrer Kindheit und Jugend in Heimen der Jugendhilfe angetan wurde, in diversen Bun­desländern sukzessive wieder freiheitsentziehende Maßnahmen in der Jugendhilfe gegen Jugendliche angeordnet werden und die Geschlossene Unterbringung – jetzt als „ver­bindliche Unterbringung“ oder als „pädagogisch-therapeutische Intensivmaßnahme“ sprachlich kosmetisiert – wieder hoffähig wird. Auch das unsägliche Wort „Verwahrlo­sung/verwahrlost“ wird von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe zunehmend wieder gesagt, so, als hätte es die einhellige Kritik der Jugendhilfe der Siebziger- und Achtziger­jahre an dieser verwahrlosten und verwahrlosenden Sprache nie gegeben. Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, wird sich die Kinder- und Jugndhilfe in zwanzig oder dreißig Jahren mit dem Unrecht und Leid befassen müssen, was Kindern und Jugendli­chen gegenwärtig und zukünftig in ihren Einrichtungen zugefügt wird. Dazu ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: In der „Hausordnung“ von Heimen des Trägers „Haasen­burg“, die im vergangenen Herbst vom Landesjugendamt Brandenburg, nach anhaltender Kritik in den Medien und sehr langem Zögern, geschlossen wurden, heißt es:

  1. „Ich höre auf alle Erzieher und Mitarbeiter der Haasenburg!
  2. Dem Erzieher gegenüber antworte ich mit >JA< oder >NEIN< und nenne ihn beim Namen!
  3. Es herrscht angemessene Lautstärke in den Wohnräumen, der Schule, auf dem Gelände und auf dem Pausenhof!
  4. Ich rede nicht über das Weglaufen und mache es auch nicht!
  5. Ich diskutiere nur in angemessenen Situationen, mit einem angemessenen Ziel in ausgemessenem Tonfall!
  6. Ich halte Distanz und habe keinen Körperkontakt!
  7. Wenn die Jugendlichen wartend in der Reihe stehen, ist der Mund geschlossen und der Blick ist nach vorn gerichtet. Es wird ca. eine Armlänge Abstand zum Vordermann gehalten!
  8. Die Jugendlichen laufen erst dann los, wenn die Erzieher es sagen und nur so weit wie es gesagt wird!
  9. Die Jugendlichen laufen immer rechts neben dem Erzieher!
  10. Während der Dienstzeit ist der Mund geschlossen. Nach Arbeitsmaterial wird angemessen gefragt! (…)“

„Ich habe die Regeln der Haasenburg gelesen und verstanden und ich bin bereit, sie während meines Aufenthaltes einzuhalten. Verstöße gegen die Regeln der Haasenburg haben Konsequenzen!“. (Zitiert in Sozial Extra 2/2014, S. 51.)

Alles was ich hier vorgetragen habe war, ich wiederhole es, zu jedem Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte der Jugendhilfe den Leitungen der Einrichtungen, den Verantwortlichen in Trägern und Behörden, den zuständigen PolitikerInnen bekannt. Genauer: Es hätte ihnen bekannt sein können und müssen, wenn sie das Schicksal der Heimkinder wirklich interessiert hätte, wie sie immer behaupteten. Dass die Mittel für die immer geforderte tiefgreifende Reform der Heimerziehung im boomenden Wirtschaftswunderland Bundesrepublik Deutschland, nicht bereitgestellt wurden, ist eine gesellschaftliche und historische Schuld, die mit dem Fonds Heimerziehung nicht hinreichend anerkannt und in der Hauptsache – der angemessenen Entschädigung der heute noch lebenden ehemaligen Heimkinder – mit den Leistungen des Fonds Heimerziehung nicht einmal im Ansatz abge­golten wird.

Freilich, die bescheidenen Leistungen dieses Fonds sollten offensiv in Anspruch genom­men werden und die MitarbeiterInnen der Anlauf- und Beratungsstellen in den Ländern sollten die Frauen und Männer offensiv, kreativ und unbürokratisch und mit voller Wertschätzung unterstützen, wenn sie zu ihnen kommen, um einen Antrag zu stellen. Das wird nicht immer leicht sein, denn die berechtigte Unzufriedenheit und der Ärger mit dem Ausmaß und den Regularien des Fonds wird sich zuerst ihnen gegenüber artikulieren. Sie sollten die Kritik und Unzufriedenheit aber nicht beschwichtigen und vertuschen, sondern sie weiterleiten und veröffentlichen und sich selbst dessen bewusst sein, dass sie mit den Mitteln des Fonds zwar akute Notsituationen ehemaliger Heimkinder lindern können und sollen, dass damit aber deren berechtigte Forderungen nach einer umfassenden Rehabilitierung, die ohne eine wirkliche Entschädigung nicht möglich ist, nicht erfüllt werden.

 

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Haasenburg und kein Ende?!

Eine mutige junge Frau, Christina Witt, die, so denke ich, unsere Hochachtung und jede Unterstützung verdient hat, gibt nicht auf. Sondern im Gegenteil.

In 48 Stunden ist es Ihr gelungen mit der Online-Petition

„Nie wieder Haasenburg, Herr Woidke!“

in den sozialen Netzwerken mehr als 20.000 Unterschriften zu sammeln. Toll und – ja, mehr als ein Achtungszeichen!

Wer ist Frau Witt?
Eine ehemalige Insassin der im Sommer letzten Jahres in die Schlagzeilen geratenen Einrichtung unter der Nicht-Aufsicht einer Ministerin des Landes Brandenburg, die bis heute nicht einmal die richtigen Worte der Entschuldigung – ganz zu schweigen eine Entschädigungslösung für die Betroffenen Opfer gefunden hat.

Das allein ist offensichtlich in Brandenburg aber noch nicht genug
Es war im Abschlussbericht der nur auf öffentlichen Druck und mehr als widerwillig eingerichteten Untersuchungskommission damals die Rede von einer nicht Reformierbarkeit der Haasenburg. Das – so nun der Eindruck – soll plötzlich vergessen sein und das Land strebt eine Einigung vor Gericht mit dem damaligen Betreiber an und will eine erneute Lizenzerteilung überdenken. Da kann es der jungen, mutigen Frau nicht hoch genug angerechnet werden, die Öffentlichkeit zu informieren. Bei mehr als 20.000 Unterschriften dürfte ihr dies gelungen sein!

Will man in Brandenburg die Dinge nicht begreifen oder ist der entgangene Gewinn, der mit Kindern in solchen Einrichtungen gemacht wird, das Thema? Das alles wirft ein sehr zweifelhaftes Licht auf die Verantwortlichen.

Bis heute – und auch das sei nicht verschwiegen – ist kein einziges Ermittlungsverfahren gegen die damalig Verantwortlichen für schwerste Verletzungen der Rechte und der Würde von Menschen abgeschlossen. Kein einziger Verantwortlicher und auch niemand im Ministerium ist bis heute vor ein ordentliches Gericht gestellt worden. Die damaligen Vorwürfe sind nicht aufgeklärt und schon überlegt man in Brandenburg ,wie es zu einer Wiedereröffnung und erneuten Belegung kommen könnte. Nein, mir fehlen gerade an dieser Stelle nicht die Worte, sondern das Gegenteil ist der Fall.

Haasenburg schließen!

Ich muss gestehen, dass ich den Eindruck habe, in Brandenburg ticken nicht nur die Uhren anders sondern dort werden die Zeichen der Zeit dann vernommen, wenn ein gewaltiger Donner über das Land fegt. Verwundert bin ich allerdings, dass die Brandenburger Bürger selbst so etwas in Ihrem Nahmen von der verantwortlichen Politik machen lassen. Dass die Bürger von Brandenburg die ich im Übrigen besser aus den Jahren 1989 – 1990 kenne, da keine Stimme haben, oder kann ich die nur nicht vernehmen? Damals waren auf dem Weberplatz in Babelsberg nur einige wenige und in Wochenfrist gingen gegen eine Regierung – und es war nicht nur eine Landesregierung sondern eine Diktatur der SED – Tausende auf die Straße. Es erfüllt mich noch heute mit Stolz dabei gewesen zu sein!

Alles vergessen in Brandenburg?
Ich hoffe, dass den Worten des Herrn Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, der ja in der letzten Sitzung des Landtages von erheblichem Handlungsdruck, was die Opfer der SED-Diktatur – aber eben nicht nur dieser – angeht, auch Taten folgen werden. Opfer sind auf den besonderen Schutz der Verantwortlichen in der Politik angewiesen, Kinder in der Rolle von Opfern und das in einem Rechtsstaat, der im Falle der Haasenburg nun auf ganzer Linie versagt hat, umso mehr.

Will man nun endlich in Brandenburg mit der unrühmlichen Vergangenheit als „kleine DDR“ brechen, bedarf es, so denke ich, nach so vielen Jahren der Untätigkeit und es Abwartens endlich Taten, die die Opfer auch als ehrliches Bemühen erkennen können, Herr Ministerpräsident Woidke.

Schauen Sie, Herr Ministerpräsident, in die Gerichte und auf den Umgang mit den betroffenen ehemaligen Heimkindern der Diktatur der SED im Heute und Jetzt in Brandenburg und Ihnen wird nicht gefallen, was Sie sehen. Erneut traumatisiert, gedemütigt, der Lüge bezichtigt und, was sich nun anzubahnen scheint, mit System um Ihre gerechten Ansprüche durch die Staatsanwaltschaften erneut betrogen. Machen Sie dem endlich – 24 Jahre nach der Wende – ein Ende und kümmern Sie sich um die Betroffenen der ersten und nun leider in Brandenburg entstandenen zweiten Generation Kinderopfer von geschlossener Unterbringung!

Lutz Adler

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Texte des VEH e.V. in Münster

Anlässlich eines historischen Treffens zwischen der Fraktion DIE LINKE im LWL und dem VEH e.V. in Münster haben VertreterInnen des Vereins ehemaliger Heimkinder folgende Texte vorgetragen:

1. Wie war das damals? – Alles nur Einzelfälle oder ein Unrechtssystem?

2. “Nie wieder”

3. Die bisherige Arbeit der Anlaufstellen beim LWL und LVR – eine Bilanz

4. Die Forderungen des VEH e.V.

1. Wie war das damals? – Alles nur Einzelfälle oder ein Unrechtssystem?

Dieser eindringliche Text wurde – mit einigen Änderungen übernommen von Helmut Jacob, Überlebender westdeutscher Kinderheimhöllen und Blogger mit einem lesenswerten Blog, auf dem auch die Originalversion dieses Textes zu finden ist. Auch das Bild der Kinderhände, zerschlagen vom Krückstock, findet sich auf diesem Blog. (http://www.readers-edition.de/2013/05/07/soviel-du-brauchst-misshandelte-heimkinder-brauchen-wenig/)

In Deutschland waren zwischen 1945 und 1975 ca. 800.000 bis 1.000.000 Kinder gezwungen, in Heimen zu leben:

In Säuglingsheimen, Kinderheimen, Waisenhäusern, Jugendheimen, Heimen für Schwererziehbare, in Heimen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, in Psychiatrien.

Diese Heime waren zum größten Teil in Händen der katholischen und der evangelischen Kirchen und deren Organisationen Caritas und Diakonie und der verschiedensten Ordensgemeinschaften. Sie waren aber auch in staatlicher Hand, in der Hand der Arbeiterwohlfahrt, des Deutschen Roten Kreuzes, des LWL und des LVR. Außerdem gab es Heime in privater Hand.

Es gab große Heime mit Hunderten von Kindern und es gab kleine Privatheime mit vielleicht zehn Kindern.

Eines hatten die allermeisten dieser Heime gemeinsam: Es ging den Kindern grottenschlecht dort. Das kann ich aus meiner Erfahrung der wohl tausend und mehr Stunden Telefongespräche mit Überlebenden deutscher Kinderheimhöllen sagen. Lassen Sie mich einige – sehr reale – Beispiele nennen:

Das kleine Mädchen, das nachts aus dem Schlafsaal gezerrt wurde, die Treppen hinunter in den Heimgarten. Dort drückte ihr die Nonne eine Schaufel in die Hand und herrschte sie an: Du gräbst jetzt Dein Grab, dann legst Du Dich rein und ich schaufele Dich zu.

Der junge Ministrant, dem der Priester in der Sakristei in die Hose griff und den Jungen solange „bearbeitete“, bis des Priesters Hand von dem Ergebnis seiner Schweinerei besudelt war.

Das behinderte Kind, dessen Trommelfell von den Pranken einer Lehrerin zertrümmert wurde sodass es für den Rest seines Lebens zusätzlich schwerhörig war.

Das sechs- bis siebenjährige Schulkind, dessen zarte Finger mit einem schwerem Gehstock grün und blau geschlagen wurden, weil es etwas Schmutz unter den Fingernägeln hatte.

Krückenschläge-auf-Kinderhänden

Der Junge, der von einem Priester wieder und wieder vergewaltigt wurde.

Das Mädchen, von einem brutalen Gynäkologen defloriert, befingert, missbraucht.

Der Junge, der bis zu 12 Stunden täglich Torf stechen musste und nichts dafür bekam außer billigem Anstaltsfraß.

Das kleine Mädchen, das schon mit sieben, acht Jahren Pflegearbeiten leisten musste, um den kirchlich geführten Betrieb aufrecht zu erhalten und damit den Ruhm der Kirchen zu mehren.

Der kleine Junge, von einem Arzt orthopädisch so falsch behandelt, dass er seither unter ständigen Schmerzen leidet.

Das Kind, das wegen jahrelangen Zwangsarbeit keine ausreichende Schulausbildung erfuhr, keine vernünftige Lehre absolvieren konnte und schon darum im Leben kaum etwas verdiente und das nun, im Alter, von Transfergeldern leben muss.

Der Junge, der nach einer Prügelorgie in einer Pfütze des eigenen Blutes stand – die prügelnde Nonne wollte Blut sehen!

Das Kind, dem vorgelogen wurde, seine Eltern seien gestorben und dem mit dieser Lüge und der Einbehaltung der Korrespondenz die Verbindung zum Elternhaus gekappt wurde.

Das kleine Mädchen, das keinen Eintopf mochte und dennoch zum Essen gezwungen wurde – solange, bis sie alles erbrach. Und dann das Erbrochene aufessen musste. Hatten mehrere Kinder an einem Tisch erbrochen, konnte es durchaus auch das Erbrochene des Nebenkindes sein, das da in den kleinen Mund gezwungen wurde.

Kinder und jungen Menschen, die stunden- und tagelang in „Besinnungs- oder Strafzimmer“ gesperrt wurden, in Kohlenkeller, auf Dachböden, in Schweineställe oder einfach in den Schnee gestellt. Oder sie wurden sogar in Leichenhallen zu verstorbenen Nonnen gesperrt. Kinder, die vor Angst sprachlos oder zu Stotterern wurden.

All die Kinder, die wegen Bettnässens den schrecklichsten Torturen unterworfen waren – angefangen von der Bloßstellung vor den Mitleidenden über das Prügeln mit dem nassen Laken bis hin zu „Behandlung“ mit Elektroschocks.

Die jungen Männer und Frauen, die mit Strafe und Belohnung dazu dressiert wurden, ihre Mitleidenden zu kontrollieren und sie bei angeblichem Ungehorsam zusammenzuschlagen, und somit weniger Aufsichts- und Hilfspersonal nötig machten.

Nicht zuletzt die Jungen in den Eliteschulen, denen der Pater unter die Bettdecke griff, sie in sein Zimmer holte oder sie gleich an pädophile Freunde verschacherte.

Geprügelt wurde mit allem, was zur Hand war: Faust, flacher Hand, Besenstiel, Handfeger, Dach- und Zaunlatte, Rohrstock, Peitsche, Gürtel, Schlüsselbund, nassen Bettlaken.

Es wurde eiskalt abgeduscht, in nasse Laken gewickelt, in der Wanne untergetaucht, nachts im Flur stehen gelassen, verbal erniedrigt, die Eltern verhöhnt, von den Geschwistern getrennt.

Es gab gebrochene Arme, Hände, Schulterblätter, Rippen, Becken, Nasenbeine, Wangenknochen, Finger und Füße, aufgerissene und aufgeplatzte Haut an allen Körperteilen, Afterfissuren und weg gebrannte Hoden.

Selbstverständlich wurde die Post zensiert oder gleich ganz unterschlagen, die eigene Kleidung beschlagnahmt, Geschenke nicht ausgehändigt oder wieder einkassiert.

Glauben Sie mir, wir könnten diese Liste noch lange weiterführen. Und keiner – nicht einer! – dieser Fälle stellt einen Einzelfall dar. Vielmehr waren die vielfältigen Misshandlungen, Demütigungen, Vergewaltigungen ebenso Teil einer tiefschwarzen Pädagogik wie die schwere Arbeit, zu denen die Kinder und Jugendlichen gezwungen wurden und für die sie selbstverständlich keinen Lohn erhielten.

Darüber hinaus dürften diese Grausamkeiten sich verselbstständigt haben, dienten nicht mehr einer – wie auch immer gearteten – „Erziehung“. Nicht einmal mehr der Brechung der Kinder, ihrer Persönlichkeiten, sondern wurden als Machtmittel eingesetzt: Erzieher, Nonnen, Brüder, Diakonissen setzten diese Methoden ein, um ihre Position in der Hierarchie zu festigen, um die Leiter der Macht nach oben zu erklimmen. Und sie taten dies auf dem Rücken der ihnen anvertrauten Kinder, ohne sich im geringsten darum zu scheren, wie viele ihrer „Schützlinge“ dabei auf der Strecke blieben.

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Kindesmissbrauch

2. “Nie wieder”

Dieser bemerkenswerte Text wurde uns von Lutz Adler überlassen, Überlebender ostdeutscher Kinderheime/Spezialheime

Was wird aus Kindern, die verbogen, belogen, missbraucht, geprügelt werden? Denen man Bildung vorenthält und die durch Zwangsarbeit oder den Zwang zur Arbeit ausgebeutet werden?

Was wird aus Kindern die ohne Urteile und Prüfung eingesperrt und Drill ausgesetzt werden?

Was wird aus Kindern die dies ertragen müssen – ohne die Möglichkeit, sich zu wehren oder Schutz zu finden?

Ich kann das sicher nicht allgemein beurteilen, aber aus mir ist ein Mann von 58 Jahren geworden

Seit mehr als 40 Jahren vermeide ich viele Alltäglichkeiten, ohne dass es jemand sehen kann.

Ich übe mich in Unauffälligkeit.

Ich vermeide geschlossene Räume von denen ich die Türen nicht sehen kann, denn ich könnte eingesperrt werden!

Ich fahre nicht einmal mit der Bahn, denn es ist ein abgeschlossener Raum, den ich nicht einfach so verlassen kann – das geht nur, wenn der Zug hält.

Ich könnte ein Konzert besuchen, kann ich aber nicht, denn mir jagen viele Menschen, die gemeinsam an Veranstaltungen teilnehmen, Angst und Panik ein. Ich kann nicht entkommen wenn ich möchte.

klaustrophobie

Ich könnte mit Freunden gemeinsam essen gehen, das normalste von der Welt. Kann ich aber nicht, es ist eine Tortur für mich, warten zu müssen bis alle ihr Essen haben, meines könnte mir gestohlen werden und ich werde zappelig und unsicher, also vermeide ich es gleich ganz.

Ich bin misstrauisch und argwöhnisch und beleuchte alles und Jeden, der sich mir nähert.

Ja, ich zerstöre unbewusst vielleicht konstruktive Synergien.

Das sind ein paar wenige der Auffälligkeiten, die ich an mir selbst bemerke. Sicher gibt es aber noch so einige Dinge, von denen ich weder weiß noch sie bemerke.

Es ist für mich zur Gewohnheit geworden so zu sein, so zu handeln und so zu leben.

Aber – wie viel Leben ist das eigentlich?

Wenig genug und sehr, sehr anstrengend. Das weiß ich von mir.

Was hat die Gesellschaft versäumt und was hätte ich ohne diese Einschränkungen, die ich selbst indessen als Behinderung empfinde, erreichen können?

Eine Million behinderte Menschen, die ähnliche oder gleiche Einschränkungen haben und wir reden über Inklusion? Wir reden über Menschenwürde und Menschenrechte und über die Bereicherung von Gesellschaften durch kritische Bürger, die Ihre Rechte auf der Straße einfordern?

Wir belehren andere, Demonstrationen als Bürgerbeteiligung wahr zu nehmen und nicht als Bedrohung zu empfinden. Natürlich tun wir das, oder mindestens unsere Vertreter auf Zeit.

Richtig und gut, aber sollten wir nicht zuerst dafür Sorge tragen, dass wir den heute Betroffenen von Heimerziehung – in welcher Form auch immer – die Würde zurück geben und Ihnen einen finanziell gesicherten Lebensabend trotz dieser Behinderungen – oder gerade wegen ihnen – ermöglichen?

Wir haben in diesem Land einiges wieder gut zu machen, eine gute Form wären angemessene Renten und Entschädigungen für erlittenes Unrecht und Ausbeutung.

  • Sollten wir nicht endlich damit aufhören, diese Opfer zu produzieren?
  • Sollten wir nicht endlich solche Formen des Umganges mit Kindern beenden?
  • Sollten wir nicht endlich alles in unserer Macht stehende unternehmen, die Täter solcher „Erziehungspraktiken“ zu verurteilen?
  • Sollten wir nicht endlich unserer Kinder mit Rechten ausstatten, die diese auch einfordern können, weil sie diese verstehen?
  • Sollten wir uns nicht endlich fragen, wie viel Schaden wir durch das Nichtstun anrichten?

Ich denke, wir müssen!

Wir müssen das einfordern. Ganz besonders und sehr aktuell in Brandenburg.

Es ist so eine Sache mit dem „nie wieder“ in unserem Land… Wäre es jetzt nicht an der Zeit, damit endlich anzufangen?

Ich dachte, hoffte und glaubte letztendlich auch, dass wir etwas gelernt hätten. So als Land, als Gesellschaft, als sogenannte „Volk“.

Offenbar haben wir das nicht. Oder wollen wir vielleicht nicht? Es wirkt auf mich, als wollten wir nicht. Als litten wir alle unter Amnesie und offenbar haben wir sie gern, unsere Amnesie. Sonst müssten wir uns ja täglich mit Fragen auseinandersetzen, auf die es Antworten gibt.

Ich habe keine Amnesie und bemerke das sich vieles wiederholt. Zum Beispiel die Art und Weise, wie ich in einem Spezialheim der DDR erzogen wurde. Diese Methoden wiederholen sich nun in einem privatisierten geschossenen Kinderheim in Deutschland.

Und das, nachdem wir geschädigten Heimkinder von damals bis heute nicht entschädigt wurden für diese Misshandlungen. Nun geschehen diese Misshandlungen wieder. Was haben wir also tatsächlich gelernt als Gesellschaft?

Nach zwei großen Kriegen haben wir uns die Beteuerung „Nie wieder“ auf die Fahnen geschrieben.

Nach der Aufdeckung von Ausbeutung, Misshandlung, Folter in deutschen Heimen riefen wir: „Nie wieder!“

Nach der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen an katholischen Internaten und der Odenwaldschule riefen wir wieder: „Nie wieder!“

Und nun? Heißt unser „Nie wieder“ die Duldung der Erziehungsmethoden in einer GmbH in Brandenburg?

Nein, kein bedauerlicher Einzelfall, sondern die konsequente Fortsetzung und Folge der Nicht-Bewältigung, der Nicht-Aufarbeitung , Nicht-Verhinderung, und der nicht angemessenen Entschädigung der Opfer solchen Tuns.

Es ist leicht einfach nicht, „Nie wieder“ zu sagen.

Wir müssen diese Geschichten gemeinsam aufarbeiten und bewältigen. Wir können nur verhindern, was wir verstanden und beendet haben.

Wie groß soll der angerichtete Schaden an den Kinderseelen noch werden?

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3. Die bisherige Arbeit der Anlaufstellen beim LWL und LVR – eine Bilanz

Bilanz durch persönliche Berichte über Schwierigkeiten und Probleme bei der Erlangung von Leistungen durch den Hilfefonds.

Der Schritt, zu einer Anlauf- und Beratungsstelle zu gehen, ist für viele Überlebende ein wirklich großer, manchmal schier unüberwindlicher. Zu schwer wiegen die Erfahrungen mit Ämtern und Behörden.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Stellen oftmals in Jugendämtern, Sozialämtern, Versorgungsämtern untergebracht sind – also genau die Ämter, mit denen die Menschen auf anderer Ebene Auseinandersetzungen führen.

(Sie verlangen die Herausgabe von Akten, sie verklagen die Ämter auf Schadensersatz, sie beziehen Transferleistungen…)

Ist der erste Schritt dennoch getan, so sind weitere Hürden eingebaut:

  • In manchen Orten müssen die Ehemaligen bis zu sechs Monate – oder länger – auf den ersten Gesprächstermin warten.
  • Es ist kaum möglich, eine einheitliche Information rauszugeben. Jedes Bundesland operiert anders. Man agiert so, wie man es für richtig befindet.
  • Die „Vereinbarungen“ sind ellenlange Fragebögen, die recht furchteinflößend daherkommen.
  • Der Sachbearbeiter/die Sachbearbeiterin auf der Anlauf- und Beratungsstelle mag zwar freundlich, nett und einfühlsam sein (so die mehrheitlich Meinung), aber natürlich sind sie es, die am Computer sitzen und den Bogen ausfüllen, zum Durchlesen und zur Unterschrift vorlegen und dann fortschicken. Sie selber entscheiden bekanntermaßen nichts.
  • Es kommt immer wieder vor, dass ein ausgefüllter Bogen „abhanden“ kommt und erst auf mehrfache Nachfrage wieder auftaucht. Für die Betroffenen ist das wirklich schlimm, wiederholt sich doch für sie eine lebenslang eingebrannte Erfahrung: Ich bin es nicht wert, dass man sich um mich kümmert und mich korrekt behandelt.

Dennoch ist es in der Regel so, dass die Zahlungen der Rentenersatzleistungen relativ zügig vonstatten gehen.

Aber – was heißt das denn – Rentenersatzleistungen – und wer bekommt sie überhaupt?

Rentenersatzleistungen sollen – wie der Name sagt, ein (bescheidener) Ersatz sein für die Renten, die den Heimkindern fehlen. Gezahlt wird per Überweisung. Und zwar 300 Euro pro angefangenem Monat der im Heim gearbeitet wurde. Das ergibt, wenn jemand viele Jahre geknechtet hat, ein erkleckliches Sümmchen. Denkt man.

Aber – Bezahlt wird ein Ersatz für die Sozialleistungen, die nicht abgeführt wurden. Und warum nicht der Lohn, der unterschlagen wurde?

Ganz abgesehen davon, dass kein Mensch sich zuständig dafür fühlt, dass ehemalige Heimkinder kaum je eine vernünftige Schulbildung bekamen – geschweige denn eine Berufsausbildung. Und das bedeutet natürlich eine lebenslange Mindereinnahme, die erheblich sein dürft.

Ganz abgesehen von dem weiteren Fakt: Natürlich wird kein Schaden ersetzt, kein Schmerz bezahlt. Weder für die körperlichen, seelischen und sexuellen Grausamkeiten, die die Kinder und Jugendlichen in den Heimen erleiden mussten, noch für die Trennungen von ihren Familien.

Hinzu kommt noch, dass diese Gelder nur für die Zeit, die man ab dem 14. Lebensjahr im Heim arbeiten musste gezahlt werden.

Zwar mussten auch sehr viel jüngere Kinder arbeiten, schwer arbeiten. Vor der Schule, nach der Schule, während der Schulzeit. Aber Geld bekamen sie dafür nicht. Damals nicht. Und heute sollen sie wieder leer ausgehen. Denn da Kinderarbeit illegal war und ist, dafür also keine Rentenzahlungen geleistet werden, können – so die Logik – auch keine Rentenersatzleistungen bezogen werden.

Als letztes noch das Zeitfenster: 1949 bis 1975. Also – wer in einem Heim vor 1949 zur Arbeit gezwungen wurde, geht genauso leer aus, wie die, die nach 1975 noch Zwangsarbeit leisten mussten. Denn die Theorie besagt, dass nach 1975 alles anders war…

Die zweite Möglichkeit, Leistungen von dem Hilfefonds zu erlangen, sind die sogenannten Sachleistungen.

Diese werden von den Überlebenden zwar akzeptiert aber gleichzeitig gehasst. Denn hier läuft alles auf eine weitere Stigmatisierung hinaus:

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  1. Die Sachleistungen müssen nicht nur beantragt, sondern auch begründet werden. Also: warum muss meine Wohnung renoviert werden, warum brauche ich ein Auto etc. Die Begründung wird später einer „Schlüssigkeitsprüfung“ unterzogen.
  2. Im Falle, dass das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafzwa) den Antrag für „schlüssig“ befunden hat, muss ein Kostenvoranschlag vorgelegt werden und je nach Laune des Sachbearbeiters oder nach Bundesland oder, oder, oder wird das Geld auf ein angegebenes Konto überwiesen oder direkt an den Verkäufer/bzw. den Dienstleister.
  3. Wird das Geld überwiesen, so muss natürlich der Kauf selbstverständlich mit einer Rechnung belegt werden.

Dieses Vorgehen wird von den Ehemaligen durchweg als diskriminierend und stigmatisierend empfunden. Warum, fragen sie, wird das Geld (bis zu 10.000 Euro) nicht auf das Konto überwiesen und man kann damit machen, was man will?

Tatsächlich ist die Begründung, dass ehemalige Heimkinder oftmals Schwierigkeiten im Umgang mit Geld hätten oder auch Alkoholprobleme. Diese Begründung ist eine Unverschämtheit und wurde vor etlichen Jahren für EmpfängerInnen von Sozialleistungen abgeschafft…

Tatsächlich kommt es hin und wieder zu schier unglaublichen Situationen:

  • Da wird einem Ehemaligen gesagt, er könne das Gekaufte doch später wieder verkaufen – z.B. bei eBay. Oder
  • eine Frau berichtet, dass sie sich just einen Gebrauchtwagen gekauft habe für 8.000 Euro und an der Anlauf- und Beratungsstelle fragte, ob die Raten übernommen werden könnten. Ginge nicht, wurde ihr beschieden. Einem Kauf mit vorheriger Kostenanfrage stünde nichts im Wege, aber im Nachhinein… Die Frau, nicht dumm, ging zum Händler, verkaufte ihm das Auto auf dem Papier wieder, und ließ es sich dann von dem Fonds finanzieren. Was für ein dämlicher Aufwand! Und natürlich geht so etwas nur, wenn man den Händler kennt und ihm vertraut – denn selbstverständlich muss man seine Geschichte erzählen.
  • Ein Mann ringt sich nach vielen Bedenken durch, einen Antrag auf Sachleistungen zu stellen und es wird ihm beschieden, er könne sich die lang ersehnte Violine kaufen und möge schlicht die Rechnung später einreichen, um das Geld ausgezahlt zu bekommen. D.h. Er wurde aufgefordert, in Vorleistung zu gehen.
    Nach Einreichung der bezahlten Rechnung bekommt er die Nachricht, dass man leider keine Violine (und schon gar nicht eine bereits gekaufte) bezahlen könne.
    Dass nach fast zwei Monaten des Bangens dann doch das Geld überwiesen wurde ändert nichts an der Unglaublichkeit des Verfahrens.
  • Ein Ehemaliger wird monatelang in Unsicherheit gelassen, ob er überhaupt etwas bekomme. Auf seine Nachfragen hin wird ausweichend geantwortet. Bis er eines Tages – nach etwa 6 Monaten – die Nachricht bekommt, dass sein Antrag wohl irgendwie liegen geblieben sei und es täte dem Mitarbeiter leid. Nun solle er ihn noch einmal zugeschickt bekommen um ihn noch einmal auszufüllen und zu unterschreiben (es stellte sich heraus, dass die Anlaufstelle ein altes, inzwischen ungültiges Formular benutzt hatte). Als er dann persönlich bei der Anlaufstelle vorbeibringt, um sicher zu gehen, dass es auch wirklich ankommt, wird er von einer Mitarbeiterin angefahren, dass andere viel schlechter dran seien und er solle sich nicht so haben. 

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4. Die Forderungen des VEH e.V. zur Entschädigung der ehemaligen Heimkinder

  1. Der VEH e.V. fordert
    1. dass der Fonds Heimkinder bis zum Jahr 2016 weiter existieren muss und
    2. dass die Gelder entweder aufgebraucht oder aufgestockt werden müssen.
  2. Der VEH e.V. fordert
    1. dass die 10 prozentige Entnahme aus dem Fonds Heimkinder um die bundesweiten Anlaufstellen zu finanzieren, rückgängig gemacht werden muss oder
    2. dass der Fonds Heimkinder um diese zweckentfremdete Summe aufgestockt werden muss.
  3. Der VEH e.V. fordert
    dass die Zahlungen aus dem Fonds vererbbar werden.
  4. Der VEH e.V. fordert
    1. die Aufklärung über die Handhabung von Psychopharmaka in den damaligen Kinder- und Jugendheimen!
    2. die Aufklärung medizinischer Eingriffe, um zum Beispiel das nächtliche Bettnässen zu unterbinden!
  5. Der VEH e.V. fordert
    dass die damaligen Zwangsarbeitsfirmen und die involvierten landwirtschaftlichen Betriebe, die Arbeitsaufträge vergaben bzw. Kinder und Jugendliche “ausliehen” ihre Mitverantwortung öffentlich machen und für Aufklärung sorgen.
  6. Der VEH e.V. fordert
    die Aufklärung aller Unfälle/Todesfälle/Suizide/Suizidversuche von Kindern und Jugendlichen in den Heimen!
  7. Der VEH e.V. fordert
    1. dass alle Kinder und Jugendliche, die in Heimen für Behinderte leben mussten, selbstverständlich in alle Überlegungen für Entschädigungen einbezogen werden
    2. dass alle Kinder und Jugendliche, die in psychiatrischen Anstalten leiden mussten, ebenso selbstverständlich einbezogen werden
    3. dass die Altersgrenze für die Anerkennung der Zwangsarbeit und damit die Auszahlung der Rentenersatzleistungen auf 7 Jahre herabgesetzt wird.
  8. Der VEH e.V. fordert
    dass Kinder und Jugendliche, die in ostdeutschen Heimen eingesperrt waren, den westdeutschen ehemaligen Heimkindern zumindest gleichgestellt sind, bzw. dass ihre Leiden nach dem SED–Unrechts Bereinigungsgesetz entschädigt werden.

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Nie wieder!

Folgender Text aus Dirk Schäfers Blog ist ein Kommentar zu den unsäglichen Vorgängen in den Heimen der Haasenburg GmbH (wir berichteten) und den Untersuchungen, die nun – längst überfällig – zu den Vorgängen in diesen Kinderheimhöllen aufgenommen wurden.
Wir danken Lutz Adler für das Überlassen des Textes.

“Nie wieder!”

Was wird aus Kindern die verbogen, belogen, missbraucht, geprügelt werden, denen man Bildung vorenthält und die durch Zwangsarbeit oder den Zwang zur Arbeit ausgebeutet werden? Was wird aus Kindern die ohne Urteile und Prüfung eingesperrt und Drill ausgesetzt werden? Was wird aus Kindern die das ertragen mussten ohne die Möglichkeit, sich zu wehren oder Schutz zu finden? Ich kann das sicher nicht allgemein beurteilen, aber aus mir ist ein Mann von 58 Jahren geworden.

Seit mehr als 40 Jahren vermeide ich viele Alltäglichkeiten, ohne dass es jemand sehen kann. Ich übe mich in Unauffälligkeit. Ich vermeide geschlossene Räume von denen ich die Türen nicht sehen kann. Ich könnte eingesperrt werden! Ich fahre nicht einmal mit der Bahn, weil es ist ein abgeschlossener Raum, den ich nicht freiwillig verlassen kann. Das geht nur wenn der Zug hält. Ich könnte ein Konzert besuchen, kann ich aber nicht, mir jagen viele Menschen, die gemeinsam an Veranstaltungen teilnehmen, Angst und Panik ein. Ich kann nicht entkommen wenn ich möchte. Ich könnte mit Freunden gemeinsam essen gehen, das normalste von der Welt, kann ich aber nicht, es ist eine Tortur für mich, warten zu müssen bis alle Ihr Essen haben, es könnte mir gestohlen werden. Ich werde zappelig und unsicher, also vermeide ich es. Ich bin misstrauisch und argwöhnisch und beleuchte alles und Jeden der sich mir nähert. Ja, ich zerstöre unbewusst vielleicht konstruktive Synergien. Das sind ein paar wenige der  Auffälligkeiten, die mir selbst auffallen. Sicher gibt es aber noch so einige Dinge, die ich gar nicht weiß und selbst bemerke, wissenschaftlich betrachtet.

Es ist für mich zur Gewohnheit geworden so zu sein, so zu handeln und so zu leben. Aber wie viel Leben ist das eigentlich? Wenig genug und sehr, sehr anstrengend. Das weiß ich von mir. Was hat die Gesellschaft versäumt und was hätte ich ohne diese Einschränkungen, die ich selbst indessen als Behinderung empfinde, erreichen können?

Eine Million behinderte Menschen, die ähnliche oder gleiche Einschränkungen haben und wir reden über Inklusion? Wir reden über Menschenwürde und Menschenrechte und über die Bereicherung von Gesellschaften durch kritische Bürger, die Ihre Rechte auf der Straße einfordern. Wir belehren andere, Demonstrationen als Bürgerbeteiligung wahr zu nehmen und nicht als Bedrohung zu empfinden. Natürlich tun wir das, oder mindestens unsere Vertreter auf Zeit. Richtig und gut, aber sollten wir nicht zuerst dafür Sorge tragen, dass wir den heute Betroffenen von Heimerziehung – in welcher Form auch immer – die Würde zurück geben und Ihnen ein finanziell gesicherten Lebensabend trotz Behinderung oder gerade deshalb ermöglichen.  Wir haben in diesem Land einiges wieder gut zu machen, in Form angemessener Renten und Entschädigung für erlittenes Unrecht und Ausbeutung.

Sollten wir nicht endlich damit aufhören, diese Opfer zu produzieren? Sollten wir nicht endlich solche Formen des Umganges mit Kindern beenden? Sollten wir nicht endlich alles in unserer Macht stehende unternehmen, die Täter solcher „Erziehungspraktiken“ zu verurteilen? Sollten wir nicht endlich unserer Kinder mit Rechten ausstatten, die diese auch einfordern können, weil Sie diese verstehen? Sollten wir uns nicht endlich fragen, wie viel Schaden wir durch nichts tun anrichten
Ich denke, wir müssen!

Wir müssen das einfordern. Bildermann kenn ich nicht, aber ich bilde mir ein, dass wir uns das alle fragen lassen müssen, auch und aktuell zuerst in Brandenburg. Es ist so eine Sache mit „nie wieder“ in unserem Land, ist es nicht an der Zeit damit endlich anzufangen?
Ich dachte, hoffte und glaubte letztendlich auch, dass wir etwas gelernt haben. So als Land, als  Gesellschaft , als das sogenannte Volk.

Offenbar haben wir das nicht. Oder wollen wir vielleicht nicht? Es wirkt auf mich, als wollten wir nicht. Als litten wir alle unter Amnesie und offenbar haben wir sie gern, unsere Amnesie. Sonst müssten wir uns ja täglich mit Fragen auseinandersetzen auf die es Antworten gibt.

Antworten zum Beispiel auf die Frage: Woher kommt der NSU. Wer hat das gewusst und zugelassen? Wir oder die, die dafür bezahlt werden so etwas zu bemerken, öffentlich zu machen, ja, auch die Bürger zu schützen. Die haben es gewusst und offensichtlich auch bemerkt , nur weder öffentlich gemacht noch die Ihnen anvertraute Sicherheit der Bürger im Auge behalten.

Ich habe keine Amnesie und bemerke das sich vieles wiederholt. Zum Besipiel die Art und Weise, wie ich in einem Spezialheim der DDR erzogen wurde. Diese Methoden wiederholen sich nun in einem privatisierten geschossenen Kinderheim in Deutschland. Und das, nachdem wir geschädigten Heimkinder von damals bis heute nicht entschädigt haben für diese Misshandlungen. Nun geschehen diese Misshandlungen wieder. Was haben wir also tatsächlich gelernt als Gesellschaft? Nach zwei großen Kriegen haben wir uns die Beteuerung „Nie wieder“ auf die Fahnen geschrieben. Nach der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen an der Odenwaldschule  riefen wir wieder: „Nie wieder“

Und nun? Die Fortsetzung sog. Erziehungsmethoden in einer GmbH in Brandenburg. Nein, kein bedauerlicher Einzelfall, sondern die konsequente Fortsetzung und Folge der Nicht-Bewältigung, der Nicht-Aufarbeitung , Nicht-Verhinderung, und der nicht angemessenen Entschädigung der Opfer solchen Tuns. Es reicht einfach nicht „Nie wieder“ zu sagen. Wir müssen diese Geschichten gemeinsam aufarbeiten und bewältigen. Wir können nur verhindern, was wir verstanden und beendet haben. Wie groß soll der angerichtete Schaden an den Kinderseelen noch werden?

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Kinderheim Haasenburg: Skandalöse Zustände ./. gewaltige Gewinne

“Der Horror am Waldrand” titelt die taz einen Artikel von Kaija Kutter und Kai Schlieter am Wochenende und zitieren aus einem Protokoll aus dem Jahre 2008 (!), in dem es um “Anti-Aggressionsmaßnahmen” mit der 17 jährigen Hanna (Name geändert) geht:

19.30 Uhr: Verweigerung von Nahrung und Medikamenten.
20.05 Uhr: Wehrt sich. Kopf wird festgehalten.
20.07 Uhr: Wehrt sich weiter. Hanna werden beide Hände verbunden, da sie an den Fingern pult. Kopf wird weiter festgehalten.
20.10 Uhr: Halsgurt wird gelöst, da Sie sich aufreibt. Hanna fängt an, Kopf auf Unterlage zu hauen summt lauter.
20.27 Uhr: Versucht Hand aus Fixierung zu lösen. Erzieher hält weiterhin Kopf fest.
20.39 Uhr: Hanna bewegt Kopf wieder heftiger hin und her. Erzieher hält Kopf wieder fest.
20.47 Uhr: Schlägt Kopf heftig auf Liege. Erzieher hält Kopf wieder fest.
21.25 Uhr: Stellt sich in die Mitte des Raumes verschränkt ihre Arme.
21.28 Uhr: Gesprächsangebot. Ignoriert dieses Angebot.
21.33 Uhr: Pult noch immer an ihren Fingern herum. Erzieher fordert sie auf, das zu unterlassen.
21.50 Uhr: Erz. müssen ihre Hände hinter den Rücken verschränken.
21.54 Uhr: wird fixiert. Klopft mit Fußspitze auf den Boden.

Dem Protokoll zufolge dauert die Prozedur bis ein Uhr nachts. Als Grund für die Behandlung ist in der Rubrik „auslösende Situation“ vermerkt: „Befolgte Anweisung nicht, ging selbständig auf den Flur“.

Sofortige Schließung aller Heime der Haasenburg GmbH

(Quelle: http://www.taz.de/Kinderheim-in-Brandenburg/!118139/?utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter)

PS:
Heute erreichte uns folgende Mail:

Betreff: Petition in Zeichnung

Liebe Mitzeichner*Innen der Petition zur Schließung aller Kinder- und Jugenderziehungsheime der Haasenburg,

Wie Sie vielleicht schon mitbekommen haben, haben sich die Anwälte der Haasenburg GmbH nun bei mir gemeldet mit dem Ziel, eine Unterlassung zu erwirken. Sie fordern, die Petition solle heute um 18:00 Uhr verschwunden sein. Sollte ich dieser Forderung nicht nachkommen, drohen sie mit rechtlichen Schritten. Zur Zeit befinde ich mich in Kommunikation mit der taz, mit den BetreiberInnen der Seite openpetition.de sowie mit Anwält*Innen und Menschenrechtsorganisationen. Wir haben nun beschlossen, die Petition solange pausieren zu lassen, bis wir die Formulierungen soweit überarbeitet haben, dass uns keine Nachteile daraus erwachsen können. Ich möchte mich bei Ihnen allen bedanken für Ihre Unterstützung. Ihre Unterschrift soll selbstverständlich bestehen bleiben und ich werde Ihnen umgehend mitteilen, wenn die Petition wieder online geht. Offenbar gibt es inzwischen auch weitere Petitionen zum Thema. Entsprechende links finden sie im unten stehenden link. Es handelt sich hierbei um einen Bericht der taz über die Reaktion der Haasenburg GmbH auf meine polemische Petition. http://www.taz.de/Kinderheime-Haasenburg/!118392/

Danke für Ihre Mithilfe. Sollte sich unter Ihnen ein/e Rechtsanwältin befinden, so würde ich mich über Ihre Meldung sehr freuen. Ideen bitte an meike.buettner@gmail.com.

Hoffnungsfrohe Grüße,
Meike Büttner

Zum Glück kann inzwischen berichtet werden, dass die von der taz losgetretene Diskussion weitere Kreise zieht. Hier ein paar Links zum nachlesen:

Brandenburgisches Ministerium für Bildung, Jugend und Sport: Gründung einer Untersuchungskommission zu den Vorwürfen gegen die Haasenburg GmbH

Linksfraktion Brandenburg: Unhaltbare Zustände in den Heimen der Haasenburg GmbH

Grüne Fraktion Brandenburg: Schnellstmögliche Aufklärung erforderlich

Grüne Fraktion Hamburg: Keine Kinder mehr in die Haasenburg schicken

Petition: Sofortige Schließung aller Haasenburg-Kinderheime

Verein ehemaliger Heimkinder: Dieses Heim gehört geschlossen und Heimleiter, Geschäftsführer und Erzieher vor ein Gericht gestellt

taz: Designierter Vorsitzender der Hamburger Aufsichtskommission für geschlossene Heime steht für diese Aufgabe nicht mehr zur Verfügung

taz: Unterlassungserklärung der Haasenburg GmbH

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