Literatur 2015 –

Prof. Dr. Jügen Eilert, Prof. Dr. Jan Bruckermann, Dr. Burkhard Wiebel
Operationalisierbarkeit des Eigenstandsschadens. Begründung von Schadensersatzpglichten durch Verletzung von Art. 1I und Art. 2I GG.
Aus der Einleitung:
„Die nachstehende Darstellung ist das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit eines Juristen mit einem Neurowissenschaftler und einem Psychologen: erstmalig wird ein deliktischer Anspruch dem Grunde nach auf Schadensersatz und Schmerzensgeld na §§ 823, 826 BGB im Falle systembedingter dauerhafter Rechtsverletzungen begründet. Erfasst werden vor allem neurologische und psychologische Wirkungen, die sich aus der Verletzung von Art. 1 I, 2I GG begründen. Daran wird der neue Rechtsbegriff des Eigenstandschadens begründet.
Die Funktion dieses neuen Begriffes besteht in
A.
dem Vergleich aktueller neurologischer und psychologischer Erkenntnisse von dauerhaften Gewaltzufügungen gegen junge Menschen bei staatlichem Kontrollversagen, hier dem Heimsystem der 50er bis 70er Jahre, mit der Zielsetzung des Grundgesetzes,
B.
der juristischen Befründung von Schadensersatzansprüchen aus dauerhafter Zufügung psychischer Gewalt bei staatlichem Kontrollversagen,
C.
der Begründung eines neuen Bewusstseins sowohl in Literatur und Rechtsprechung als auch in der Politik für das Ausmaß der Beeinträchtigungen Erwachsener als Folge von frühkindlichen und kindlichen Misshandlungen,
D.
der Erkenntnis der Notwendigkeit einer Änderung geltender zivilrechtlicher Verjährungsregelungen aufgrund der zeitlichen Diskrepanz zwischen Ursächlichkeit und Manifestation der unter A. genannten Schäden.
Verknüpft sind die Ausführungen mit den individuellen Folgen der Unterbringungen im Heimkindersystem der 50er bis 70er Jahre. Als Besonderheit ist die die Manifestierung der Schäden erst Jahrzehnte nach den in den Unterbringungen erlittenen Handlungen zu benennen. Das existierende Opferentschädigungsgesetz (OEG) billigt nur einen geringen Rentenanspruch zu, es erfordert dazu auch eine Beweisführung durch den Antragsteller. Die bislang bestehende Lücke von Schadensersatz und Schmerzensgeld gegenüber der Rentenzahlung des OEG wird hiermit geschlossen. In diesem Zusammenhang bewerten die Autoren auch die Frage der Verjährung neu.“

in: Sozialrecht aktuell,
Zeitschrift für Sozialberatung, 4/2019,
S. 125 – 168

Christoph Beyer
Heimzahlung. Kriminalroman
Eine Gasexplosion erschüttert den Osnabrücker Stadtteil Sutthausen. Das Opfer: der ehemalige Kinderheimzögling Armin Sommer. Hauptkommissar Richard Fürst tippt zunächst auf Suizid, doch brisante Dokumente enthüllen, dass der Verstorbene mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrechern auf der Spur war. Gemeinsam mit dem jungen Wissenschaftler Jonathan Bach setzt sich Fürst auf die Fährte dieser Männer. Als ein kaltblütiger Mord geschieht, beginnt ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit.
Gmeiner-Verlag GmbH, 2015
ISBN 978-3-8392-1742-9

Kay Biesel / Felix Brandhorst / Regina Rätz / Hans-Ullrich Krause
Deutschland schützt seine Kinder! Eine Streitschrift zum Kinderschutz
Versagt der Kinderschutz in Deutschland tatsächlich mit »grausamer Regelmäßigkeit«, wie in populären Debattenbeiträgen oftmals behauptet wird? Wie ist das deutsche Kinderschutzsystem überhaupt aufgebaut?
Und: Wo liegen seine Stärken, wo seine Schwächen?
Diese Streitschrift setzt sich kritisch mit der These vom »Systemversagen« im Kinderschutz auseinander und berichtet über seine Fehler, aber auch über seine Erfolge. Es erklärt Statistiken, geht auf Skandale ein und bezieht Stellung zum gegenwärtigen Zustand des deutschen Kinderschutzsystems. Entgegen den reißerischen Behauptungen, die die öffentliche Debatte prägen, wird dabei eins deutlich: Deutschland schützt seine Kinder sehr wohl, auch wenn es noch besser darin werden muss. Das Buch leistet damit nicht weniger als eine dringend notwendige Versachlichung einer Debatte, die unsere Gesellschaft umtreibt.
Transcript-Verlag, 2019
ISBN: 978-3-8376-4248-3

Richard Brox
Kein Dach über dem Leben
Er wurde 1964 in Mannheim geboren. Er kam früh, mit fünf, in das erste Heim und durchlief danach eine „Heimkarriere“, flüchtete vor sexuellen Übergriffen, verweigerte die Schule, galt als schwererziehbar. Nach einem Drogenentzug Mitte der 80er Jahre verbrachte er 30 Jahre auf der Straße. Derzeit lebt er in Köln.
Dirk Kästel ist Journalist sowie Gründer und Vorstandsvorsitzender des Vereins kunst hilft geben für Arme und Wohnungslose in Köln e.V.
Rowohlt, 2017

Norbert Denef
Alles muss raus. Ein dokumentarischer Rückblick der Öffentlichkeitsarbeit von  zum Thema sexualisierte Gewalt 1994 bis 2015.
Aus dem Vorwort:
Das vorliegende Buch „Alles muss raus“ beschreibt meinen Weg in der Öffentlichkeit seit 1994. Hinter den Kulissen spielen sich oft Dinge ab, die der Zuschauer nicht mitbekommt. Ich beschreibe unter anderem wie ich zwei Jahre lang brauchte, bis ‘DER SPIEGEL‘ meine Geschichte am 5. Dezember 2005 veröffentlichte.
Was ich vor und nach den Fernsehsendungen „Nachtcafé“, „Unter uns“, „Menschen bei Maischberger“, „Johannes B. Kerner“ oder „Hart aber fair“ erlebte, könnte von allgemeinem Interesse sein.
Ich beschreibe was hinter den Kulissen bei meiner Rede beim Bundesparteitag der SPD ablief, im Dezember 2011, wo sich danach alle Delegierten eindeutig für die Aufhebung der Verjährungsfristen bei sexualisierter Gewalt ausgesprochen haben.
Beim Parteitag der Grünen im Jahr 2012 wurde ich von der Bühne geschmissen. Während der 46 Tage meines Hungerstreiks haben sich viele Dinge im Verborgenen abgespielt. Dies und vieles mehr beschreibe ich in den folgenden Kapiteln.
2015

Christian Füller
Die Revolution missbraucht ihre Kinder
Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen

Kindesmissbrauch als Befreiung getarnt: über die geistigen Wurzeln von sexueller Gewalt in Reformbewegungen.
Seit die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule bekannt wurden, ist das Vertrauen erschüttert: Wie konnte die Erziehung zu freien Menschen in schwerste Verletzungen der Menschenwürde münden?
Christian Füller hat Dokumente und Zusammenhänge recherchiert, die den sexuellen Missbrauch Minderjähriger im Licht einer langen Tradition erscheinen lassen. Vom Wandervogel über die Reformpädagogik (mit der Berufung auf die griechische Antike) und die „sexuelle Befreiung“ der 68er lässt sich bis in unsere Tage, wo das Internet eine neue Gefahr darstellt, verfolgen, wie Pädosexuelle immer wieder Schutzraum und Rechtfertigung für Übergriffe auf Kinder und Jugendliche suchten und fanden.
Füller liefert eine materialreiche und differenzierte Betrachtung, damit wichtige Reformansätze nicht wegen krimineller Trittbrettfahrer in Misskredit geraten.
Hanser Verlag, 2015
ISBN 978-3-446-24726-0
ISBN 978-3-446-24968-4

Anke Gebert
Aussortiert: Kind 351
Der Roman „Aussortiert: Kind 351 “ beschreibt nach einer wahren Begebenheit die Geschichte eines Mannes, der seine Kindheit und Jugend in einem katholischen Kinderheim verbracht hat und nun – als Erwachsener – von dieser Vergangenheit eingeholt wird.
Der Roman erzählt einen Teil unbekannter deutscher Geschichte – verbunden mit einem emotionalen Beziehungsdrama.
Tredition, 2019
ISBN: 978-3-7482-4403-5

Giordano-Bruno-Stiftung
Die Legende vom christlichen Abendland
Deutsche Politiker (insbesondere der C-Parteien, aber auch der SPD und der Grünen) sprechen gerne von den sogenannten „christlichen Werten“, denen das heutige Europa angeblich so viel zu verdanken habe.
Tatsächlich jedoch steht die populäre Rede vom „christlichen Abendland“ (aktuell wieder strapaziert in der Debatte um die „Ehe für alle“) im scharfen Kontrast zu den Fakten der europäischen Geschichte, wie eine unlängst in deutscher und englischer Sprache erschienene Broschüre der Giordano-Bruno-Stiftung aufzeigt.
2015

Clemens Maria Heymkind
Autobiografische Erzählung eines Heimkindes
Erschütternd, schonungslos und berührend – das ist die Lektüre des Buches „Verloren im Niemandsland“. Der Autor wird in den 60er und 70er Jahren zusammen mit seiner Zwillingsschwester vom Säuglingsalter an zwischen Krippen und Heimen hin- und hergeschoben wie ein Stück Ware. Er landet schließlich in einem katholischen Kinderheim in einer bayerischen Kleinstadt, wo er seelisch gequält, sexuell missbraucht und körperlich schwer misshandelt wird. Es ist ein Schicksal, wie es geschätzte 1,2 Millionen Betroffene in deutschen Heimen zwischen 1949 und 1975 erlitten haben, doch in der Intensität der Darstellung ist es solitär.
Die autobiografische Erzählung lässt erahnen, wie schwierig es für die Opfer ist, ihre Vergangenheit zu bewältigen. Letztlich gelingt dem Autor der Schritt heraus aus dem Grauen, hinein in ein besseres Leben. Auf eine Entschuldigung der Täter wartet er bis heute.
Das Vorwort stammt aus der Feder von Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.
Prof. Dr. Fegert ist u.a. ständiges Mitglied des Beirats des Unabhängigen Beauftragten (Herrn Rörig) zu Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.
Rombach, 2018
ISBN: 9783793051275

Andreas Huber
Wenn eine Kinderseele weint
In Zeiten, in denen das Thema „Missbrauch“ mehr und mehr die Öffentlichkeit erreicht, legt der aus Wien stammende Autor Andreas Huber nun einen Roman vor, der unterschiedliche Facetten körperlicher und seelischer Gewalt- und Missbrauchserfahrungen beschreibt.
Huber, selbst ein Betroffener des in Österreich aufgedeckten Heimkinderskandals der Nachkriegszeit, verarbeitet anhand seines Protagonisten Georg eigene Traumta, die ihn durch Kindheit und Jugend begleiten. Erst im Nachhinein wird ihm bewusst, wie sehr er als Kind mafiösen Strukturen ausgesetzt ist, die bis in die Gegenwart Bestand haben. Denn der Missbrauch an Heimzöglingen, so eine Kernaussage des Buches „Wenn eine Kinderseele weint“, war bekannt und wurde von Kirche und Staat vertuscht. Mit seinem Roman untermauert Huber, dass es den Opfern nicht um finanzielle Entschädigung geht, sondern um die Anerkennung ihres Leids. Er wünscht sich ein stärkeres öffentliches Bewusstsein und eine gesellschaftliche Diskussion: „Was in uns wehrlosen Kindern zerstört wurde, hat enorme seelische Schäden zurückgelassen. Angstzustände, Schlaflosigkeit und Beziehungsprobleme sind nur ein Teil dessen, was unsere Psyche martert und uns ein ganzes Leben erhalten bleibt. Ein normales Leben ist nicht mehr möglich.“
Von einem normalen Leben weit entfernt ist auch die junge Anna, der Georg begegnet und auf die sich im weiteren Verlauf der Romanhandlung der Schwerpunkt in der Beschreibung von Missbrauch und den Folgen legt. Als eine Art „sexuelle Biographie“ zeichnet das Buch das Leben des jungen Mädchens nach, das, gerade erst von zu Hause fort, Anfang der 70er Jahre eine Ausbildung in den österreichischen Alpen beginnt und ihre erwachende Sexualität und Lust entdeckt. Dass diese aus der Lieblosigkeit und Tyrannei des Vaters resultiert, erklärt sich ihr nicht. Auch Annas Seele wurde als Kind massiv Schaden zugefügt.
Nicht nur Spaß am Sexuellen und eine tiefgehende Befriedigung werden ihr Antrieb, sondern immer mehr der Drang nach Begehrt-Werden, Akzeptanz und Nähe. So ist es nur vordergründig das nächste schnelle Abenteuer, was sie reizt, sondern der Sex nur Mittel zum Zweck, gleichwohl jedoch suchtartig und zwanghaft. Letztendlich macht sie sich jedoch selber damit nur unglücklich, und es braucht Jahrzehnte, bis sie merkt, dass sie nicht etwa einen schlechten Charakter hat und einfach nur ein „billiges Flittchen“ ist, sondern an einer psychischen Krankheit leidet, die als „histrionische Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert wird und den Betroffenen nur wenig Hoffnung auf Heilung gibt.
Andreas Hubers Buch ist nicht nur „schwere Kost“, sondern verdeutlicht, dass ein Weiterleben möglich ist und Betroffene es schaffen können – zurück ins Leben zu finden und das Leben zu gestalten!
Frankfurter Literaturverlag, 2017
ISBN-10: 3837220737
ISBN-13: 978-3837220735

Anja Röhl
Das Elend der Verschickungskinder
Kindererholungsheime als Orte der Gewalt

Zwischen den 1950er und 1990er Jahren wurden in Westdeutschland zwischen acht und zwölf Millionen Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren auf kinderärztliches Anraten und auf Kosten der Krankenkassen ohne Eltern zur »Erholung« verschickt. Während der meist sechswöchigen Aufenthalte an der See, im Mittelgebirgsraum oder im Hochgebirge sollten die Kinder »aufgepäppelt« werden. Tatsächlich erlebten sie dort jedoch oft Unfassbares: Die institutionelle Gewalt, die sich hinter verschlossenen Türen ereignete, reichte von Demütigungen über physische Gewalt bis hin zu sexuellem Missbrauch. Betroffene leiden noch heute an den Folgen der erlittenen Traumata.
Anja Röhl gibt den Verschickungskindern eine Stimme und möchte die Träger ehemaliger Verschickungsheime in die Verantwortung nehmen. Sie zeigt, welches System hinter den Kinderkuren stand, und geht möglichen Ursachen für die dort herrschende Gewalt nach. Das Buch ist ein erster großer Schritt zur Aufarbeitung eines bisher unerforschten Bereichs westdeutscher Nachkriegsgeschichte und zur Anerkennung des Leids Betroffener.
„Endlich! Anja Röhl hat ein erstes Grundlagenbuch über die gigantische Verdrängung einer kollektiven Traumatisierung von Millionen von Kindern durch Verschickungen geschrieben. Dank ihrer Beharrlichkeit und dem Mut zahlloser Betroffener beginnt nun die so notwendige Aufarbeitung.“ Karl-Heinz Brisch
Psychosozial-Verlag, 2021
ISBN-13: 978-3-8379-3053-5
https://doi.org/10.30820/9783837977646

Dr. Sylvia Wagner
Arzneimittelversuche an Heimkindern zwischen 1949 und 1975

Die Autorin, Dr. Sylvia Wagner, gibt einen Rückblick auf die Heime der noch relativ jungen Bundesrepublik und beschreibt sie als in sich geschlossene Systeme, als „totale Institutionen“, als einen „anderen Ort“. Die Heime dienten der „Verwahrung“ und Disziplinierung“ von „verwahrlosten“ Kindern und Jugendlichen.
Totale Institutionen verfolgen nur scheinbar gesellschaftlich gebilligte Ziele wie Erziehung, Ausbildung, medizinische oder psychiatrische Behandlung oder religiöse Reinigung. Der eigentliche, versteckte Zweck solcher Institutionen ist jedoch die Überwachung einer großen Zahl von Menschen.
Um diese Ziele möglichst reibungslos, kosten- und personalsparend zu erreichen, müssen die „Insassen“ der totalen Institution durch psychische, physische und sexuelle Gewalt angepasst werden. Hinzu kommt eine weitere Gewalt, denen die Kinder und Jugendliche ausgesetzt waren: die medikamentöse Gewalt.
Die Pharmaziehistorikerin Sylvia Wagner setzt genau hier an: Akribisch untersuchte sie welche Arzneimittel zu welchem Zweck eingesetzt wurden, beschreibt die Entwicklung und die Wirkungsweisen derselben. Ihre Recherchen ergaben, dass es über die bekannte (und im Abschlussbericht des „Runden Tisches Heimerziehung“ erwähnte) Arzneimittelprüfung im Heim Neu-Düsselthal weitere Prüfungen an Heimkindern in den Jahren 1949 bis 1975 gegeben hat. Auf elf weitere Prüfungen mit Neuroleptika und zwei Prüfungen mit Medikamenten anderer Gruppen geht sie in ihrem Buch näher ein, erläutert aber auch, dass eine „systematische Suche nach Neuroleptika-Publikationen (in denen Forscher ihre Ergebnisse veröffentlichen, HD) (…) sich schwierig (gestalte), da diese in der biomedizischen Datenbank medline nicht komplett einheitlich verschlagwortet sind. Darüber hinaus wurden nicht sämtliche im Untersuchungszeitraum durchgeführten Prüfungen publiziert“ und geht davon aus, „dass es neben den hier aufgeführten noch weitere Arzneimittelprüfungen mit Neuroleptika gab.“
Sehr zu Recht beschreibt sie ein „bedrückendes Bild, das sich aus einer medizinisch nicht indizierten Ruhigstellung von Kindern und Jugendlichen zum Teil über Jahre und mit deutlich erhöhten Psychopharmaka-Dosen, der Anwendung triebdämpfender Mittel und der Nutzung von Heimkindern für Arzneimittelprüfungen zusammensetzt.
Die dergestalt behandelten Kinder und Jugendlichen wurden zu Objekten medizinischer Forschung unter Missachtung rechtlicher und ethischer Bestimmungen, einem möglichst reibungslosen und kostengünstigen Ablauf des Heimalltages untergeordnet. Möglich war dies auf Grund eines in den damaligen Jahren zweifellos virulenten eugenischen Verständnisses. Eine zusätzliche wissenschaftliche Legitimation bekam der umfangreiche Einsatz von Neuroleptika durch die Arzneimittelprüfungen.
Erschreckend und deprimierend ist für mich persönlich die Sprache, derer sich die Mediziner teilweise bedienten: So schrieben sie von „Krankengut“ oder „Patientengut“, diskutierten die „systematische Durschsuchung“ der Hirne von Verstorbenen, die lange unter Neuroleptika gestanden hatten – auch wenn nicht bekannt wurde, ob es dazu kam. Ebenso erschütternd finde ich die Art der „Diagnosen“ ihrer jungen Patient*innen: es dominieren schwammige, schwer greifbare Beschreibungen (feindlich, einsilbig, stammt aus zerrütteter Familie, körperliches Befinden mangelhaft, verdrießlich). Zwar dozieren die Autoren verschiedener Publikationen über Prüfungen häufig über „Schwachsinn“, aber es wird kaum ein eindeutiges Krankheitsbild beschrieben, auf das ein bestimmtes Medikament anzuwenden sei. Vielmehr wird Bezug genommen auf eine Auflistung von Merkmalen: Indolent Passive, faule Genießer, sture Eigensinnige, kopflos Widerstrebende, ständig Erstaunte, verstockte Duckmäuser, heimtückische Schlaue, treuherzig Aufdringliche, selbstsichere Besserwisser, prahlerische Großsprecher, chronisch Beleidigte, aggressive Losschimpfer.
Deutlich wird hierbei, dass die jungen und jugendlichen Heimkinder Pharmaka bekamen, um sich (als „Neue“) besser in die Gruppe zu integrieren, um ruhig gestellt zu werden (so sollten sie die Nachtruhe nicht stören), um einen Mangel an Anpassungsfähigkeit, Disziplin, Reizbarkeit und Konzentration zu überwinden.
Schwer zu ertragen die Beschreibungen des Lebensweges einiger junger Heimkinder, die Veränderungen durch die teilweise über Jahre gegebenen Medikamente, die bitteren weil aussichtslosen „Karrieren“ die Sylvia Wagner beschreibt: Säuglingsheim, Kinderheim, Heim für Kinder mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen, Aufbewahrung in der Psychiatrie.
Die Arzneimittelversuche fanden keineswegs in einem rechtsfreien Raum statt. Zu berücksichtigen wären gewesen die „Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche“ von 1931, das Strafgesetzbuch sowie das Grundgesetz der BRD. Demnach hätten die Versuche nur nach einer Einwilligung mit vorheriger Aufklärung der Betroffenen bzw. der Eltern oder gesetzlichen Vertreter stattfinden dürfen. Zudem hätte vor Versuchsbeginn eine Nutzen-Risiko-Bewertung der Versuche erfolgen müssen. Beides hat es offenbar nicht gegeben. Auch entsprachen die Versuche nicht den ethischen und moralischen Grundsätzen der Zeit.
Fazit:
Man muss „das Fortbestehen des Menschenbilder der ,psychopathischen Minderwertigkeit‘ und des in der Bevölkerung verbreiteten Dispositivs der ,Verwahrlosung‘ sehen. Ohne diese Tradierung wären die Prüfungen, wie insgesamt der menschenverachtende Umgang mit den Heimkindern in dem hier untersuchten Zeitraum, zweifelsfrei nicht möglich gewesen.“
„Möglich wurde dies durch den gesellschaftlichen Diskurs zur Verwahrlosung. Heimkinder waren ,die Anderen‘, die ,Gemeinschaftsfremden‘, denen nicht die gleiche Empathie entgegengebracht wurde wie vertrauten Menschen. Das Klima der ,Totalen Institution‘ in den damaligen Heimen war ein Nährboden für Gewaltexzesse gleich welcher Art. Dies betraf sowohl konfessionelle wie staatliche Einrichtungen.“
Hier endlich Verantwortung zu übernehmen, ist die Pflicht aller Beteiligten.
Mabuse-Verlag, 2020
ISBN: 9783863215323

Bernd Vogt
Missbraucht im Namen des Herrn: Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit in einer Evangelischen Freikirche

Wie bringt man Eltern dazu, ihr 10-jähriges Kind allen Ernstes vor die Wahl zu stellen: »Wenn der Herr Jesus Mama und Papa geholt hat, wo willst du dann bleiben, bei Oma oder lieber bei Tante Helga«? oder völlig emotionslos zu sagen: »Wenn du erst in der Hölle bist, dann können wir dir auch nicht mehr helfen«! Willkommen in der Welt einer Evangelischen Freikirche.
Bernd Vogt wurde in eine strenggläubige christliche Gemeinschaft, der auch heute noch sein älterer Bruder als Prediger angehört, hineingeboren. Als er mit 16 Jahren den Ausstieg schafft, liegt ein neues, faszinierendes Leben als »Weltmensch« vor ihm. Noch ahnt er nicht, dass ihn die zerstörerischen Glaubenssätze, die ihm seit frühesten Kindertagen eingetrichtert wurden, viele Jahre später in Form schwerer Erkrankungen, Ängsten und Depressionen einholen sollten.
Mit seinem Buch gewährt er Einblicke hinter die Kulissen scheinbar harmloser evangelikaler Freikirchen, die der breiten Öffentlichkeit sonst verwehrt bleiben. Er berichtet von einer Kindheit, die er als Außenseiter in Schule und Gesellschaft erlebte. Es sind mal tieftraurige Schilderungen, dann wieder urkomische Szenen, die er beschreibt; wie etwa sein verzweifelter Versuch, »im Freibad wie Jesus übers Wasser zu laufen« oder »das Gebirge vor seiner Haustür zu versetzen«. So entführt er die LeserInnen in eine groteske Parallelwelt – in ein Irrenhaus, das er Familie nannte, in eine »Heil«Anstalt, die er Gemeinde nannte.
Ein aufrüttelndes, überaus humorvolles Buch, das Nichtchristen wie Gläubige gleichermaßen zum Nachdenken anregt.
ISBN: 9783750459489

Detlev Zander
Und Gott schaut weg: Dieter Z. – ein Kind in der Hölle
Dieser Roman schildert die Geschichte eines Heimkindes in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschlands. An fiktiven Orten und mit fiktiven Personen wird dem Leser erzählt, wie dieses Kind eine evangelische Heimerziehung erlebt hat.
Oben wurde gebetet, in den Kellern wurde gefoltert. Den Kindern wurden moralische Grundregeln eingeprügelt, während viele der Verantwortlichen sich ein System der Bereicherung bis hin zum Kinderhandel geschaffen hatten.
Ein erschütterndes Buch, das den vielen noch lebenden Opfern dieses Systems Mut machen soll, auch ihre eigene Vergangenheit zu erzählen, die Scham zu überwinden, an die Öffentlichkeit zu gehen und die Namen der Täter zu nennen.
Books on Demand, 2015
ISBN-10: 3734780683
ISBN-13: 978-3734780684

1950 – 1979, 1980 – 1999, 2000 – 2014