Verein ehemaliger Heimkinder e.V.

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Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. (VEH e.V.) versteht sich als eine Bürgerrechtsorganisation und eine Selbsthilfegruppe. Er hat das Ziel, die durch die schwarze Pädagogik bei der Heimerziehung häufigen Körperstrafen und die sexuelle Gewalt gegen Kinder aufzuklären sowie Kontakt zwischen den bis weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinweg verstreut lebenden Mitgliedern zu organisieren. Der VEH e.V. ist nach der irischen Heimkinderorganisation die international größte Organisation ehemaliger Heimkinder.[1]

Zweck des Vereins

Im Januar 2004 wurde in Paderborn von betroffenen ehemaligen Heimkindern ein erster Versuch gestartet, sich zu organisieren und die Interessengemeinschaft "Bundesvereinigung ehemaliger Heimkinder" gegründet. Durch interne Schwierigkeiten kam es in dieser Konstellation jedoch nie zu einer Vereinsgründung.

Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. wurde schließlich am 14. Oktober 2004 in Idstein am Taunus gegründet und in Aachen in das Vereinsregister eingetragen. Im Verein sind vor allem Menschen organisiert, die in der Zeit von 1945 bis 1985 in Heimen gelebt haben - aber es gibt auch Mitglieder, die noch nach 1985 in deutschen Heimen waren (besonders in Heimen der ehemaligen DDR). Auch gibt es einige Mitglieder, die keine Heimkinder waren, sich dem Verein aber aus unterschiedlichen Gründen verbunden fühlen.

Ausgangspunkt für die Gründung des Vereins war das Unrecht und die massiven Menschenrechtsverletzungen, die Kindern und Jugendlichen vor allem in der Zeit von 1945 bis 1975 und darüber hinaus in kirchlichen und staatlichen Kinderheimen und Erziehungsheimen widerfahren ist. In den letzten Jahren sind auch vermehrt ehemalige Heimkinder aus der ehemaligen DDR zum Verein gestoßen. Der Verein setzt sich dafür ein, den unwürdigen und menschenverachtenden Umgang mit Kindern und Jugendlichen in den Säuglings- und Kinderheimen, Erziehungsanstalten, Heimen für Kinder mit Behinderungen, in den Psychiatrien und in Heimen der damaligen DDR öffentlich zu machen. Die hiervon Betroffenen sollen, so das Bestreben, für die in vielen Heimen geleistete Zwangsarbeit, sowie für die erlittenen seelischen und körperlichen Misshandlungen und für die sexuelle Gewalt entschädigt werden. Gefordert werden u.a.: Rentenausgleich, Lohnnachzahlungen, Entschädigungszahlungen und eine offizielle, öffentliche Anerkennung des Leides sowie eine Entschuldigung, ausgesprochen von repräsentativen Personen der evangelischen sowie der katholischen Kirche und des Staates.

Der Verein ist parteipolitisch und konfessionell neutral.

Satzungsgemäße Ziele des Vereins sind:

  • Ehemalige Heimkinder zu organisieren und unter Berücksichtigung ihre spezifischen Bedürfnisse zu begleiten.
  • Die Situation der ehemaligen Heimkinder in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.

In einer Petition 2006 an den Deutschen Bundestag forderte der Verein:

  • die Anerkennung betroffener ehemaliger Heimkinder als Opfer von Menschenrechtsverletzungen;
  • die Regelung berechtigter Forderungen, die sich daraus ergeben;
  • die Ächtung der menschenverachtenden Erziehungspraxis in Heimen während der Zeit von 1945 bis 1975;
  • die Klärung der Frage fehlender Rentenanwartschaften bezüglich erzwungener Arbeit, für die keine Sozialversicherungsbeiträge entrichtet wurden;
  • die Erklärung, dass die in den Heimen verlangte und geleistete Kinderarbeit Unrecht gewesen ist;
  • die Gewährleistung der Finanzierung von Langzeittherapien der Traumata, an welchen viele Betroffene noch heute leiden;
  • die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses unrühmlichen Kapitels in der Sozialgeschichte der Bundesrepublik;
  • eine Anhörung betroffener ehemaliger Heimkinder vor dem Deutschen Bundestag;
  • eine Ausstellung über die Lebenssituation ehemaliger Heimkinder in den Heimen der Zeit von 1945 bis 1975 unter Berücksichtigung ihrer Lebenssituationen nach dem Heimaufenthalt;
  • die Anerkennung der moralischen Schuld des Staates an den Vorfällen in den Heimen während der besagten Zeit, die sich aus der Einweisungspraxis der Jugendämter und der mangelnden Heimaufsicht ergibt;
  • die Schaffung einer unabhängigen Heimaufsicht für alle heute existierenden Heimformen (auch der Altenpflegeeinrichtungen), um zu gewährleisten, dass vergleichbares Unrecht in Deutschland in Gegenwart und Zukunft nicht mehr geschehen kann.

Plattform für Überlebende

Der VEH e.V. bietet zugleich eine Plattform, die es Überlebenden erlauben soll, ihre eigenen Geschichten als Anhänge zur Homepage des Vereins zu veröffentlichen bzw. ihre bereits veröffentlichten Bücher zu bewerben. Aber auch Kurzgeschichten und Gedichte sollen auf der Homepage Platz finden. Ein Beispiel:

Verzichten, nein danke

Wir sollen verzichten, verzichten, verzichten. So wollen es Kirche und Staat! Und abermals wollen sie über uns richten. Das klingt wie Hohn, wie Spott und nach Verrat.

Kindheit und Jugend wurde uns gestohlen, wir waren rechtlos im Staat der Rechte. Sie taten es ganz unverhohlen, und hielten uns für ihre Knechte.

Entschädigung ist nicht angesagt, nur Almosen sollen wir bekommen. Und wem das alles nicht behagt, sei eine Klage unbenommen.

So geht viel Zeit über das Land, und weiter werden sie über uns richten, mit ihrer starken Pranke von Hand, bis unsere Reihen sich lichten.

An euren Taten werden wir euch messen, Ihr sollt euch schämen, ihr Ungeheuer. Wir lassen uns nicht mehr erpressen, noch lodert in uns ein stetig Feuer!

M. Zielke 20.01.2012

Die Internetseite des Vereins dient auch dazu, ehemalige Heimkinder (wieder) zu finden und ein den Vereinsmitgliedern vorbehaltenes Forum dient der Kommunikation untereinander.

Öffentlichkeitsarbeit

Der Verein ehemaliger Heimkinder hatte am 15. April 2010 vor allem in der „Freien Initiative ehemaliger Heimkinder“ die Demo in Berlin organisiert.
"Prügelnonne" auf der Heimkinder-Demo 2010 in Berlin
Dort waren alle Organisationen ehemaliger Heimkinder vertreten. Prof. Dr. Manfred Kappeler sprach bei der Kundgebung ebenso wie Betroffene aus BRD und der ehemaligen DDR. Dr. Kappeler unterstützt mit speziellen Gutachten die Anliegen aller ehemaligen Heimkinder in politischen und fachlichen Gremien, in den Medien, der Fachöffentlichkeit und tritt in der Jugendhilfe für eine kompromisslose Anerkennung ihrer Vergangenheitsschuld ein.

Auch auf verschiedenen kleineren, regionalen Demonstrationen bringt der VEH e.V. das Anliegen der Überlebenden in die Öffentlichkeit.

Außerdem bietet der Verein verschiedene Informationsplattformen an, auf denen sich ehemalige Heimkinder, Presseleute und allgemein Interessierte informieren können:

  • Die Homepage des Vereins [2]
  • Eine Blog mit aktuellen Nachrichten [3]
  • Eine Facebook-Seite mit diversen Gruppen und Untergruppen [4]

Daneben veröffentlicht der VEH e.V. regelmäßig Texte auf verschiedenen Internetportalen und vermittelt Kontakte von Ehemaligen zu regionaler und überregionaler Presse ebenso wie zu Radio und TV.

Mitgliedschaften und Kooperationen

Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V.

  • ist Mitglied in der europäischen Organisation EFPAC, [5]
  • arbeitet eng zusammen mit der Giordano-Bruno-Stiftung, [6]
  • der Fraktion DIE LINKE im Landschaftsverband Westfalen-Lippe [7] und
  • der Fraktion DIE LINKE im Bundestag [8]
  • der Piratenpartei in Schleswig-Holstein [9]

„Runder Tisch Heimerziehung der 50er und 60er Jahren“ (RTH)

Der VEH e.V., auf Grund dessen Petition der RTH überhaupt zustande gekommen war, wurde letztendlich von den Verhandlungen dort ausgegrenzt. Nachdem am Anfang drei Personen benannt wurden, die am Runden Tisch Heimerziehung der 50er und 60er Jahre kommissarisch teilnehmen sollten, wurden auf der nächsten Vollversammlung schließlich drei permanente Vertreterinnen am RTH gewählt. Doch schriftlicher Zusage von Antje Vollmer, ehemalige Pastorin, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags a.D. und Moderatorin des RTH zum Trotz, wurde den dann gewählten Frauen und dem Mann der Weg zum RTH versperrt.

Zeitgleich distanzierten sich die VEH-VertreterInnen am RTH vom Verein, traten auf Druck diverser Mitglieder des RTH aus dem Verein aus und lehnten vor allem - wie bereits die Moderatorin und die VertreterInnen der Täternachfolgeorganisationen vor ihnen - die Forderung ab, selbstbestimmte Rechtsvertreter auf Seiten der Überlebenden zuzulassen.

Im August 2009 scheiterte der Versuch, die neu gewählte Vertretung des Vereins mit Hilfe eines Gerichtsbeschlusses vor dem Kammergericht Berlin durchzusetzen. [10]

Allerdings merkten die ehemaligen VertreterInnen des VEH e.V. am Runden Tisch ziemlich bald, dass sie so ganz ohne rechtliche Vertretung ziemlich verloren darstanden, gestanden einige (grundlegende) Fehler ein und lancierten mehrere Papiere zur möglichen Entschädigung von Heimkindern, die in der Summe ziemlich genau in derselben Höhe lagen, wie die Initialforderungen des VEH e.V., nämlich um 50.000 Euro (eher mit Tendenz nach oben, siehe Lösungsvorschlag von Dr. Wiegand). [11]

Einsichtnahme in die Heimakten

In einer weiteren Petition an den Bundestag wurde eine Einsichtnahme in Heimakten ehemaliger Heimkinder gefordert, die allerdings mit 500 Unterschriften beendet wurde. [12]

Darin hieß es:
„Heimakten und dazugehörige Nebenakten müssen frei und kostenlos für ehemalige Heimkinder zugänglich sein. Diese Petition bezieht sich auf die Akten und Aufzeichnungen kommunaler und kirchlicher Heimträger. Das Recht auf Akteneinsicht darf nicht durch Aufbewahrungsfristen oder Vernichtung der Akten eingeschränkt werden. Hier weist der VEH e.V. bewusst auf die Eilbedürftigkeit hin, denn viele Akten werden vernichtet, obwohl die entsprechenden Personen eindeutig die Einsicht der Akte begehren.“

Zur Begründung wurde angegeben:

"Heimakten und die entsprechend dazugehörigen Nebenakten, Melde- oder Schulakten sind meistens die einzige Informationsquelle für ehemalige Heimkinder, aus der sie etwas aus ihrer Kindheit, und somit über sich selbst in Erfahrung bringen können. Hier verweist der VEH e.V. auf Artikel 2, (1) GG.[13]

Zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört das Wissen darüber, was in der Kindheit passiert ist, und was zur Unterbringung in einem Kinderheim geführt hat. Eine Verletzung der Rechte Dritter sieht der VEH e.V. nicht.

In Bezug auf die Vernichtung von Heimakten ist es für den VEH e.V. erstaunlich, wie viele Akten entweder vernichtet, nicht auffindbar, oder schlicht diversen Naturgewalten zum Opfer gefallen sein sollen. Hier verweist der VEH e.V. auf den § 6, Abs. 1 u. 2 des Bundesdatenschutzgesetz.

Nachvollziehbar ist, dass die Archivierung von Akten Platz braucht. Müssen aus diesem Grund Heimakten vernichtet werden, sollte dieses nach Meinung des VEH e.V. die Person entscheiden, über welche diese Akte geführt wurde. Der VEH e.V. schlägt vor, eine solche Heimakte an das entsprechende ehemalige Heimkind auszuhändigen. Bei Desinteresse sollte auf die Vernichtung der Akte hingewiesen werden, ehe diese tatsächlich erfolgt.

Heimakten, die sich im Besitz der Kirchen befinden, sind für ehemalige Heimkinder nahezu unerreichbar. In der einzigen Antwort auf diverse Nachfragen nach Akteneinsicht, die der VEH e.V. bislang erhielt, wurde unter anderem auf das Kirchenrecht hingewiesen. Das Kirchenrecht ist aber ein von den Religionsgemeinschaften selbst gesetztes internes Recht. Danach haben diese zwar das Recht, innere Angelegenheiten selbst zu klären, jedoch darf das Kirchenrecht hier nicht über dem Grundgesetz stehen."

Umkehr der Beweislast

In einer weiteren Petition an den Deutschen Bundestag wurde stellvertretend von einer Überlebenden deutscher Heimkinderhöllen die Umkehr der Beweislast gefordert.[14]

In der Petition heißt es: "Entschädigungen für den sexuellen Missbrauch und die Misshandlungen in den Schulen und Heimen staatlicher/kirchlicher Träger dürfen nicht auf Einzelfallentscheidungen beruhen, die dem Opfer alleine die Beweislast auferlegen. Viele aussagekräftige Akten sind für die Opfer unerreichbar und da keine andere Möglichkeit mehr besteht, die begangenen Straftaten nachzuweisen, muss eine entsprechende Umkehr der Beweislast gelten."

Selbst bei noch existierenden Unterlagen wird die Einsicht nach wie vor oftmals nicht gewährt. Begründet wird die Verweigerung der Einsichtnahme entweder mit dem Datenschutz, dem Schutz Dritter oder dem Kirchenrecht. Weiter werden teilweise extrem hohen Gebühren für die Einsichtnahme oder Nachforschungen erhoben. Viele Überlebende leben aber von Transferleistungen am Existenzminimum und haben große Schwierigkeiten, diese Gebühren aufzubringen.

Klar ist: mit der Vernichtung der Akten wird nicht nur ein Teil des Erlebten vernichtet. Die heute noch z.T. stark traumatisierten Opfer haben unter Umständen keine Möglichkeit mehr, das Erlebte aufzuarbeiten.

Medienberichte zeigen immer wieder, dass sich die Situation für die Überlebenden kaum ändert. Es kann nicht statthaft sein, dass Überlebende deutscher Heimkinderhöllen eine Kompensation des erlittenen Unrecht/stattgefundene sexuelle Gewalt per Einzelfallentscheidung erstreiten müssen, während ihre Beweise mit der Vernichtung ihrer Akten vernichtet werden. Eine Beweislastumkehr muss derart gestaltet sein, dass hierbei möglicherweise zurückgehaltene Akten nicht mehr zur Entlastung der Täterseite verwendet werden dürfen, denn eine solche Praxis steht rechtsstaatlichen Grundsätzen massiv entgegen.

Abschlussbericht "Runder Tisch Heimerziehung der 50er und 60er Jahre" (RTH)

Am 13. Dezember 2010 wurde der Abschlussbericht des RTH während einer großangelegten Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Der VEH e.V. reagierte empört auf bekannt gewordene Einzelheiten des Berichtes und auf das Zustandekommen des "einheitlichen" Abstimmungsergebnisses". Der VEH e.V. reklamierte in einer eigenen Pressekonferenz, dass:

  • der im Abschlussbericht vorgeschlagene Fonds (zu gründen von Bund, Ländern und den beiden großen Kirchen) mit 120 Millionen Euro auf keinen Fall ausreichend sei - rein rechnerisch ergebe das eine Summe von höchstens 1.000 bis 4.000 Euro pro Person;
  • eine "Entschädigung" an sehr detaillierte Einlassungen von Seiten der ehemaligen Heimkkinder geknüpft sei;
  • den ehemaligen Heimkindern in großen Teilen ihrer Schilderungen NICHT gefolgt wurde - obwohl am RTH immer wieder betont wurde, dass die Schilderungen der Ehemaligen glaubhaft seien;
  • ehemalige Heimkinder mit Behinderungen erst gar nicht berücksichtigt worden seien;
  • ehemalige Heimkinder aus der Ex-DDR ebenso wenig berücksichtigt wurden;
  • das Zeitfenster (50er und 60er Jahre) eindeutig zu klein sei;
  • großer Druck auf die HeimkindervertreterInnen bei der Abstimmung ausgeübt wurde, um hier eine Einstimmigkeit herzustellen;
  • die Stimme eines Vertreters, der ausdrücklich mit NEIN abgestimmt hatte, wurde gar nicht erst gezählt.

VertreterInnen des VEH e.V. empfinden dies als einen ungeheuerlichen Vorgang und mit Sicherheit einer Demokratie nicht würdig.

Auch Manfred Kappeler empfand diesen Abschlussbericht als äußerst grenzwertig und ging nur wenige Tage nach dem Erscheinen desselben mit einer scharfen Kritik an die Öffentlichkeit. M. Kappeler: [15]

"Sie waren mit Vertrauen in die vorbehaltlose Aufklärung der Heimerziehung und ihrer Folgen für die ihr ausgelieferten Kinder und Jugendlichen und mit der Erwartung einer ihnen gerecht werdenden Rehabilitation und Entschädigung in dieses Gremium gegangen und mussten erleben, dass sie von den meisten anderen Mitgliedern herablassend und wie „Klienten“ behandelt wurden, deren substantielle Anliegen nicht akzeptierte wurden. Sie wurden nicht gehört, sondern angehört, wie Zeugen vor einem Untersuchungsausschuss. Alle sechs Ehemaligen am RTH, die drei Mitglieder und ihre drei Vertreter (diese mit einem bloßen Anwesenheitsrecht, d.h. ohne Rede- und Stimmrecht wenn die Vollmitglieder anwesend waren – nur in der letzten Sitzung durften sie reden und abstimmen), haben mir diese demütigende Erfahrung, die sie an ihre Kindheit in den Heimen erinnerte, wiederholt berichtet.

Im Abschlußbericht wird diese Forderung (nach Entschädigung bzw. Opferrente) mit der Begründung abgelehnt, dass die Heimerziehung ein System gewesen sei, in dem Unrecht geschah, ein Unrechtssystem sei sie aber nicht gewesen. Aus diesem Grunde könne die Forderung der ehemaligen Heimkinder am RTH nach einer Opferrente bzw. einer entsprechenden Einmalzahlung nicht akzeptiert werden. Diese Ablehnung wurde im Entwurf der Geschäftsstelle für den AB damit begründet, dass das Unrecht in der Heimerziehung nicht gesetzlich intendiert gewesen sei, dass es von Menschen ausgeübt wurde und einzelne Heime gezeigt hätten, dass auch eine andere, dem Wohl der Kinder und Jugendlichen dienende Praxis möglich gewesen sei.

In der öffentlichen Debatte wurde in diesem Zusammenhang gelegentlich eine pauschale Entschädigung für alle Heimkinder gefordert. Betroffene müssten dabei nur nachweisen oder glaubhaft machen, dass sie in einem Heim untergebracht waren. Eine solche pauschale Lösung wäre aber nur dann denkbar, wenn auch eine pauschale Bewertung der damaligen Heimerziehung generell als Unrechtstatbestand vorliegen würde. Die Heimerziehung an sich müsste dabei als grundsätzliches Unrecht verstanden werden. Der Runde Tisch kommt in seiner Bewertung jedoch zu der Einschätzung, dass eine solche pauschale Qualifizierung der Heimerziehung als generelles Unrecht nicht angemessen und möglich ist (vgl. oben). Damit sind pauschale Entschädigungsleistungen allein aufgrund der Tatsache, dass ein Heimaufenthalt stattgefunden hat, nicht realisierbar."

Diese Passagen zeigen das Ausmaß der Missachtung der Forderungen/Lösungsvorschläge der Ehemaligen am RTH. Bei der „Prüfung von Lösungswegen und Lösungsvorschlägen“ wird nicht auf diese konkreten Vorschläge eingegangen, sondern auf „in der öffentlichen Debatte in diesem Zusammenhang gelegentlich“ erhobene Forderungen. Diese werden mit absurden Argumenten, die in Wirklichkeit den Forderungen der ehemaligen Heimkinder am RTH gelten, zurückgewiesen."[16]

Der "Hilfsfonds Heimerziehung West"

Aus einer Übereinkunft von Bund, westdeutschen Bundesländern und Kirchen (Errichter des Fonds "Heimerziehung West") ist der Fonds „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“ hervorgegangen, der zum 1. Januar 2012 errichtet wurde.

In den Hilfsfonds wurden 120 Millionen Euro eingezahlt, je zu einem Viertel vom Bund, den Ländern, der katholischen und der evangelischen Kirche. 20 Millionen Euro wurden sofort für die Bereitstellung, Organisation und Aufrechterhaltung der Anlauf- und Beratungsstellen für ehemalige Heimkinder abgezweigt, die in allen westdeutschen Bundesländern eingerichtet wurden.

An diese Stellen konnten sich innerhalb einer zweijährigen Frist Ehemalige wenden, um Hilfen zu beantragen. Die Hilfen waren freiwillige Leistungen der Einrichter, ein Rechtsanspruch seitens der ehemaligen Heimkinder bestand nicht. Die Leistungen waren gegliedert in zwei Kategorien:

  • Rentenersatzleistungen

Ehemalige Heimkinder, die nach Vollendung des 14. Lebensjahres im Heim arbeiten mussten und für die keine Lohnersatzleistungen gezahlt worden waren, bekamen eine Einmalzahlung von 300 Euro pro Monat geleisteter Arbeit (im Höchstfall bei sieben Jahren Arbeit im Heim also 25.200 Euro).

  • Sachleistungen

Auf Antrag konnten Sachleistungen bis zu 10.000 Euro gewährt werden, sofern diese geeignet waren, Folgeschäden der Heimerziehung zu mildern. Die Sachleistungen wurden im wesentlichen für folgende Bereiche gewährt:

  • Gesundheit (z.B. Therapie, Kur, Urlaub, Hilfsgeräte)
  • Kommunikation (z.B. Telefon, Handy, PC)
  • Mobilität (z.B. Fahrrad, E-Fahrrad, Auto, Jahreskarte öffentliche Verkehrsmittel)
  • Wohnen (z.B. Wohnungsrenovierung, altersgerechte Umbauten, Möbel)

Alle Sachleistungen mussten begründet werden, die Begründungen wurden einer "Schlüssigkeitsprüfung" unterzogen. Viele ehemalige Heimkinder fühlten sich durch das Vorgehen (Antrag, Begründung, Erbringung eines Kostenvoranschlages, Einreichung der bezahlten Rechnung nach Abschluss des Kaufes bzw. Bezahlung vom Fonds direkt an den Verkäufer/Lieferanten/Handwerker bevormundet und gedemütigt.

Bis zum Abschluss der Meldefrist (31.12.2014) hatten sich lediglich ca. 4% der geschätzten noch lebenden Ehemaligen bei einer Anlauf- und Beratungsstelle gemeldet, dennoch musste der Fonds, um allen Anträgen gerecht zu werden, um weitere 182 Millionen Euro aufgestockt werden.

Viele ehemalige Heimkinder hatten sich nicht rechtzeitig beim Fonds gemeldet - sei es aus Scham, aus Angst, Misstrauen, auf Grund von erlittenen Traumata oder schlicht, weil sie innerhalb der Frist nicht von dem Fonds erfahren hatten.

Der "Hilfsfonds Heimerziehung in der DDR"

"Die Angebote des Fonds „Heimerziehung in der DDR“ richteten sich unabhängig von der Trägerschaft der Heimeinrichtung an ehemalige DDR-Heimkinder, die in den Jahren 1949 bis 1990 in einem Heim der Jugendhilfe oder einem Dauerheim für Säuglinge und Kleinkinder untergebracht waren und denen Unrecht und Leid zugefügt wurde, an dessen Folgeschäden sie heute noch leiden.

Ausgleichszahlungen werden gewährt, soweit für erbrachte Arbeitsleistungen während des Heimaufenthalts keine Beiträge in die Sozialversicherung der DDR gezahlt wurden oder geleistete Beiträge durch die Rentenversicherung nicht anerkannt wurden und es deshalb in Folge zu einer Minderung von Rentenansprüchen kommt." [17]

Obwohl der "Hilfsfond Heimerziehung in der DDR" erst am 01.07.2012 (also sieben Monate nach dem "Hilfsfonds Heimerziehung West") eingerichtet wurde, endete die Meldefrist bereits am 30.09.2014.

Leistungen und Vorgehen des Fonds "Heimerziehung in der DDR" waren im Übrigen mit denen des Hilfsfonds West identisch. Der Fonds, ursprünglich von Bund und Ländern mit 40 Millionen Euro bestückt, wurde auf bis zu 364 Millionen Euro aufgestockt.

In den neuen Bundesländern meldeten sich bis zum Ende der Frist ca. 10% der Betroffenen, um Hilfsgelder und Rentenersatzleistungen in Anspruch zu nehmen. Auch hier blieben viele Menschen außen vor, die von dem Fonds entweder nichts gehört hatten, denen keine Beweise für ihre Heimunterbringung vorlagen oder die sich auf Grund von Scham, Traumatisierungen und Ängsten nicht hatten rechtzeitig melden können.

Vom Fonds Ost und West ausgeschlossen

Gänzlich ausgeschlossen von Inanspruchnahme der Fonds blieben folgende Gruppen:

  • Ehemalige Heimkinder aus Einrichtungen der "Behindertenhilfe". Diese Gruppe - egal ob tatsächlich in irgendeiner Form "behindert" oder nicht - blieb gänzlich außen vor - der Fonds erklärte sich für nicht zuständig.
  • Ehemalige Heimkinder in Psychiatrien. Auch für diese Gruppe, in psychiatrische Anstalten gezwungen, dort oft jahrelang misshandelt und ausgebeutet, erklärte sich der Fonds für nicht zuständig.

Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. sieht hier einen klaren Bruch des Grundgesetzes, heißt es doch in Artikel 3, Absatz 3 sehr deutlich: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." [18]

  • Heimzeiten (West) nach 1975. Als sei 1975 ein Wunder geschehen, endet der Zeitraum der Heimerziehung, für den Hilfsleistungen in Anspruch genommen werden können, mit dem Jahr 1975. Ungeachtet des Leides und der danach geleisteten Zwangsarbeit, gibt es für Ehemalige, die ihre Heimzeit komplett oder teilweise nach 1975 durchleben mussten, keine Möglichkeiten, vom Fonds West zu partizipieren.
  • Kinderarbeit. Unzählige Kinder schufteten in den Heimen vor ihrem 14. Lebensjahr. Oftmals bereits ab dem 6. Lebensjahr waren sie gezwungen, neben, vor, nach oder anstatt der Schule zu arbeiten. In heim-eigenen Wirtschaftsbetrieben, in Gärten, in der Landwirtschaft, in der Pflege. Wohl weil Kinderarbeit auch in den 40er, 50er, 60er und 70er Jahren illegal war und für illegale Arbeit selbstverständlich keine Sozialabgaben gezahlt wurden, bleibt diese denn auch im Rahmen des Fonds unbedacht.

Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. fordert daher eine (nachträgliche) Einbeziehung dieser Gruppen in die Leistungen des Fonds.

Entfristung des Fonds

Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. fordert kategorisch eine Entfristung des Fonds Ost wie West, damit die Ehemaligen, die - aus welchen Gründen auch immer - sich nicht innerhalb der vorgegebenen Fristen melden konnten, Hilfsleistungen in Anspruch nehmen können. Nach Meinung des Vereins kann es nicht sein, dass nach dem Motto "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" vorgegangen wird.

Einbeziehung der Pharma-Industrie

In Kinder- und Jugendheimen und sogar in Säuglingsheimen (!) wurden den Schutzbefohlenen Medikamente verabreicht, die nicht der Genesung, sondern der Ruhigstellung der Säuglinge, Kinder und Jugendlichen dienten. Diese gängige Praxis hat die Gesundheit vieler Ehemaliger ruiniert und sie leiden besonders im Alter unter starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Der Verein fordert daher die Pharma-Industrie auf, sich ihrer Verantwortung zu stellen, sich an dem (entfristeten!) Fonds zu beteiligen und die gezahlten oder noch zu zahlenden Beträge für die Betroffenen deutlich zu erhöhen!

Jedoch sieht der Verein den Fonds lediglich als Interimslösung an - gefordert wird nach wie vor eine Entschädigung, da nur auf eine solche ein Rechtsanspruch bestehe und diese gegebenenfalls auch einklagbar sei. Außerdem könne es nicht angehen, "dass ehemalige Heimkinder wieder einmal als Bittsteller behandelt und gedemütigt werden und Rechenschaft über die ihnen zugesprochenen Sachleistungen abzulegen haben. Darüber hinaus muss eine Entschädigung deutlich höher angesetzt werden, wie die Rentenersatzleistungen und die Sachleistungen des Fonds", so Dirk Friedrich, Sprecher des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V.

Die Forderung nach dem Bedingungslosen GrundEinkommen (BGE)

Auf seiner Mitgliederversammlung im Juni 2016 beschloss der Verein, die Forderung nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen konsequent zu unterstützen. Begründet wird dies unter anderem wie folgt:

  • mehr Autonomie für Unternehmerinnen und Unternehmer durch deren Befreiung von der Verantwortung als „Arbeitgeber“,
  • mehr Autonomie für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch die grundsätzliche Möglichkeit der Nicht-Erwerbstätigkeit bzw. einer sinnvollen Tätigkeit außerhalb der Erwerbsarbeit,
  • mehr Autonomie für alle durch die Sicherung von Existenz und einer Beteiligung am gesellschaftlichen Leben ohne Wenn und Aber,
  • größere Unabhängigkeit bei der Suche nach einem Erwerbseinkommen,
  • größere Verteilungsgerechtigkeit,
  • Anreiz zu größerer Wertschöpfung und zu Rationalisierung,
  • Flexibilität des Arbeitsmarktes,
  • größere Effizienz des Sozialstaates,
  • Wahrung der Würde aller Menschen und die Beseitigung von Stigmatisierungen vor allem bei den gegenwärtig Erwerbslosen und Sozialhilfebeziehern,
  • Humanisierung der Arbeit,
  • Förderung der Bildung,
  • Stärkung der Familien,
  • Förderung von Existenzgründungen wie auch von ehrenamtlichen Tätigkeiten,
  • Förderung von Kreativitätspotenzialen durch die Möglichkeit der Muße

und vieles mehr. [19]

Warum fordern gerade ehemalige Heimkinder ein Grundeinkommen?

Ehemalige Heimkinder leben wegen ihrer zerstörten Biografien häufig am Rande des Existenzminimums. Um überhaupt "über die Runde" zu kommen, müssen sie dementsprechend häufig Transferleistungen des Staates in Anspruch nehmen. Diese Gelder werden jedoch nur mit Anträgen, Vorlegen von Beweisen (der Armut), ständigen Kontrollen und "Ermahnungen" der Behörden bewilligt. Ehemalige Heimkinder kennen diese Bevormundungen und Demütigungen nur allzu gut aus ihrer Kindheit und Jugend, sie fühlen sich erneut gegängelt und in den Schrecken ihrer frühen Jahre zurückversetzt. Das hat für sie oftmals schwerwiegende Konsequenzen: Sie werden retraumatisiert, ihre Gesundheit und Lebensfreude leidet stark unter dem ständigen Druck.

Autobiografische Berichte ehemalige Heimkinder

Siehe auch

Ausgewählte Literatur

Weblinks

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